Wirtschaft für Gesellschaft.
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500.000 Euro – mehr nicht

Verteilungsgerechtigkeit - das Titelthema der Januarausgabe von OXI.

OXI-Titelthema Verteilungsgerechtigkeit

Wie mutige PolitikerInnen Macht, Geld und Chancen gerechter verteilen können – jetzt in der neuen OXI-Ausgabe lesen.

In verschiedenen Märchen und Geschichten kommt jener sich sorgende und im Sterben liegende Vater vor, der verfügt, die beiden Kinder müssten sich nach seinem Tod das Erbe folgendermaßen teilen: Das erste Kind ist zuständig, das Vermögen in zwei Teile zu stückeln, das zweite Kind darf zuerst sagen, welchen Teil es haben möchte. Unter diesem Zwang geht es am Ende immer gerecht zu. Auch wenn das Prinzip der Freiwilligkeit außer Kraft gesetzt ist.

Eine spannende Erkenntnis unserer Recherchen für das Titelthema war, dass sich die Wut bei dem Thema Verteilungsgerechtigkeit nur schwer in Richtung der ganz Reichen kanalisieren lässt. Ungerechtigkeit wird eher auf horizontaler Ebene empfunden. Erstaunlicherweise funktioniert es im politischen Bereich anders. Da sind »die da oben« längst zur feststehenden Redewendung für eigene Ohnmachtsgefühle geworden. Die da oben machen immer, was sie wollen. Obwohl es doch eher die Reichen und Superreichen sind, die so handeln und leben können. Sie setzen sich über Grenzen und Gesetze hinweg, spielen mit dem Geld der anderen, wetten auf Staaten, feiern Leerverkäufe, nehmen die Gewinne und reichen die Verluste an Staat und Bevölkerungen weiter.

Verteilungsgerechtigkeit – das Titelthema der OXI-Januarausgabe.

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Extremer Reichtum ist fast immer obszön, aber meist auch faszinierend. Und der einst tellerwaschende Millionär ist nur schwer aus den Köpfen zu kriegen. Bedient er doch die Vorstellung, jede und jeder könnte es dahin schaffen und irgendwann einmal reich sein. Bewegungen wie Occupy oder die spanischen Indignados haben für eine bestimmte Zeit Menschen auf die Straße gebracht und das Bewusstsein für Ungerechtigkeit geschärft. Das System wurde trotzdem nicht erschüttert. Und wenn es zu heftig wurde, hat man die Protestierenden als Randalierer stigmatisiert. Autos anzünden geht gar nicht, auch wenn es ein SUV ist.

Wenn PolitikerInnen wollten, was sie könnten, ließe sich ein gerüttelt Maß an Verteilungsgerechtigkeit herstellen. Egal, ob wir es Millionärssteuer oder Reichensteuer nennen. Sie wollen aber nicht und haben gute Gründe dafür. Wolfgang Schäuble, der seit 1972 im Deutschen Bundestag sitzt und Finanzminister ist, wurde in seinem Wahlkreis Offenburg mit 99,1 Prozent der Stimmen erneut als Bundestagskandidat nominiert. Das wäre ihm nicht passiert, hätte er für eine Millionärssteuer gefochten, für schärfere Regulierung der Finanzmärkte, ein Ende der „Lohnzurückhaltung“ oder spürbare Verteilung von oben nach unten – hin zu den 99 Prozent.

Dies ist die fünfte Ausgabe von „OXI Wirtschaft für Gesellschaft“. Ein neues Jahr beginnt. Möge es jenen, die Politik machen, Mut schenken und denen, die an ihrem Reichtum zu ersticken drohen, Weisheit.

OXI gibt es am Kiosk. Sie können OXI auch abonnieren oder ein Probeabo abschließen.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

Kathrin Gerlof hat Journalistik in Leipzig studiert, viele Jahre als Redakteurin bei Tageszeitungen gearbeitet...