Wirtschaft
anders denken.

»Abwicklung«, »Ausverkauf«, »Betrug«: Neue Studie zur Treuhandanstalt kommt

23.11.2017
Bundesarchiv, B 145 Bild-F088842-0027 / Thurn, Joachim F., Lizenz: CC BY-SA 3.0

Eine schon länger erwartete Studie zur Wahrnehmung der Treuhandanstalt unter Ostdeutschen kommt nun – mit dem Ergebnis, die Privatisierungsbehörde erscheine vielem als »das zentrale (Negativ-)Symbol einer umfassenden, regelrecht schockartigen Überwältigung des Ostens durch den Westen«.

Eigentlich sollten die Ergebnisse dieser Studie schon im Sommer vorliegen, das Thema »Aufarbeitung des Wirkens der Treuhandanstalt« spielte sogar im Wahlkampf eine kleine Nebenrolle – vor allem SPD und Linkspartei versuchten, die Wendeerfahrungen in irgendeiner Weise noch einmal zu politisieren. Nach der Wahl stand die Frage kurz im Mittelpunkt, was denn eigentlich die Gründe für die hohe AfD-Zustimmung im Osten gewesen sein könnten. Nun berichtet der »Spiegel« vorab aus dem über 130 Seiten umfassenden Abschlussbericht der Untersuchung »Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt«, vorgelegt von Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum.

Im Kern geht es darum, wie die Arbeit der Privatisierungsbehörde in der Erinnerung der Ostdeutschen heute immer noch eine Rolle spielt, wie Deindustrialisierung, massenhafter Jobverlust und die Art des Umgangs mit dem staatlichen Vermögen der DDR das Bild der Wende im Rückblick prägten, also auch den Absturz vom Sockel der Hoffnung in das Tal der Tränen aus Erwerbslosigkeit und geschlossenen Betrieben.

Dass die Treuhandanstalt in der Untersuchung als eine »erinnerungskulturelle Bad Bank« beschrieben wird, in die sozusagen alle negativen Erfahrungen der Transformationsjahre eingezahlt wurden, davon war hier bereits früher schon im Blog die Rede. Das Magazin schreibt unter Berufung auf die Studie, für viele Ostdeutsche sei die Treuhand ein »negativer Gründungsmythos der Berliner Republik«, sie erscheine als »das zentrale (Negativ-)Symbol einer umfassenden, regelrecht schockartigen Überwältigung des Ostens durch den Westen«.

Dominantes Erzählszenario: Entwertung der DDR

Die Forscher um die Bochumer Zeithistoriker Constantin Goschler und Marcus Böick haben Akteure von damals interviewt, darunter so genannte Berater, Manager der Treuhandanstalt, Betriebsräte. Sie haben eine Feldstudie mit rund 500 Menschen aus Eisenach und Leipzig unternommen, bei der die Sicht auf die Behörde bei Zeitzeugen und später Geborenen im Zentrum steht. Als »dominantes Erzählszenario« über die Wendezeit, so der »Spiegel«, habe sich in der Untersuchung »die Vorstellung einer radikalen und unkontrollierten Abwicklung beziehungsweise Entwertung der DDR, ihrer zuvor volkseigenen Betriebe sowie im weiteren Sinne auch ihrer Gesellschaft, Kultur und Identität« herauskristallisiert. Das zeige auch die Zahl der bei Befragungen benutzten Begriffe – ganz vorn mit dabei »Abwicklung«, »Ausverkauf«, »Betrug«.

Die Studie selbst bilanziert nicht die Arbeit der Treuhandanstalt, es geht um Wahrnehmungen derer, deren Leben vom Wirken der Privatisierungsbehörde geprägt, mitunter aus der Bahn geworfen wurde. Die bisherige Ostbeauftragte der Bundesregierung, die SPD-Politikerin Iris Gleicke, hatte bereits bei der Vorstellung des Vorhabens vor über einem Jahr erklärt, ihr sei es »wichtig, die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Treuhandanstalt einmal gleichberechtigt nebeneinanderstellen und untersuchen zu lassen, welche Faktoren hierfür maßgeblich sind. Das Forschungsvorhaben soll zu einer Versachlichung der immer wieder aufflammenden, kontroversen und in Teilen sehr emotionalen Debatte beitragen«.

Einer der beteiligten Historiker, Marcus Böick, wird im »Spiegel« nun mit ganz ähnlichen Worten zitiert, die Aufarbeitung der Treuhandarbeit müsse nun dringend erfolgen, so die Empfehlung – »ansonsten wird sich die Mythenbildung vor allem im Osten verfestigen, und die Traumata aus der Nachwendezeit werden unbewältigt bleiben.«

Geschrieben von:

OXI Redaktion