Wirtschaft
anders denken.

Adam Smith: Sozialliberaler Urgroßvater

07.02.2021

Nicht nur „unsichtbare Hand“ des Marktes und Lobhymne aufs Kapital: Warum es sich lohnt, einen neuen Blick auf Adam Smith zu werfen. Ein Text aus dem nd.

Viele Linke verstehen nicht, wieso man sich neu mit Adam Smith beschäftigen sollte, jenem Ideologen des Kapitalismus (und Kolonialismus). Allgemein gilt der Begründer einer eigenständigen Wirtschaftswissenschaft als – die »unsichtbare Hand« lässt grüßen – der Vordenker des »freien Marktes«. So verbreitet etwa die Bundeszentrale für politische Bildung im Internet ein vom »Duden« erarbeitetes »Grundlagenwissen für Schule und Studium«, demzufolge Smiths Lehre im Kern besage, dass Egoismus am Ende allen helfe und »staatliche Eingriffe« daher tunlichst zu unterbleiben hätten.

Gewiss lässt sich Adam Smith oberflächlich so lesen. Und ebenso sicher geht es Smith um eine Legitimation des Systems, das wir seit Marx Kapitalismus nennen. Dennoch gibt es bereits seit einem Jahrhundert auch eine andere Lektüre des liberalen Klassikers. So verweist etwa Walter Eckstein in der Einleitung seiner Übersetzung von Smiths »Theorie der ethischen Gefühle« auf die Perspektive des französischen Ökonomen Charles Gide, der vor rund hundert Jahren meinte, bei Smith handle es sich um den »wahren Vorläufer des Sozialismus«.

Das klingt provozierend. Doch gibt es in seinen Hauptwerken – die »Theorie der ethischen Gefühle« (TeG) und »Über den Wohlstand der Nationen« (WdN) – tatsächlich Stellen, die Smith nicht als den Ahnherrn eines Christian-Lindner-Neoliberalismus erscheinen lassen. Sondern eher als das, was man heute sozialliberal nennt.

Freiheit und Gleichheit

Adam Smith – ein Sozialist? Der erwähnten Zuspitzung bei Charles Gide lässt sich auf den Grund gehen, indem man Smith gegen Karl Marx hält, der den Briten ja ausführlich studiert hat. dabei zeigt sich, dass Smith und Marx in der Beschreibung zentraler Sachverhalte oft gar nicht so weit auseinanderliegen – und ersterer, nicht zweiterer es war, der Auswüchse kapitalistischer Verhältnisse auch mit moralischer Kritik überzog. Aber der Reihe nach.

Für Adam Smith ist die »kommerzielle Gesellschaft« durch Arbeitsteilung und Tausch definiert: Erst in ihr lebt der Mensch »weitgehend von Gütern, die andere erzeugen und die er im Tausch gegen die überschüssigen Produkte seiner Arbeit erhält«, sodass »eigentlich jeder vom Tausch« lebt (WdN S. 22f). Diese Analyse schließt einen wesentlichen Aspekt des Kapitalismus ein, den Arbeitsvertrag: »Was üblicherweise der Arbeitslohn ist, hängt von dem Vertrag ab, den beide Parteien (…) vereinbaren, wobei die Interessen der beiden keinesfalls die gleichen sind« – will doch der Arbeiter viel bekommen und der »Meister« wenig geben. (WdN, S. 58).

Auch Marx schreibt im Kapital, dass Arbeiter rechtlich den Kapitalisten gleich sind, mit denen sie einen Vertrag eingehen, nicht aber sozial: Der Arbeiter ist »frei in dem Doppelsinn«, dass er seine Arbeitskraft frei verkaufen kann, aber auch »frei« ist »von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen« (MEW 23, S. 183). Er ist nicht selbst ein Produktionsmittel wie etwa Sklaven, verfügt aber auch nicht über Produktionsmittel wie etwa Bauern. So setzt das »Kapitalverhältnis (…) die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus« (MEW 23, S.742).

Arbeit und Eigentum

Dieses Problems ist sich auch Smith bewusst: »Mitunter kommt es tatsächlich vor, dass ein unabhängiger Handwerker selbst genügend Kapital besitzt, um das Arbeitsmaterial zu kaufen und seinen Lebensunterhalt so lange zu bestreiten, bis das Werkstück fertig ist (…).« Doch käme davon in Europa einer auf zwanzig abhängige (WdN S. 57). Dass der »Meister« bei Lohnverhandlungen im Vorteil ist, hat Smith so sehr vor Augen wie Marx: Smith betont, dass die »Meister« in Lohnkonflikten »viel länger durchhalten« können, weil sie in der Regel Vermögen hätten: »Für längere Zeit mag zwar der Unternehmer genauso auf den Arbeiter angewiesen sein wie umgekehrt dieser auf ihn, für kurze Zeit ist er es aber nicht« (WdN S. 58).

Im Sinne seiner »kommerziellen Gesellschaft« forderte forderte Smith umfassende Rechtsreformen: etwa die Abschaffung von Zunftregularien und der elisabethanischen Armengesetze, die es den Pauperisierten verboten, woanders ihr Glück zu suchen. Marx konnte später die Durchsetzung eben dieser Rechtsverhältnisse bereits als Genese des Kapitalismus beschreiben. In Smiths Polemik zumal gegen jene Ortsbindung der Armen scheint dabei ein Umstand auf, auf den man heute vielleicht erneut hinweisen muss: Während Marx’ Kritik der politischen Ökonomie nicht moralisch, sondern analytisch ist, wird Smith hier emotional: »Das Eigentum, das jeder Mensch an seiner Arbeit besitzt«, sei »in höchstem Maße heilig und unverletzlich«, insofern es »im Ursprung alles andere Eigentum begründet«. Das »Erbe eines armen Mannes liegt in der Kraft und dem Geschick seiner Hände, und ihn daran zu hindern, beides so einzusetzen, wie er es für richtig hält (…), ist eine offene Verletzung dieses heiligsten Eigentums, offenkundig ein Übergriff in die wohlbegründete Freiheit des Arbeiters (…)« (WdN S. 106).

Ein Recht auf den Ertrag der eigenen Arbeit kannte die politische Philosophie schon vor Adam Smith. In John Lockes Eigentumstheorie ist es dieses Recht, das die ursprüngliche Aneignung von Ackerland legitimiert. Aber während Smith dieses Recht auch dem Arbeiter zuschreibt, ist es bei Locke nicht universell. Der ›Torf stechende Knecht‹, der für seinen Meister den Torf sticht, gilt ihm nicht als Rechtssubjekt, sondern als Teil des meisterlichen Haushalts.

Konsequent würde dieses Recht auf den Ertrag der eigenen Arbeit dem Arbeiter das ganze Arbeitsprodukt zusprechen – und nicht nur, was nach Abzug des Profits bleibt. Aufgrund der ungleichen Verhandlungspositionen hat aber der Lohn die Tendenz, auf das Existenzminimum zu sinken. Die »Minimalgrenze des Werts der Arbeitskraft wird gebildet (…) durch den Wert der physisch unentbehrlichen Lebensmittel«, so Marx im Kapital (MEW 23, S. 187). Der Lohn, den der Kapitalist bei Marx zahlt, entspricht »dem Wert der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel«, enthält aber auch ein »historisches und moralisches Element« (MEW 23, S. 185). In Marx’ Beispiel müsste der Arbeiter nur halbtags arbeiten, um das Äquivalent der von ihm verbrauchten Lebensmittel zu produzieren, aber der Kapitalist fordert einen ganzen Tag. Er nutzt den Gebrauchswert der Arbeitskraft, zahlt aber nur ihren Tauschwert – die Differenz ist als Mehrwert Grundlage des Profits.

Legitimität und Moral

Dies aber meint Marx weniger als moralische Kritik denn Beschreibung. Marx geht nicht von normativen Gerechtigkeitsideen aus. Den Stellenwert, den andere einer Philosophie des Wünschenswerten zumessen, hat bei ihm die Geschichtstheorie: »Die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation« – nämlich eine Ära des »Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel« (MEW 23, S. 791). Wenn Marx diese Revolution prognostiziert, stellt sich die Frage nicht, ob die Arbeiter moralisch verpflichtet wären, den Gesetzen des kapitalistischen Staates zu folgen. Legitimität ist hier eine rein historische Kategorie: Legitim ist, was von wirksam vielen dafür gehalten wird.

Smith argumentiert in der Frage nach dem Mindestlohn einerseits utilitaristisch – das Arbeitsentgelt müsse »meistens« über dem Existenzminimum liegen, da »es dem Arbeiter sonst nicht möglich wäre, eine Familie zu gründen« und die »Rasse (race) der Arbeiter« ausstürbe. Andererseits hat er aber auch eine moralische Begründung, die Vereinbarkeit »mit unserer Vorstellung von Humanität« (WdN S. 60): Es sei »recht und billig«, dass »diejenigen, die alle ernähren, kleiden und mit Wohnung versorgen, so viel vom Ertrag der eigenen Arbeit bekommen sollen, daß sie sich selbst richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen können« (WdN S. 68). Für Smith ist ein nur physisch existenzsichernder Lohn moralisch vertretbar, wünschenswert aber ist ein soziokulturelles Minimum auch für die Ärmsten.

Für Smith besteht bei absoluter Armut ein moralisches Problem, nicht jedoch bei relativer Armut. Die ökonomische Ungleichheit im Kapitalismus erachtet er als legitim. In der »Theorie der ethischen Gefühle« schreibt er, dass der »Lohn des geringsten Arbeiters« ausreichen würde, um die »natürlichen Bedürfnisse« zu befriedigen, und die Arbeiter sogar einen »großen Teil des Lohnes auf Luxusbedürfnisse« ausgeben würden, welche »überflüssig« seien (TeG S. 77).

Die Forderung nach Lebensnotwendigem wie Ernährung, Kleidung und Wohnung ist für Smith moralisch begründet, die nach der Erfüllung der Luxusbedürfnisse nicht. Damit rechtfertigt Smith den ungleichen Lohn des Arbeiters und grenzt sich gegen die radikale Kritik des Luxus ab. Etwa von Jean-Jacques Rousseau, der im »Diskurs über die Ungleichheit« zu dem Fazit kommt, es sei »offensichtlich wider das Gesetz der Natur«, dass »eine Handvoll Leute überfüllt ist mit Überflüssigem, während die ausgehungerte Menge am Notwendigsten Mangel leidet«. Wo Rousseau eine spartanische Selbstversorgergesellschaft vorschwebt, will Smith darlegen, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Arbeiter wenigstens keinen Mangel an Lebensnotwendigem leiden.

Staat und Steuern

Aber auch Adam Smiths moderate Luxuskritik hat praktische Konsequenzen – nämlich die seinerzeit neue Forderung nach einer Einkommenssteuer, die zudem progressiv zu gestalten sei: Bürger sollten zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben »im Verhältnis zu ihren Fähigkeiten« beitragen, »was bedeutet, dass sich ihr Beitrag nach dem Einkommen richten sollte, das sie jeweils unter dem Schutz des Staates erzielen« (WdN S. 703). Smith gibt das Beispiel des Wegegelds: Würde dieses »für Luxusfahrzeuge (…) im Verhältnis zu ihrem Gewicht etwas höher angesetzt als für unentbehrliches Fuhrwerk (…) so lässt man den Wohlhabenden aufgrund seiner Bequemlichkeit und Eitelkeit auf höchst einfache Art zur Unterstützung der ärmeren Leute beitragen, da die Fracht für schwere Waren dadurch im ganzen Land verbilligt wird« (WdN S. 614). Die Kosten für die Staatsausgaben seien nicht allein durch eine Besteuerung der Armen zu decken.

Es ist unmöglich, Smiths Legitimation des Kapitalismus von seiner Forderung nach progressiver Besteuerung zu isolieren. Seine moralische Billigung der niedrigen Löhne begründet sich ja auch in der Luxuskritik. In diesem Rahmen kann über Smiths politische Einordnung diskutiert werden. So spekuliert die Journalistin Ulrike Herrmann, Smith hätte die Entstehung von Gewerkschaften »sicher begrüßt«. Zwar zeigt er sich im Wohlstand der Nationen skeptisch gegenüber Arbeitskämpfen, führten doch die »Gewalttätigkeiten bei solchen tumultartigen Aktionen« selten zum Erfolg (WdN S. 59). Vielleicht konnte Smith es sich nicht vorstellen, dass die Arbeiter ein Mittel gegen jenen Vorteil der »Meister« in Sachen Durchhaltefähigkeit finden würden. Hätte Smith als Zeuge der Erfindung der Streikkasse die konsequente Kräfteverschiebung im Sinne seines rudimentären Gerechtigkeitsbegriffs – die Arbeiter sollten sich »richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen« – begrüßt? Oder hätte er dies im Sinne seiner Luxuskritik diskutiert, die ja nicht nur die Reichen ansprach? genau kann man das nicht wissen, denn gewerkschaftliche oder gesetzliche Regulierungen des Arbeitsvertrages lagen jenseits seines Horizonts.

Markt und Regulierung

Was aber ist nun mit der »unsichtbaren Hand«? An der entsprechenden Stelle entscheidet sich ein Händler, nicht international, sondern im eigenen Land einzukaufen. Er fördert dabei »nicht bewußt das Allgemeinwohl«, sondern denkt »nur an die eigene Sicherheit« und Gewinn. So wird er »in diesen wie auch vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat« (WdN S. 371). Doch setzt Smith diesem alltagsplausiblen Bild Grenzen. Nicht alleine walten sehen wollte er die »unsichtbare Hand« etwa bei den Banken. Im zweiten Band des »Wohlstands der Nationen« schlägt er Regulierungen gegen Bankeninsolvenzen vor. Dies sei so wenig eine unzulässige Beschränkung natürlicher Freiheit wie »die Vorschrift zum Bau einer gemeinsamen Brandmauer, um das Übergreifen von Feuer zu verhindern« (WdN S. 267).

Gern benutzen Vertreter eines radikalen Marktliberalismus den Klassiker Smith als historische Beglaubigung ihrer heutigen Agenden. Schlägt man aber nach, zeigen sich erhebliche Dissonanzen – erstens bei konkreten wirtschaftspolitischen Vorstellungen. Smith war durchaus kein Vertreter eines libertären Minimalstaates, eine progressive Besteuerung erschien ihm recht und billig – und sein Vertrauen in jenen Mechanismus, der den Egoismus der einzelnen in das Wohl aller überführe, hatte Grenzen.

Zweitens muss, wer Smith als Vorläufer des heutigen Neoliberalismus lesen will, dessen ethische Theorie weitgehend ignorieren. Der Neoliberalismus setzt stillschweigend den sprichwörtlichen homo oeconomicus voraus, also ein Bild vom Menschen als kühlem, rationalem Nutzenmaximierer. Ein solcher hätte kein moralisches Problem, im Wohlstand zu leben, während andere hungern. Er würde sich freuen, dass Güter seines Bedarfs durch Hungerlöhne verbilligen. Ethisch geht Smith aber – anders als etwa Thomas Hobbes und Bernard Mandeville – gerade nicht davon aus, dass Menschen nur aus Eigeninteresse handelten. Der Ökonom Rudolf Hickel hatte sehr Recht, als er jüngst im Interview mit dieser Zeitung davon sprach, es deute sich bei Smith ein »emanzipatorischer Individualismus« an, ein Klima gesellschaftlicher Sympathie, das gegen den »seelenlosen homo oeconomicus« stehe: Smith hat einen normativen, empathischen Begriff von Humanität, von menschlichem Mitgefühl – »Sympathy« -, der etwa Armutslöhne skandalisiert.

Politik und Ethik

Dass Smith davon ausgeht, die »kommerzielle Gesellschaft« werde eine ethisch vertretbare Bezahlung ohne staatliche Eingriffe erreichen, lässt sich empirisch widerlegen. Ideengeschichtlich hat Charles Gide mit seiner Einordnung Smiths in eine »sozialistische« Linie übertrieben. Doch nicht nur Details von Smiths Politikvorstellungen, sondern auch seine normative ethische Theorie legt es nahe, ihn als Vertreter eines sozialliberalen Kapitalismus einzuordnen.

Das herauszustellen ist nicht nur ein akademischer Fortschritt. Es wäre im Streit um die Zukunft der Gegenwartsgesellschaft auch ein Politikum, das eingangs erwähnte, vulgäre »Grundlagenwissen für Schule und Studium«, das Smith auf die Formel »unsichtbare Hand plus freier Markt« reduziert, um eine Formulierung wie vielleicht die folgende zu ergänzen: »Allerdings lehnte Smith Löhne unterhalb eines sozio-kulturellen Existenzminimus ab, wollte Reiche stärker besteuern als Arme und war ein früher Fürsprecher einer Regulierung der Banken.«

Geschrieben von:

Dirk Tegtmeyer