Wirtschaft
anders denken.

Die Verheißungen des ästhetischen Kapitalismus

22.08.2016
Ein schwarzer glänzender BMW mit aufgeklappten Türen vor Bergkulisse.Foto: TED Conference / Flickr CC-BY-NC 2.0 LizenzMehr Kokon als Fahrzeug, verspricht BMW. Die Midlife-Crisis-gebeutelte Kundschaft freut's.

BMW stellt fahrbare Wellnessanlagen her, die FAZ hilft dabei, und Gernot Böhme, Philosoph, erläutert wunderbar, warum dieser Schwachsinn unser Alltag ist.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) ist an einem Samstag im Monat immer besonders fett, wegen ihres 52seitigen hochformatigen Glanzpapier-Warenhauses magazin. Darin erklärt diesmal Harald Krüger, Vorstandsvorsitzender von BMW, dass seinen KundInnen das Auto »sozusagen ein Kokon« sei, weshalb sich »unser Siebener« mit »Massagesitzen, spezieller Lichtsteuerung, eigenen Duftstoffen, hochwertigen Ledervarianten und vielen weiteren Komfortfunktionen« bereits an diesen Begehrnissen orientiere. Auch habe besonders der Mini-Fahrer eine »sehr persönliche Beziehung zu seinem Auto«, weshalb der Konzern alles tue, dass FahrerInnen eines Mini, die in Frankfurt in den Flieger steigen, in Los Angeles nach Ankunft was vorfinden? Genau, das: den »identischen Mini. Dieselbe Farbe, dasselbe Interieur, dieselben Einstellungen von Fahrwerk und Motor, das identische Medien-Set, dieselbe Musik.« Krügers stolze Botschaft: »… der Mini erkennt seinen Fahrer und stellt sich ganz auf ihn ein«.

In diesen Jahren wird viel über Postkapitalismus gerätselt, und nicht nur Paul Mason, auch renommierte Wissenschaftler wie Immanuel Wallerstein und Michael Mann beschäftigen sich mit Fragen wie »Stirbt der Kapitalismus« – und wann? In dem Büchlein »Ästhetischer Kapitalismus« des Darmstädter Philosophen und Kulturwissenschaftlers Gernot Böhme erfahren wir dagegen, warum dieser Kapitalismus weiterlebt und weiterlebt und weiterlebt.

Warum der Kapitalismus lebt und lebt

Seit in den westlichen Wirtschaftsstaaten wenigstens Mehrheiten ihre wichtigsten Bedürfnisse in der Regel gut befriedigen können, hat der Spätkapitalismus auf ästhetischen Kapitalismus umgesattelt: Diesen Mehrheiten werden nun endlos zu steigernde »Begehrnisse« angeboten, konkret: Inszenierungen, Aufmerksamkeit und Anerkennung, Stile, Lifestyle, Güter, mit denen das Leben so ausgestattet werden kann, dass man erkennbar wird und so irgendwo dazugehört. In der Sprache der Wirtschaft, von deren Perspektive aus Böhme argumentiert: Der Tauschwert einer Ware – nicht abstrakt in Geld beziffert, sondern aus Sicht der KonsumentInnen im Sinne von Inszenierung, Ausstrahlung und Attraktivität – ist wichtiger als deren Gebrauchswert geworden. Nach Böhme geht das schon seit den 1960er und 1970er Jahre so. Böhme geht davon aus, »dass der fortgeschrittene Kapitalismus unserer Zeit auf diesen Wandel der Bedürfnisstruktur angewiesen ist, soll er sein Wesen als Wachstumsökonomie beibehalten«. Das Wachstumsdenken und –handeln überführt Böhme in einem sehr überzeugenden Kapitel als Ideologie, indem er es unter anderem mit dem physikalischen Begriff der Leistung konfrontiert.

Die eine und andere spannende Frage spart der Autor aus: Wie werden Gesellschaften »zusammengetackert«, in denen Mehrheiten ihren Begehrnissen frönen, während Minderheiten nicht einmal ihre Bedürfnisse befriedigen können? Und welche Triebfedern, außer der Anerkennung, bewegt diese Mehrheiten, sich dem Überflusskonsum hinzugeben? Oder sind wir alle durchmanipulierte Konsumgeschöpfe? Zumal sich die Verschuldung der privaten Haushalte eher erhöht, die BürgerInnen also Waren, die sie nicht brauchen, mit Geld kaufen, das sie nicht haben.

Die weitere Eskalation des »Ästhetischen Kapitalismus«

Da der jüngste Text in diesem Büchlein aus dem Jahr 2012 stammt, ist das Potenzial für die weitere Eskalationen eines ästhetischen Kapitalismus, das in den sozialen Medien, in der mobilen Kommunikation und der damit verbundenen (Selbst-)Inszenierung schlummert, von Böhme vermutlich noch nicht ausreichend gewürdigt. Trotz dieser Einschränkungen: Ein sehr lesenswertes Buch, in dem Böhme auch sehr anschaulich ausführt, wie er seine Idee des Ästhetischen Kapitalismus unter anderem in die Arbeiten von Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Jean Baudrillard und Wolfgang Fritz Haug einordnet.

Wer das Denken von Gernot Böhme kennt, der findet in dem Sammelband mit Aufsätzen aus den Jahren 2001 bis 2012 freilich wenig Neues. Entsprechend herablassend fällt die Rezension in der FAZ selbst aus, denn sie kennt das alles ja aus ihrem Alltag, den sie zu großen Teilen dem Erhalt von Böhmes Untersuchungsobjekt widmet. Sie und ihre Redakteure werden dies tapfer weiter tun, obwohl auch für sie die Umstände widriger werden: Die Auflage geht seit Jahren zurück, der Verlag muss immer wieder tüchtig sparen.

Trotz alledem: Der magazin-Redaktionsverantwortliche, Alfons Kaiser, plaudert im Editorial, er überweise »seit Beginn der Midlife-Crisis« jedes Jahr vierstellige Summen an Straßenverkehrsämter wegen überhöhter Geschwindigkeit und Falschparkens, und wie teuer das alles in der Schweiz und Deutschland sei, wie günstig dagegen in Paris, wo er jüngst an der Avenue Montaigne nur »kurz… gegenüber von Dior« geparkt habe, dann in der Tiefgarage, Avenue Foch, lediglich 170 Euro Abschleppgebühren hinlegen musste. Verglichen mit Frankfurt, Zürich etc. sei dieser Betrag dermaßen »menschlich«, dass er Arm in Arm mit dem Parkhauswächter so sehr in »erleichtertes Gelächter« ausgebrochen sei, dass ihr beider Lachen im Pariser Parkdeck, Avenue Foch, »widerhallte«, vermutlich erst kurz vor Montaigne und Dior erstarb. Ein Editorial, eine Botschaft: Der »Ästhetische Kapitalismus« kann auf Herrn Kaiser und seine FAZ bauen.

Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus, edition Suhrkamp, Berlin 2016. 160 Seiten, 14 Euro.

Geschrieben von:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater

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