Wirtschaft
anders denken.

Alle reden über MMT. Worüber? Ein Überblick zur Modern Monetary Theory

21.03.2019
Geralt/pixabay.com

»Plötzlich sollen Schulden gut sein«, »Eine neue Geldtheorie spaltet die Wirtschaft«, »MMT – oder wie wir lernten, die Staatsschulden zu lieben«. Am Thema Modern Monetary Theory kommt man derzeit kaum vorbei. Das Interesse ist groß und seit dem Jahreswechsel geradezu explodiert, wie man den Statistiken von Suchmaschinen entnehmen kann. Wir stellen hier ein paar Links zusammen, die dabei helfen sollen, sich einen Überblick zu verschaffen. 

Längere Zeit war MMT eher ein Thema für ÖkonomInnen, inzwischen erscheinen immer mehr Texte für eine breitere Öffentlichkeit. Man kann dafür mehrere Gründe anführen – etwa die Tatsache, dass die Modern Monetary Theory in der US-Politik eine wachsende Rolle spielt, seit sich linke Demokraten dort für diesen Ansatz immer stärker interessieren oder mit ihm in Verbindung gebracht werden. Hinzu kommt, dass bisher von vielen als unumstößlich gehaltene ökonomische Annahmen in der Wirklichkeit keine Entsprechung mehr finden. 

Holger Zschäpitz sieht in der »Welt« ein »ehernes monetäres Gesetz verdrängt« – nämlich »die eigentlich in Stein gemeißelte Tatsache, dass wer die Welt mit Geld flutet, früher oder später Inflation erntet.« Dies sei trotz der enormen »Rettungsmaßnahmen« der Notenbanken nach der großen Krise aber nicht passiert, obgleich EZB, Fed und die Bank von Japan »zusammen umgerechnet zehn Billionen Dollar in die Märkte gepumpt« haben. »Doch trotz der massiven Geldspritzen sind die Preise nicht in Bewegung gekommen. Im Gegenteil: Zuletzt fiel die durchschnittliche jährliche Teuerung in den drei führenden Regionen auf 1,1 Prozent, was weit unterhalb des Inflationsziels von zwei Prozent liegt.« Zudem lasse »sich ein weiteres Paradox beobachten. Obwohl viele Staaten Rekordschulden aufgehäuft haben, liegen die Zinsen weiter auf extrem niedrigen Niveaus«. Beide Erfahrungen hätten »zu einem Umdenken bei vielen ökonomischen Beobachtern geführt. Es ist eine breite Debatte über die generelle Funktionsweise des Geldes entbrannt«.

»Wovon sprechen wir überhaupt? Kurz zusammengefasst besagt MMT: Ein Land, das seine eigene Währung hat, kann ganz einfach Geld drucken, wenn es darum geht, seine Schulden zu bezahlen. Die Zentralbank muss einzig dafür sorgen, dass die Zinsen tiefer bleiben als die Wachstumsrate des BIP«, heißt es im Newsportal »Watson«. Die Anhänger der MMT um Ocasio-Cortez »fordern einen radikalen Wandel«, heißt es bei Reuters: »Diese Denkschule propagiert eine freigiebige Ausgabenpolitik. Steuern sind ein Mittel, die Inflation in Schach zu halten. Die Theorie geht davon aus, dass Staaten mit eigener Währung immer auf die Notenpresse zurückgreifen können, um Kredite zu bedienen. Gegner halten das für gefährlich, da dadurch Hyperinflation und wirtschaftlichem Niedergang Tür und Tor geöffnet würden.«

Norbert Häring fasst im »Handelsblatt« den MMT-Grundgedanken so zusammen: »MMT ist eine mit rund 25 Jahren recht junge Theorie. Im Zentrum steht die ›staatliche Theorie des Geldes‹, die Georg Friedrich Knapp vor 100 Jahren entwickelte. Demnach gibt der Staat Geld heraus und bestreitet damit seine Ausgaben. Steuern werden im Rahmen von MMT nicht als Finanzierungsinstrument des Staates betrachtet. Vielmehr dienen sie dazu, die Inflation zu begrenzen, indem ein Teil des Geldes wieder eingesammelt wird, und daneben als Instrument der Umverteilung. Auch Staatsanleihen dienen nicht der Finanzierung, sondern dazu, den Zins zu steuern und zu verhindern, dass dieser auf Null fällt. Denn durch Ausgabe von Anleihen tauscht die Regierung einen Teil des ausgegebenen, zinslosen Geldes gegen verzinste Anleihen.« 

Eine ausführliche Vorstellung der MMT, bei der einer der führenden deutschen Vertreter das Review besorgt hat, der Ökonom Dirk Ehnts, findet sich bei Exploring Economics. »Die Modern Monetary Theory ist eine geldtheoretische und makroökonomische Denkschule, bei der es hauptsächlich um die Analyse des Geld- und Kreditsystems und insbesondere um die Frage der Kreditschöpfung geht. Sie beruht auf den Ideen des Postkeynesianismus und des von Georg Friedrich Knapp begründeten Chartalismus«, heißt es da und weiter: »Die MMT übt Kritik an drei in der Neoklassik entstandenen essenziellen Fehleinschätzungen der Geldtheorie und ist damit als Gegenentwurf zur neoklassischen Geldkonzeption zu verstehen.« Eine Einführung in die MMT gibt es zudem hier bei Bloomberg.

Schon 2017 hatte Ehnts in der Zeitschrift »Berliner Debatte Initial« die »entscheidenden Innovationen von MMT« so beschrieben: »die Kombination von endogener Kreditschöpfung (Banken schaffen Giralgeld aus dem Nichts) und einer chartalistischen Sicht (Zentralbanken schaffen Zentralbankgeld aus dem Nichts) in Verbindung mit einer Makroökonomie, die sich strikt auf Einnahmen/ Ausgaben und die damit verbundene Veränderung der finanziellen Nettoverschuldung der Sektoren Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland fokussiert«. Ehnts warnte damals, den Ansatz mit Erwartungen zu überfrachten: »Die MMT wird unsere Probleme nicht lösen. Die MMT führt nicht zu einer besseren Welt. Die MMT wird uns das Denken nicht abnehmen. Eine makroökonomische Theorie erklärt geldtheoretische und makroökonomische Zusammenhänge. Sie kann eine – nicht die einzige – Grundlage unseres Denkens sein. Sie kann indirekt zur Lösung unserer Probleme beitragen, indem sie die Qualität der Analyse erhöht und Möglichkeiten aufzeigt, eine bessere Welt zu schaffen.«

Diskussionen über MMT werden und wurden unter anderem bei der »Ökonomenstimme« (hier ein Beitrag von Ehnts, der sowohl Antwort auf diesen Beitrag als auch Anlasse für eine weitere Replik ist) oder auf dem Portal »Makroskop« geführt, wo unter anderem Heiner Flassbeck, Bill Mitchell, Paul Steinhardt sowie Ehnts und Martin Höpner debattierten, der dort anmerkte: »Die Modern Monetary Theory überzeugt nicht nur als korrekte deskriptive Theorie der Kredit- und Geldschöpfung und der Geldkreisläufe. Sie öffnet auch die Augen für unterausgeschöpfte Handlungspotenziale. Allerdings werden diese von der MMT systematisch überzeichnet.«

Ehnts, der Dozent für Volkswirtschaftslehre am Bard College Berlin ist, steht der Samuel Pufendorf Gesellschaft für politische Ökonomie vor, die im Februar die erste »Internationale europäische MMT-Konferenz« organisiert hat. Auf der Website sind bereits einige Vorträge und Präsentationen dokumentiert, weitere sollen folgen. Beim »Bonner Generalanzeiger« ist ein Bericht zu der Veranstaltung nachzulesen.

Zu den international führenden VertreterInnen der MMT gehört Stephanie Kelton, mit der die »Süddeutsche« ein Gespräch über den Ansatz und seine politischen Implikationen geführt hat. Die Volkswirtin lehrt an der Stony-Brook-Universität und hat Bernie Sanders im Wahlkampf beraten. »In Staaten mit eigener Währung kann die Regierung den Rentnern so viel zahlen, wie sie will, denn sie hat ja das Monopol, das Geld zu schöpfen. Sie kann auch so viele Straßen sanieren, so viele Kindergärten bauen und so viele Flugzeugträger bestellen, wie sie will. Inflation entsteht nur, wenn die Wirtschaft nicht innovativ und produktiv genug ist, um all die Wünsche zu erfüllen.«

Die Aufmerksamkeit für MMT ist nicht zuletzt auf die kritischen Reaktionen prominenter VolkswirtschaftlerInnen zurückzuführen. »Dass sich die Elite der Ökonomen mit solchem Furor einer bisher ignorierten Theorie annimmt«, so der ausführliche Überblick im »Handelsblatt«, liege auch darin, dass linke PolitikerInnen wie Alexandria Ocasio-Cortez »das konservative Establishment der demokratischen Partei herausfordern«. Ex-Finanzminister Larry Summers, der Ex-Chefvolkswirt des IWF, Ken Rogoff, oder Nobelpreisträger Paul Krugman »prügeln MMT, aber sie meinen natürlich die linken Präsidentschaftskandidaten der Demokraten«, wird der frühere Bankenregulierer Bill Black zitiert. 

Von der Kritik an der MMT hält man bei der Pufendorf Gesellschaft nicht so viel – jedenfalls was die US-amerikanische Debatte der letzten Zeit angeht. Die Interventionen von Krugman, Summers und Rogoff seien »unserer Meinung sehr schwach, in Teilen unfair und hatten wenig Substanz«. Die Debatte in dieser Form »wird uns nicht weiterbringen«. Hingegen werden Aufsätze von John T. Harvey bei »Forbes« oder von Matthew Boesler bei »Bloomberg« von den MMT-Anhängern empfohlen – hier würden »die strittigen Punkte genauer analysiert« und auf die »Einsichten der Literatur« eingegangen. 

Schon 2015 hatte Heiner Ganßmann in der »Zeitschrift Z« den MMT-Ansatz von links kritisiert, wobei er sich darauf konzentriert hatte, drei Grundannahmen der Modern Monetary Theory zurückzuweisen: Alles Geld ist Kredit, Geld ist immer staatliches Geld und Steuern treiben das Geldsystem an. Ganßmann betrachtete seinerzeit MMT wegen der progressiven Implikationen dennoch mit einer gewissen Offenheit: Der Ansatz wird schließlich dahingehend breit verstanden, »dass die Politik ihre Kontrolle über die Ökonomie behaupten bzw. wieder herstellen könne. Einerseits, weil dem Staat die Fähigkeiten und Handlungsspielräume zugeschrieben werden, das Geldsystem zu steuern und zu kontrollieren. Andererseits, weil der Staat eben deshalb nicht daran gebunden ist, seine Ausgaben von seinen Einnahmen abhängig zu machen. Er kann vielmehr durch Kredite jederzeit die wirtschaftlichen Aktivitäten auf dem für Vollbeschäftigung erforderlichen Niveau halten.« Trotz der Schwächen der MMT trage diese sozusagen dazu bei, »die theoretischen Grundlagen der Austeritätspolitk zu demolieren«.

Das bildet den Kontext eines Teils der MMT-Debatte – die »Welt« spricht von einer »neuen Schulden-sind-nicht-schlimm-Bewegung«, deren Kernsatz laute, dass auch »hohe Staatsschulden kein Problem« seien, »solange die Zinsen nicht über der Wachstumsrate eines Landes liegen. Auch in Deutschland gilt diese Formel seit der Finanzkrise. Seit 2009 liegt das nominale Wachstum über der Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen.« Und weiter: »Kein Wunder, wenn die MMT-Diskussion auch Deutschland erreicht hat.«

Genau betrachtet – siehe den Hinweis auf Ganßmann – macht das Thema MMT schon länger auch hierzulande die Runde. Und auch die Ursprünge der MMT gehen weiter zurück, beim Thinktank »Bruegel« heißt es in einem ausführlichen Überblick: Die moderne Geldtheorie, ein heterodoxer Ansatz, der Ende der 1990er Jahre geboren wurde, hat seinen Weg in den Mainstream gefunden«. 

Ob die »Modern Monetary Economics auf dem Weg zum ökonomischen Mainstream« seien, fragte Rainer Sommer auf »Telepolis« schon im Herbst 2010: »Während die These von der unbeschränkten Verschuldungskapazität eines Staates mit eigener Währung wohl für ein großes Land wie die USA, China und vielleicht noch Großbritannien gelten mag, das sich auch im Ausland in der eigenen Währung verschulden kann, gilt sie aber offenbar kaum für ein Land wie etwa Island, das von seinen ausländischen Kreditgebern abhängig bleibt. Unklar ist auch, wie sich dies bei Ländern in einer gemeinsamen Währungsunion darstellt.« 

Im März 2014 veröffentlichte das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung eine Kritik der Modern Monetary Theory: »The criticism of MMT is not that it has produced nothing new. The criticism is that MMT is a mix of old and new, the old is correct and well understood, while the new is substantially wrong«, so dort damals Thomas I. Palley. »MMT currently has appeal because it is a policy polemic for depressed times. That makes for good politics but, unfortunately, MMT’s policy claims are based on unsubstantiated economics.«

Geschrieben von:

OXI Redaktion