Wirtschaft
anders denken.

Degrowth ist ein Vorschlag

28.10.2016
Schnecke nahFoto: Jürgen Schiller Garcia / FlickrDa ist viel Bewegung drin, mehr als man denkt

OXI-Autorin Kathrin Gerlof hatte kürzlich unter dem Titel FAZ macht mobil einen Beitrag von Rainer Hank gegen die Degrowth-Bewegung kritisch auseinandergepflückt. Auch von anderen wird der Beitrag in der FAS (16.10.2016) nicht unwidersprochen stehen gelassen. Matthias Schmelzer schrieb ebenso eine kritische Entgegnung, die wir hier abbilden.

Degrowth, eine Alternative zum Wachstum

Rainer Hank hat unter dem Titel »Wachstum im Schneckentempo ist in« einen Beitrag gegen die »Degrowth-Bewegung« geschrieben. Darin behauptet er nicht nur, Wachstumskritik habe sich als Selbstverständlichkeit durchgesetzt. Sondern auch, Wachstumskritik sei fortschrittsfeindlich, ein unnötiges Luxusphänomen, habe keine Argumente auf ihrer Seite und scheitere daran, dass sie gegen »die menschliche Natur« ankämpfe.

Wir im Konzeptwerk Neue Ökonomie arbeiten aus wachstumskritischer Perspektive zu den Möglichkeiten einer sozial-ökologischen Transformation. Wir tun dies aus der Überzeugung, dass weiteres Wirtschaftswachstum der reichen Länder kein gutes Leben ermöglicht, sondern diesem entgegensteht. Denn Analysen zeigen: Von Wachstum profitieren vor allem die Reichsten, während es gleichzeitig krasse Armut und Ausgrenzung schafft und die ökologischen Grenzen des Planeten massiv überschreitet. Degrowth oder Postwachstum steht nicht für Verzicht und Rückschritt, sondern für progressive Alternativen zum Wachstumsdiktat.

Wir leben in einer kapitalistischen Wachstumsökonomie. Dass weiteres Wirtschaftswachstum möglich, wünschenswert und sogar notwendig ist, gehört zu den ideologischen Grundfesten dieser Gesellschaften. Wirtschaftswachstum soll nicht nur ökonomische Probleme wie Schulden oder mangelnde Arbeitsplätze lösen, sondern auch soziale Probleme wie Ungleichheit oder fehlende Kindergartenplätze. Viele hoffen sogar, dass durch Energiewende und technische Innovationen »grünes Wachstum« auch die ökologischen Probleme löst. Stagnation bedeutet hier soziale Krise: Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizite, Armut. Der Glaube der expansiven Moderne ist ungebrochen: Wachstum gilt als Allheilmittel und als universeller Maßstab für Fortschritt, Modernität und Entwicklung. Aber ist das wirklich so? Und gibt es Alternativen?

BIP als Wohlstandsindikator ist veraltet

Hank behauptet, Wachstum sei zentral für das Prosperieren der Gesellschaft und das BIP sei »bis heute das geeignetste Maß für den Wohlstand einer Nation und ihrer Menschen«. Diese Behauptung ist ausgesprochen fragwürdig: Nicht einmal die Erfinder des BIP in den 1930er-Jahren teilten diese Auffassung. Und Ökonomen, Regierungen und internationale Organisationen arbeiten seit Jahrzehnten an besseren Wohlstandsindikatoren, weil die Fixierung auf das BIP die ökologischen und sozialen Folgekosten von Wachstum weit an den Rand des gesellschaftlichen Bewusstseins drängt.

Als einzigen Beweis führt Hank die Korrelation zwischen Lebenserwartung und BIP pro Kopf an. So wichtig diese Korrelation ist, so wenig hat sie mit Wachstumskritik zu tun. Keiner bestreitet, dass Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit (Stichwort 1800) und in weniger reichen Ländern (China) mit zunehmendem Wohlstand der unteren und mittleren Klassen zusammenhängt. Degrowth bestreitet aber, dass das bis in alle Ewigkeit so weitergehen kann.

Das hat mehrere Gründe: Zahlreiche Studien zeigen, dass der Grenznutzen jedes weiteren Euros mit zunehmendem Wohlstand deutlich abnimmt, die Kosten von Wachstum hingegen steigen. Ab einem bestimmten Einkommensniveau – und dieses haben die meisten Menschen in Westeuropa in den 1980er-Jahren erreicht – endet der Zusammenhang: Trotz Wirtschaftswachstums stagniert die Lebenszufriedenheit – oder sinkt sie sogar.

62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte

Ein wichtiger Grund ist die zunehmende Ungleichheit. Denn von den Einkommensgewinnen der vergangenen 25 Jahre – die Hank undifferenziert als »gigantischen Wachstumserfolg« feiert – haben de facto nur wenige profitiert. Die reichsten fünf Prozent haben sich die Hälfte des Einkommensgewinns angeeignet. Inzwischen besitzen 62 Menschen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Gleichheit und ein gutes Sozialsystem sind kein natürliches Anhängsel des Wirtschaftswachstums, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Kämpfe und politischer Aushandlungsprozesse.

Bisher geht Wachstum zudem immer mit steigendem Ressourcenverbrauch einher. Das gilt auch für Apple und Google, zwei der »wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt«, die Hank als ökologisch unproblematisch feiert (»Da pufft und stinkt gar nichts«). Genau auf diese Blindstellen der Wachstumsenthusiasten macht die Degrowth-Bewegung aufmerksam: Denn wir leben nicht in einer Welt, in der iPhone-Chips aus dem Sand der Strände von San-Francisco gewonnen und von gut bezahlten Beschäftigten zu Handys weiterverarbeitet werden. Stattdessen braucht das Geschäftsmodell von Apple seltene Erden, deren Abbau mit Verwüstung und Vertreibung einhergeht. Es treibt den Energieverbrauch der Informations- und Kommunikationstechnologien massiv (schon fast ein Fünftel des Gesamtstrombedarfs) und basiert auf miserablen Arbeitsbedingungen und auf Ausbeutung. Hank liefert ein perfektes Beispiel für die Illusion einer »grünen, entwickelten Wirtschaft«, die alles, was »pufft«, dahin verschiebt, wo es nur andere trifft. Und dann so tut, als stinke es nicht.

Degrowth-Bewegung: Emanzipatorisch, herrschaftskritisch und inklusiv

Die Degrowth-Bewegung ist nicht gegen erneuerbare Energien und Effizienzpolitik, sondern sie weist darauf hin, dass in einer Welt mit steigendem Wirtschaftswachstum diese technologiefixierten Strategien nicht ausreichen. Besonders dann, wenn allen Menschen ein ähnlicher Lebensstandard ermöglicht werden soll, ohne den Planeten zu zerstören.

Degrowth ist eine Provokation. Genauso wie das Symbol der Schnecke. Eine Provokation gegen eine Gesellschaftsordnung, in der alle miteinander konkurrieren, in der es nur ums Höher, Schneller, Weiter geht und die unsere Lebensgrundlagen zerstört. Eine Gesellschaftsordnung, die den Menschen auf einen Homo oeconomicus reduziert, anstatt ihn als komplexes Beziehungswesen zu begreifen. Und eine Gesellschaftsordnung, in der es keine Grenzen mehr gibt für Kapital- und Warenströme, dafür aber umso stärkere Abschreckungsregime für Menschen, die aus Ländern fliehen, die wir durch unsere rücksichtslose Wachstumsökonomie zerstört haben.

Degrowth ist aber auch ein Vorschlag. Nicht für individuellen Verzicht, sondern für eine Transformation der reichsten Gesellschaften hin zu Strukturen, die nicht auf permanente Steigerung angewiesen sind. Auch wenn Hank so tut, als wäre Wachstumskritik eine Querfront, die von Rechts- bis zu Linkspopulisten reiche: Degrowth steht für eine emanzipatorische, herrschaftskritische und inklusive Zukunft.

Geschrieben von:

Matthias Schmelzer

Konzeptwerk Neue Ökonomie