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»Amazon Flex« lässt tragen: Pakete und Risiko. Der OXI-Überblick

22.11.2017
ArbeitÁlvaro Ibáñez / CC BY 2.0

Der Versandkonzern Amazon sucht selbstständige Paketboten – und verspricht freie Zeiteinteilung sowie fast das Doppelte vom Mindestlohn. Klingt gut? Höchstens für das Unternehmen, das hier größtmögliche Flexibilität auf dem Rücken von Privaten sucht, die alle Risiken tragen.

Wenn man die Meldung der Deutschen Presse-Agentur liest, klingt die Sache erst einmal gar nicht so schlecht: Amazon wolle nun auch in der Bundesrepublik »Privatpersonen als selbstständige Paketboten gewinnen«, in anderen Ländern arbeite man »bereits mit Tausenden Privatpersonen zusammen, die so ihr Einkommen aufbesserten«. Das Programm »richte sich an Menschen, die gelegentlich Pakete liefern wollten. Die Lieferanten könnten sich ihre Aufträge je nach Verfügbarkeit frei einteilen.« Starten soll das neue Angebot in Berlin »in den nächsten Wochen«, wie eine Sprecherin des Konzerns der Nachrichtenagentur sagte.

Eine Webseite gibt es schon, potenzielle Amazon-Boten können sich dort registrieren. »Seien Sie Ihr eigener Chef und arbeiten Sie nach Ihrem Zeitplan, um mehr Zeit zu haben, Ihre Ziele und Träume zu verwirklichen«, verspricht das Unternehmen dort. Und: »Verdienen Sie bis zu 64 Euro für einen Vier-Stunden-Lieferblock«. Mehr als die Anmeldung, eine App und ein Auto sind laut Amazon nicht nötig. Wer hier mitmacht, erhält ähnlich wie bei Uber der oder die Taxifahrer/in per App Auftrag und Lieferzielort je nach Bedarf des Unternehmens.

In der Meldung der dpa heißt es unter Berufung auf eine Sprecherin, es würden die gesetzlichen Regelungen für Selbstständige gelten und ein Gewerbeschein sei erforderlich. Davon findet sich in den FAQ des Konzerns bisher kein Hinweis. Stattdessen liest man etwas rätselhafte Sätze wie: »Die rechtzeitige Bereitstellung mit Amazon Flex erhalten Sie bis zu 16 Euro pro Stunde.« Das klingt nach viel, immerhin ist es fast der doppelte Satz des geltenden Mindestlohns. Innerhalb eines »Zustellblocks« wären damit also 64 Euro möglich. Allerdings sieht die Jobofferte auch nur gut aus.

Arbeit auf Abruf – unplanbar für die Beschäftigten

Die Gewerkschaft ver.di warnt vor solchen prekären Beschäftigungsverhältnissen. Ein Grund: Es handelt sich um Arbeit auf Abruf, ein Modell, das immer mehr um sich greift. Laut DGB wird die Zahl der Beschäftigten, die »kapazitätsorientierte, variable Arbeitszeiten« haben, auf bis zu 1,5 Millionen geschätzt. »Es wird erwartet, dass sie sich nach dem betrieblichen Bedarf richten, um kurzfristige Personalengpässe auszugleichen oder kranke KollegInnen zu vertreten«, heißt es beim DGB. »Für die Unternehmen bedeutet das: größtmögliche Flexibilität bei geringem Risiko. Denn das Risiko liegt vollständig bei den ArbeitnehmerInnen.«

Hier kann man nachlesen, was die bisherige Bundesregierung zu Arbeit auf Abruf sagt. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gibt es auch; das unternehmensnahe Institut der deutschen Wirtschaft IW Köln kommt indes zu der Ansicht, noch sei »wenig über die Verbreitung von Arbeit auf Abruf bekannt. Es wäre indes voreilig, hier pauschal ein neues Segment prekärer Arbeit zu vermuten«.

Die Gewerkschaft hält dagegen: Es bleibt meist praktisch unplanbar, wie viel demnächst gearbeitet und vor allem verdient wird. Die Flex-Boten stehen zudem in Konkurrenz zueinander, etwa wenn es um die Zustellzeiten geht – wer etwas neben einem weiteren Job hinzuverdienen will oder muss, kann dies in der Regel nur am Wochenende oder am Abend.

Mit Blick auf Amazon Flex wird ein Sprecher der Gewerkschaft ver.di mit den Worten zitiert: »Ich kann jedem nur empfehlen, da vorsichtig zu sein.« Es sei insgesamt nicht klar, zu welchen Bedingungen man hier arbeite. So teilt Amazon zwar mit, es sei »nicht erlaubt während der Zustellung Fahrgäste oder Haustiere im Auto zu haben«. Aber nicht, ob das Unternehmen sich an anfallenden Kosten wie etwa für Benzin oder generell für die Nutzung des Fahrzeugs beteiligt.

Ein kleiner Seitenblick auf die Branche insgesamt: Laut einer Studie des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik haben Paketdienstleister 2016 »erstmals innerhalb eines Jahres mehr als 3 Milliarden Sendungen befördert« – das sind mehr als 10 Millionen Sendungen pro Zustelltag. Das Volumen ist damit gegenüber dem Vorjahr um über sieben Prozent. Der Gesamtumsatz der Branche kletterte laut der Angaben auf 18,5 Milliarden Euro, die Zahl der Beschäftigten bei den Kurier-, Express- und Paketdienstleistern sei um 10.000 auf rund 219.400 im Jahr 2016 gestiegen.

Aber zurück zur Flex-Idee von Amazon: Der Konzern teilt immerhin mit, »die verfügbaren Zustellblöcke können von Woche zu Woche schwanken und werden nicht garantiert. Es sollte nicht als Vollzeittätigkeit eingeplant werden.« Zudem verweist Amazon auf andere Beschäftigungsmöglichkeiten, das Unternehmen hatte unter anderem angekündigt, »dieses Jahr zum Weihnachtsgeschäft rund 13.000 befristete Saisonarbeitsplätze innerhalb seines deutschen Netzwerks aus Logistikzentren« zu schaffen. In der Mitteilung behauptete Amazon zudem, »allen Beschäftigten wettbewerbsfähige Löhne« zu bieten.

Gewerkschaft kündigt neue Streiks gegen Amazon an

Hierin liegt der Grund, warum die Gewerkschaft ver.di seit Jahren den Konzern bestreikt. Auch in diesem Weihnachtsgeschäft soll es Arbeitsniederlegungen geben. »Wir werden unsere Aktionen in den kommenden Wochen ausweiten und haben noch einiges vor«, wird ein Sprecher von ver.di zitiert. Der Tarifkonflikt läuft seit 2013, es geht darum, einen Tarifvertrag nach Vorbild des Einzelhandels durchzusetzen – Amazon aber lehnt das kategorisch ab und erklärt, die Gehälter in dem Unternehmen »liegen für Logistikmitarbeiter am oberen Ende dessen, was in vergleichbaren Jobs bezahlt wird«. Es geht um derzeit rund 12.000 festangestellte Lager-Mitarbeiter.

Ver.di lässt einen der Beschäftigten zu Wort kommen: »Anders als viele denken, ›orientiert‹ sich Amazon zwar an den regional üblichen Löhnen der ›Logistikbranche‹, aber einen echten Tarifvertrag haben wir nicht. Meine Amazon-Kolleginnen und ich stehen damit dem weltgrößten Onlineversandhändler schutzlos gegenüber. Regelmäßige Lohnerhöhungen, Urlaubsansprüche, Weihnachts- und Urlaubsgeld, entsprechende Zuschläge mehr Urlaubstage und eine Begrenzung der Befristungen auf ein vernünftiges Maß – das alles würde uns ein Tarifvertrag garantieren«. Hinzu komme: »Ein großer Teil der deutschlandweit bei Amazon beschäftigten Kolleg/innen wird nur befristet eingestellt, viele bis zu zwei Jahren – und nicht, wie die Geschäftsleitung sagt nur zu Saisonzeiten. Doch wer befristet ist, kann sein Leben nicht planen.« Die Gewerkschaft macht auch geltend, dass die Krankheitsrate bei Amazon dreimal höher als im Schnitt der bundesdeutschen Wirtschaft sei, dies liege am »übertriebenen Leistungsdruck«.

Der Konzern verweist darauf, dass der Stundenlohn der Beschäftigten »an allen deutschen Standorten umgerechnet mindestens 10,52 Euro brutto« betrage. »Saisonarbeiter erhalten hierbei denselben Grundlohn wie vergleichbare unbefristete Beschäftigte.« Zudem gebe es eine Reihe von Zusatzleistungen.

Geschrieben von:

OXI Redaktion