Wirtschaft
anders denken.

Zur politischen Ökonomie der Schulden: Ein kurzer Lehrgang

21.06.2018
Johan Fr Øhman / CC BY-SA 3.0 The National Debt Clock in New York (2009)

Die Weltwirtschaft beruht auf Kredit. Und der globale Reichtum besteht im Wesentlichen aus Schulden – denen der anderen. Ein kurzer Lehrgang über Schuldner, Gläubiger, Reichtum als Zwang und die Ideologie der »Sparsamkeit«. 

Der deutsche Finanzminister besteht auf der »schwarzen Null«, lehnt neue Staatsschulden also ab. Die Finanzpolitik in der Euro-Zone wird von Verträgen bestimmt, die die Kreditaufnahme beschränken und damit Stabilität herstellen sollen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt davor, dass die globale Verschuldung zur Bedrohung geworden ist. Schulden sind gefährlich, heißt es. Sie gelten als süßes Gift, das gut schmeckt, aber tödlich wirkt. Oder als Droge, die kurzfristiges Glück und langfristiges Elend bringt.

Dahinter steht die Überzeugung, dass man auf Dauer nur ausgeben kann, was man zuvor eingenommen hat. Das allerdings hat mit dem herrschenden Wirtschaftssystem wenig zu tun. Die Weltwirtschaft beruht auf Kredit. Und der globale Reichtum besteht im Wesentlichen aus Schulden – denen der anderen.

Schuldner I: Beschäftigte

Um ihr Leben zu finanzieren, müssen die meisten Menschen arbeiten gehen. Sie leben vom Lohn, der für das Unternehmen Kosten bedeutet, die reduziert werden müssen, um den Betriebszweck zu erfüllen: Gewinn. Der Lohn ist daher meist eher knapp. Für größere Anschaffungen reicht er nicht. Um sich ein Auto, eine Küche oder eine Wohnung zu kaufen, müssen Beschäftigte daher entweder jahrelang sparen und verzichten. Oder sie nehmen einen Konsumentenkredit auf, der eine Art umgekehrtes Sparen ist: Statt heute verzichten um morgen zu kaufen, wird heute gekauft und morgen verzichtet.

Denn der Kredit muss zurückgezahlt werden, inklusive Zins, um den der Kredit den Lohnarbeiter ärmer macht: Er leiht 1.000 Euro zu fünf Prozent Zins und muss daher 1.050 Euro zurückzahlen. Im Falle größerer Anschaffungen wie einer Immobilie zahlt der Beschäftigte ein halbes Leben lang und ist damit eine stetige Einkommensquelle für den Gläubiger, meist eine Bank.

Quelle der Rückzahlung ist der Lohn. Da er für das Unternehmen eine zu reduzierende Ausgabe darstellt, ist die Rückzahlung des Kredit immer gefährdet. Häufigster Grund für Überschuldung von Privathaushalten ist der Verlust des Arbeitsplatzes. Der Beschäftigte verliert damit nicht nur sein Einkommen, sondern häufig auch sein Vermögen, das als Sicherheit für den Kredit herhalten musste und das der Gläubiger sich aneignet.

Schuldner II: Kapitalist

Unternehmen brauchen immerzu Kredit. Da ihr investiertes Kapital eine gewisse Zeit braucht, um zurückzufließen, überbrücken sie kurzfristige Liquiditätsmängel per Kredit. Um sein Wachstum voranzutreiben und in der Konkurrenz zu bestehen, wartet ein Unternehmen auch ungern darauf, dass Geld hereinkommt und damit neue Investitionen getätigt werden können. Da es fest mit künftigen Einnahmen rechnet, leiht es sich schon heute das Geld, um neue Maschinen und Anlagen zu kaufen und damit seine Rentabilität zu erhöhen. Für das Unternehmen dient der Kredit also als Kapital aus fremder Hand – als Fremdkapital.

Anders als der Arbeitnehmerhaushalt kompensiert das Unternehmen durch Kredite also nicht seine Armut. Es nutzt die Verfügung über fremdes Geld, um reicher zu werden, mehr Gewinn und Umsatz zu machen. Als Sicherheit dient seinen Gläubigern daher weniger, was das Unternehmen an Werten besitzt. Sondern welche Werte es sich mit dem Kredit aneignen kann: sein Geschäftsmodell, sein erwarteter Gewinn, der hoch genug sein soll, um daraus Rückzahlung, Zins und weiteres Wachstum zu finanzieren. Nicht jedes Unternehmen nutzt immer Kredit. Aber Unternehmen, die keinen Kredit haben, gehen unter.

Häufig wird geklagt, Schulden und Kredite zwängen das Unternehmen zu Wachstum und Rendite. Das stimmt einerseits. Andererseits ist der Kredit nicht Ursache des Wachstumszwangs. Der besteht sowieso, weswegen das Unternehmen Fremdkapital aufnimmt. Nicht der Kredit zwingt das Unternehmen zur permanenten Steigerung der Rentabilität, sondern er ist das Mittel, diese Steigerung herbeizuführen. Erst wenn das nicht gelingt, erscheint die Schuld als das ursächliche Problem. Erfolg oder Misserfolg – in jedem Fall sind es die Arbeitnehmer, die per Lohnbescheidenheit und Leistungsbereitschaft dafür einstehen müssen, dass die Kalkulation des Unternehmens und seiner Gläubiger auf vermehrtes Wachstum aufgeht. Sie müssen die Verwertung des Eigen- wie des Fremdkapitals gewährleisten.

Gläubiger

Kreditgeber teilen sich grob in drei Kategorien. Da ist zunächst der Kleinsparer, ein Haushalt, der vom Lohn lebt und Geld zurücklegt, entweder weil er es gerade übrig hat oder weil er mit kommenden Notlagen rechnet, wovon eine – Alter und schmale Rente – so gut wie sicher ist. Der Beschäftigte legt also aktuell nicht benötigtes Geld zwecks späterem Konsum zurück, weswegen er risikoarme Anlagen bevorzugt. Verluste kann er sich wegen seines strukturellen Geldmangels nicht leisten.

Während für den Kleinsparer die Geldvermehrung ein Zusatzgeschäft ist, besteht für den Finanzinvestor in dieser Vermehrung der ganze Zweck des Verleihens. Der Investor spart nicht, um später zu konsumieren, sondern er legt das Geld an, um es zu vermehren und die vermehrte Summe abermals zu vermehren. Diese Vermehrung ist sein Einkommen. Da diese Bewegung endlos und sein Vermögen größer ist, können höhere Risiken eingegangen werden, die durch höhere Renditen kompensiert werden.

Verleihen, um zu vermehren – auf die Spitze treibt dieses Prinzip die Bank. Denn sie verleiht nicht ihr Geld gegen Zins. Sie »schafft« Kreditsummen quasi aus dem Nichts, um an ihnen zu verdienen. Wenn eine Bank einem Kreditnehmer 1.000 Euro leiht, dann schiebt sie nicht 1.000 Euro von ihrem Konto auf seines. Sondern sie räumt dem Schuldner ein Guthaben über 1.000 Euro ein und schafft damit Zahlungsfähigkeit, die zuvor schlicht nicht existierte. Auf diese Weise erzeugt die Bank das Geld, das die Welt regiert.

Das bedeutet: Geld kommt heutzutage nur als Schuldverhältnis auf die Welt. Die »Produkte« der Bank sind also Schuldverhältnisse, aus denen sie Zinseinnahmen holt. Je mehr Kredite sie vergibt, umso mehr verdient sie. Von Schulden kriegt die Bank daher im Prinzip nie genug, weswegen ein umfangreiches Gesetzes- und Regelwerk sie dazu zwingen muss, die Verschuldung der Gesellschaft zu begrenzen.

Gläubiger sind also nicht gleich. Wenn in Deutschland immer wieder über »die Sparer« gesprochen und ihr Leid angesichts der niedrigen Zinsen geklagt wird, gilt es, die Unterschiede im Kopf zu behalten.

Spekulativer Reichtum

Der Kredit ist ein Rechtsverhältnis. Der Gläubiger verkauft die Verfügung über eine Geldsumme auf Zeit an den Schuldner, der sich zur Rückzahlung inklusive Zins verpflichtet. Der Kredit ist gleichzeitig eine Form der Spekulation. Er beruht auf der Erwartung künftiger Geldflüsse. Der Gläubiger spekuliert darauf, dass der Schuldner innerhalb der nächsten ein, zwei, drei, zehn Jahre die Summe zurückzahlen kann – vermehrt um den Zins. Der Kredit ist also der rechtsverbindlich gemachte Erfolg einer Spekulation. Das hat Nachwirkungen.

Erstens: Aus der Perspektive der Gläubiger sind Schulden Forderungen. Sie stehen auf der Guthaben-Seite. Sie sind eine »Anlage«, ein Vermögenswert. Schulden auf der einen Seite sind immer Vermögen auf der anderen Seite. Bei einem Satz wie »Europa hat zu viele Schulden!« ist daher immer zu fragen: Wer sind die Gläubiger, wer profitiert? »Wir« sind nie überschuldet. Denn die Menschheit teilt sich immer in jene, die Schulden bedienen müssen und jene, die kassieren dürfen.

Zweitens: Was Sparer auf ihren Konten, Anleger in ihren Anleihe-Depots und Banken auf ihrer Haben-Seite als Vermögen verbuchen, das sind nichts anderes als Schulden anderer. »Sparen statt Schulden« ist daher eine falsche Entgegensetzung. Wer sparen und daran verdienen will, der muss verleihen. Wer Bundesanleihen kauft, der kauft Schuldscheine des Staates. Wer spart, ist Gläubiger – und kein Gläubiger ohne Schuldner. Die Aufforderung »Sparen statt Schulden« bedeutet also im Klartext: Gläubiger werden, andere zu Schuldnern machen und an ihnen verdienen.

Drittens: Der finanzielle Reichtum der Welt besteht heutzutage aus Anleihen, Lebensversicherungen, Sparguthaben, Bankeinlagen. Ebenso wie Aktien sind dies Zahlungsansprüche. Diese Finanzwerte haben so lange Wert, wie sie bedient werden. Geschieht dies nicht oder kommen Zweifel am Schuldner auf, lösen sich die Werte in Luft auf, seien es US-Hypothekenpapiere oder Griechenland-Anleihen.

»Der finanzielle Reichtum der Welt besteht also aus materialisierten Erwartungen, aus vorweggenommenen Renditen, die zwar erst in Zukunft anfallen, aber heute schon als Guthaben existieren. Er ist damit eine gigantische Spekulation auf künftige Erträge, ein Vorgriff auf noch zu produzierendes Wachstum. Man kann es auch so ausdrücken: Als Wert gilt heute nicht das, was produziert worden ist, sondern das, was noch produziert werden soll.

Das an den Finanzmärkten gehandelte Vermögen beruht auf Erwartungen. Daher können Milliardensummen einfach platzen. Daher hängen Unternehmen, Staaten und ganze Währungsräume heute an dem, was allgemein Vertrauen der Märkte genannt wird. Daher besteht die finanzielle Potenz eines Staates heute in der Einschätzung seiner Geschäftsaussichten durch die Märkte. Ist diese Kreditwürdigkeit dahin, ist der Staat pleite, sind seine Banken bankrott.« (»Frankfurter Rundschau«, Juni 2012)

Reichtum als Zwang

Das Finanzvermögen der Welt ist nicht bloß eine Erwartung. Es ist ein Anspruch. Ein Anspruch an den Rest der Welt, die erwarteten Renditen zu erwirtschaften und damit die als Weltfinanzvermögen vorliegenden billionenschweren Erwartungen in ihrem »Wert« zu bestätigen. Die Schulden der Welt werden daher sachgemäß in ein Verhältnis zur globalen Wirtschaftsleistung gestellt. Diese Schuldenquote ist wichtigster Maßstab für die Solidität der Schulden = Vermögen. Denn die Wirtschaftsleistung symbolisiert die Potenz, die erwarteten Renditen auch zu erzielen.

Aus dieser Sicht bemerkenswert ist die jüngste Warnung des Internationalen Währungsfonds IWF, die Welt habe zu viele Schulden. Denn sie ist gleichbedeutend mit der Warnung, es existierten global zu viele Finanzvermögen mit dem Anspruch der Verwertung. Der IWF warnt nicht einfach die Schuldner davor, dass sie sich übernommen haben könnten. Er weiß, dass der Ruin der Schuldner den Ruin der Gläubiger nach sich zieht. Der IWF drückt es nicht so aus, aber im Kern warnt er davor, dass der finanzielle Reichtum der Welt, das globale »Sparguthaben«, den Rest der Welt mit seinen Ansprüchen überfordert. Die als Billionenvermögen real vorliegende Spekulation ist zu weit gegangen – zu weit gemessen am eigenen Anspruch der Verwertung. Das macht die Vermögen selbst prekär.

Vor diesem Hintergrund kann man sich berechtigte Sorgen um die Stabilität des Weltfinanzsystems machen. Man kann aber auch hinweisen auf die Absurdität des Kapitalismus. In ihm eröffnet der existierende Reichtum den Menschen nicht die Freiheit, sondern fungiert als permanenter Zwang. Denn wenn er sich nicht vermehrt, ist er dahin. So wie dem Arbeitnehmer das wachsende Betriebskapital entgegentritt als Zwang zur Verwertung, so konfrontiert ihn auf globaler Ebene das Finanzkapital mit der gleichen Forderung nach rentabler Arbeit. Denn Geld arbeitet nicht, es lässt arbeiten.

Stabilitätspakt vs. Make America Great Again

Die jüngste Weltfinanzkrise wurde dadurch »gelöst«, dass Staaten mit Kredit die Banken »gerettet« haben. Das bedeutet, gefährdeter privater Kredit wurde durch staatlichen Kredit ersetzt. Als Renditeanspruch blieb er damit zum größten Teil erhalten. Preis der Rettung der Finanzvermögen waren die gestiegenen Staatsschulden. Sie sollen nun nicht abbezahlt werden. Den Regierungen geht es vielmehr darum, diesen Riesenhaufen Schulden = Finanzvermögen haltbar zu machen, seine Verwertung zu garantieren, das Platzen von Krediten und damit Vermögensvernichtung zu verhindern. Die von allen angestrebte »Stabilität« bedeutet daher nicht »keine« oder »geringe Schulden«. Sondern »gute Schulden«: verwertendes Finanzkapital.

Europa und die USA gehen hier in letzter Zeit verschiedene Wege, was die aktuelle Lage auf den Finanzmärkten kennzeichnet. Die US-Regierung erhöht per Steuersenkung und Ausgabensteigerungen ihre Schulden drastisch, um so das Kapital der Welt gen Amerika zu ziehen. Das soll einen Aufschwung initiieren, der die Verwertung der amerikanischen Schulden garantiert und ihre Erhöhung rechtfertigt.

6.000 Milliarden US-Dollar Neuverschuldung in den nächsten fünf Jahren – das ist »Amerikas außergewöhnliche Wette«, so der britische »Economist«. Damit sie aufgeht, versucht die US-Regierung, das Welthandelssystem so zu reformieren, dass die Erträge vermehrt in Amerika anfallen. Folge der US-Schuldenpolitik ist ein global steigendes Zinsniveau, das bereits ein erstes Opfer gefordert hat: Argentinien musste beim IWF um Notkredite nachsuchen.

In der Eurozone hingegen hat man sich Sparsamkeit auferlegt: wenig neue Schulden, möglichst »schwarze Nullen«. Über »Strukturreformen« wie Sozialabbau, Privatisierung und Entrechtung der Beschäftigten soll zudem das Wachstum der europäischen Unternehmen gefördert werden. Während die USA ihre Kreditwürdigkeit nutzen, um in die Offensive zu gehen, versucht die Eurozone, durch »Austerität« ihre Kreditwürdigkeit zu erhalten und zu festigen. Denn in der Kreditwürdigkeit von Staaten besteht letztlich ihre finanzielle Macht, also das Ausmaß, in dem sie auf das Kapital der Welt zugreifen können. Dabei bedeutet »Kreditwürdigkeit« nichts anderes als die Bewertung der Finanzkraft der Staaten durch die Finanzmärkte. »Kreditwürdigkeit« benennt die Potenz eines Staates, den Anlegern sichere Renditen einzuspielen. Genannt wird dies gern »Vertrauen der Märkte«.

Wir

In der Weltwirtschaft herrscht also ein gewisses Maß an Irrsinn, der darin besteht, dass künftiges Wachstum bereits fertig vorliegt in Form von Finanzwerten, die eine Spekulation auf dieses Wachstum sind. Die Folgen dieses Irrsinns werden zuweilen als »Finanzialisierung« beklagt. Kritisiert wird häufig, dass die Finanzsphäre zu groß und mächtig geworden sei.

Das ist sicherlich zutreffend. Nur handelt es sich hier nicht um eine Verirrung, sondern um die konsequente Entwicklung eines Systems, das auf Wachstum durch Kapitalverwertung basiert und dessen maßgebliche Akteure dafür das Mittel von Kredit = Schulden = Vermögen nutzen müssen. Als Beschäftigte haften die meisten Menschen dafür, dass die kombinierten Ansprüche von Unternehmen und Anlegern an sie aufgehen. Diese Herrschaft des Kapitals über die Arbeit kann man kritisieren. Oder man stellt sich auf den Standpunkt des Steuerzahlers, der über deutsche Staatsschulden und unsolide Griechen schimpft und dabei sämtliche relevanten Gegensätze einem nationalen »Wir Deutschen« opfert.

Foto: Johan Fr Øhman / CC BY-SA 3.0

Geschrieben von:

Stephan Kaufmann

Journalist