Wirtschaft
anders denken.

Antisemitische und rassistische Klischees

28.08.2017
Foto: OXI AugustausgabeAufmacherbild des Schwerpunkts in der OXI-Augustausgabe.

In der OXI-Augustausgabe wurden zwei Bilder verwendet, die mit einem kritischen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft nichts zu tun haben.

»Wirtschaften für das Gemeinwohl« lautet das Titelthema der OXI-Augustausgabe. Es geht um die Frage, ob und wie es möglich ist, dass Unternehmen ihr wirtschaftliches Handeln nicht allein am Profit ausrichten, sondern auch ökologische und soziale Ziele einbeziehen. Im Eröffnungsbeitrag zum Schwerpunkt diskutiert Norbert Bernholt die Frage, unter welchen Bedingungen »Gemeinwohl und Kapitalgeberwohl zusammenkommen« können. Auf den folgenden Seiten werden mehrere Unternehmen vorgestellt, die sich gemeinwohlorientierten Zielen verschrieben haben oder demokratischer organisiert sind als die üblichen kapitalistischen Betriebe.

Die »Globalisierungskrake«

Bebildert wird der Titelbeitrag mit einer llustration aus dem Jahr 1904. Sie zeigt eine Krake, die sich aus industriellen Ölfördertürmen hervorwindet und das Weiße Haus, das Capitol sowie eine Reihe von Personen, die für verschiedene US-Industriezweige stehen (»Copper« und »Steel« sind zu lesen), im Würgegriff hält. Die Krake trägt einen Helm mit der Aufschrift »Standard Oil«.

Was hat dieses Bild mit den fürs Gemeinwohl produzierenden Unternehmen zu tun, um die es im OXI-Schwerpunkt geht? Das erklärt eine lange Bildunterschrift, die der Illustration beigefügt ist: »Ein Großunternehmen, das sich durch die Gesellschaft frisst – Das Bild der Krake zeichnete im Jahr 1904 ein amerikanischer Illustrator für das in den USA und damals parallel in Deutschland erscheinende Satremagazin ›Puck‹, um die wachsende Macht von Standard Oil zu verbildlichen. (…) Das Bild der Krake geriet in Misskredit, als das Nazi-Magazin ›Der Stürmer‹ 1938 die Krake benutzte, um eine ›Weltherrschaft des Judentums‹ zu behaupten. Da die Globalisierung aber krakenhafte Zustände produziert, sollte der Kontext der Verwendung entscheidend sein.«

Bei der Bildauswahl gab es also offensichtlich ein Bewusstsein darüber, dass die Verwendung der Krake zur Bebilderung wirtschaftlicher (oder politischer) Macht problematisch ist, weil sie einen antisemitischen Kontext aufruft. Offenbar aber nicht darüber, dass es nicht allein um den historischen Schatten geht, den die Stürmer-Karikatur auf das Krakenbild wirft, sondern das Bild in seiner ganzen Anlage zur Bestätigung und Reproduktion antisemitischer Ideen einlädt. Es fügt sich ein in eine Reihe antisemitischer Motive, die seit der Entstehung des industriellen Kapitalismus den Judenhass prägen.

Das antisemitische Bild vom raffgierigen Finanzkapital hält sich hartnäckig.

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Während eine »linke« Kritik an kapitalistischer Ausbeutung davon ausgeht, dass Profit durch die Ausbeutung der Arbeitskraft entsteht, entstand in Deutschland schon im 19. Jahrhundert auch eine antisemitische Kapitalismuskritik. Sie verortete das Übel nicht in der Funktionsweise kapitalistischer Warenproduktion, sondern in »jüdischer Wucherei«, »jüdischen Banken und Handelskonglomeraten« und dem »jüdischen Großkapital«, das sich die »deutsche Wirtschaft« unterwerfen wolle. Zu dieser antisemitischen Kapitalismuskritik gehört es, dem produktiven, »schaffenden« Warenkapital das zirkulierende, »raffende« Geldkapital gegenüberzustellen. Während etwa marxistische Kapitalismusanalysen versuchen, den Zusammenhang zwischen Finanz- und Kreditwirtschaft und produzierendem Gewerbe zu analysieren, behauptet antisemitische Kapitalismuskritik einen Gegensatz zwischen beiden und schreibt die gute, produktive Arbeit dem (deutschen) »Volk«, das schlechte, raffgierige Profitstreben dem (heimatlosen, internationalen) »Finanzjudentum« zu. Die Nazis stellten diese Unterscheidung zwischen »blutsaugerischen jüdischen Bankiers« und fürs »Volkswohl« produzierenden deutschen Unternehmen ins Zentrum ihrer Propaganda und hämmerten sie in Reden und den besagten Karikaturen den Deutschen in die Köpfe.

Das antisemitische Bild vom raffgierigen Finanzkapital hält sich hartnäckig. Auch wenn heute aus historischen Gründen seltener von »jüdischem Großkapital« gesprochen wird, lebt es fort in den Andeutungen über die Macht der »US-Ostküste« (also der Wall Street), die angeblich undurchsichtigen Machenschaften einzelner jüdischer Großkapitalisten (George Soros, »die Rothschilds«) oder über die »volksfeindlichen« Pläne der »Globalisten«.

Das heißt nicht, dass Kritik an Geschäftspraktiken der Finanzwirtschaft immer antisemitisch wäre. Genau wie es in der Bildunterschrift steht: Der Kontext ist entscheidend. Dieser Kontext wird in der Bildunterschrift benannt: Es geht nicht um die Unternehmensgeschichte von Standard Oil, sondern um die »krakenartigen Zustände« der Globalisierung. In den Texten des OXI-Schwerpunkts stehen ihnen jene Unternehmen gegenüber, die ihr unternehmerisches Handeln am Gemeinwohl oder anderen ehrenwerten Zielen ausrichten. Diese Gegenüberstellung liefert den Kontext, durch den das Bild eine problematische Anschlussfähigkeit für antisemitische Deutungen erhält. Die Bildunterschrift klärt nicht über die antisemitischen Implikationen auf, sondern macht sie sich zu eigen.

Blackfacing eines Schokoladenunternehmers

Das zweite problematische Bild findet sich auf Seite 8, ebenfalls im OXI-Schwerpunkt. Dort liest man ein kurzes Porträt von Annette Jensen über den österreichischen Schokoladenproduzenten Josef Zotter, der »faire Bioschokolade« herstellt. Den Artikel ziert ein Foto von Zotter, auf dem er mit Schokoladenübergossenem Gesicht in die Kamera lacht. Es ist ein Bild, das an die kolonialistische Figur des »Schokoladen-Mohr« erinnern soll und sich dafür der rassistischen Blackfacing-Tradition bedient.

Foto: OXI-Augustausgabe

Porträt des Schokounternehmers Zotter im OXI-Schwerpunkt.

»Blackfacing ist eine rassistische Praxis, die gerne verharmlost wird, während die Praxis bis heute als Symbol für das Trauma des Rassismus und der Versklavung gilt. Ende des 19. Jahrhunderts entstand sie in den sogenannten ›Minstrel Shows‹, bei denen schwarzbemalte, weiße Darsteller in den USA das Klischee des naiven, schwachsinnigen, aber immer lustigen Schwarzen karikierten«, schreiben Tahir Della, Jamie Schearer und Hadija Haruna von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). In den USA würde ein solches Bild wohl von den meisten Medien als Symbol von White Supremacy abgelehnt werden. Doch auch hierzulande steht die Blackfacing-Tradition regelmäßig in der Kritik. Jedes Jahr zur Karnevalszeit ist sie Thema öffentlicher Debatten. In Holland ist der »Schwarze Piet«, ein Gehilfe des Nikolaus, seit Jahren Anlass für Diskussionen über Rassismus. Auch Theaterstücke, in denen weiße SchauspielerInnen Schwarze Menschen darstellen, ernten immer wieder scharfe Kritik, vor allem aus der Schwarzen Community. Entsprechende stereotype Verkleidungen sind im Kontext von kaum aufgearbeiteter Kolonialgeschichte und fortdauernder rassistischer Abwertung Schwarzer Menschen keine unschuldigen Vergnügen. Die Diskussion wird inzwischen so breit geführt, dass die Jury für den Anglizismus des Jahres 2014 das Wort »Blackfacing« zum bestimmenden Lehnwort wählte. Die Kritik an entsprechenden Bildern dürfte also zumindest Menschen, die viel mit Medien zu tun haben, bekannt sein.

Nun könnten BetrachterInnen natürlich einwenden, das Zotter-Bild sei nur ein Scherz, die Assoziation zu Schwarzen Menschen habe der Chocolatier sicher nicht im Kopf gehabt. Doch das ist unwahrscheinlich. Das Foto zieht alle Register der Blackfacing-Bildproduktion: ein weißer Mann mit schwarz »bemalter« Haut, aufgerissenen Augen, breitem Grinsen. Zudem wurde Schokolade, die einst als »Kolonialware« galt, seit jeher gern mit rassistischen Bildern diensteifriger Schwarzer Menschen beworben. Sie sollten der deutschen Kundschaft »Exotik« vermitteln und sie an die Kolonien erinnern. Auf den Tafeln der Marke Sarotti etwa war jahrzentelang eine Schwarze Dienerfigur mit großen Kulleraugen und »orientalisch« anmutender Kleidung zu sehen, bis die Firma Stollwerck der Figur 2004 mit Blick auf den internationalen Markt eine andere Hautfarbe verpasste. Ähnliche Diskussionen gibt es auch in Österreich, etwa um das Logo des Kaffeeherstellers Meinl oder die Namen zahlreicher Kakaospeisen. Statt den Schokounternehmer Josef Zotter mit diesem Bild als sympathischen Spaßvogel zu porträtieren, hätte es Anlass für kritische Nachfragen an den »außergewöhnlichen Unternehmer« geben können.

Zu einem kritischen Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft – der Anspruch von OXI – gehört es auch, sich Gedanken darüber zu machen, welche Botschaften die Bilder, die man veröffentlicht, transportieren. Bilder, die an ein koloniales Bildergedächtnis appellieren, rassistische oder antisemitische Stereotype reproduzieren, sollten jedenfalls keine Verwendung finden.

 

Jan Ole Arps ist Mitglied der OXI-Blogredaktion.

Geschrieben von:

Jan Ole Arps

Journalist