Wirtschaft
anders denken.

Arbeitslose Einkommen – aber für alle

02.06.2016

Arbeitslose Einkommen in sechsstelligen Höhen für Wenige akzeptiert unsere Gesellschaft. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle verweigert sie. Die Schweiz stimmt nun ab, ob das so bleiben soll.

Auf die Frage, was sie heute empfehlen können, antworten KellnerInnen selten »ein anderes Restaurant«. »Eine andere Gesellschaft« wird die Mehrheit der SchweizerInnen bei der Volksabstimmung am kommenden Sonntag über ein bedingungsloses Grundeinkommen daher auch nicht empfehlen. Die Moral der Arbeitsgesellschaft, das hohe Lied der Leistung, die sich lohnt, ist im herrschenden Menschen- und Weltbild noch zu fest verankert, als dass sich der demokratische Volkswille schon am Sonntag, den 5. Juni 2016, für ein bedingungsloses Grundeinkommen aussprechen könnte. »Arbeit für alle« wirkt noch plausibler als »Geld für alle«. Aber die Apostel der Arbeitsgesellschaft tun sich schwer, ihr Credo gegen die Digitalisierung zu verteidigen. Den PredigerInnen des Schweißes im Angesicht der kleinen Leute, die etwas essen wollen, laufen die Gläubigen davon. Das bedingungslose Grundeinkommen gehört zu den Ideen, deren Zeit gekommen ist. Wie kreativ, wie realitätstüchtig, wie überzeugend diese Idee in der Schweiz kommuniziert wird, kann auf Websites wie www.grundeinkommen.ch oder www.bedingungslos.ch oder www.forum-grundeinkommen.ch besichtigt werden.

Das Grundeinkommen – eine der wenigen alternativen Entwürfe

»Wollen wir den Teil des Einkommens, den wir unbedingt brauchen, bedingungslos gewähren?« Nichts hindert uns, diese humane Frage mit Ja zu beantworten. Angefangen mit der Landwirtschaft hat die technische Leistungsfähigkeit aller Wirtschaftszweige ein Niveau erreicht, das den Grundbedarf jedes Menschen in der Schweiz, in Europa, in der Welt zu befriedigen erlaubt – ohne dass ein individueller Leistungsbeitrag gegengerechnet werden müsste. Die historisch entwickelte kollektive Arbeitskraft der Wirtschaft ist so produktiv, die gegenwärtig in globaler Arbeitsteilung bereitstellbaren Güter und Dienste sind so zahlreich, dass sie diesen Erdball von jeder materiellen Existenznot befreien und dabei die natürlichen Ressourcen schonend behandeln können. Stattdessen unterwerfen wir uns Wachstumszwängen, liefern uns Konsumschlachten, zerstören die Umwelt und erzeugen Verelendung. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht der große Erlöser von allem Übel, aber es ist zur Zeit eine der wenigen alternativen Ideen, die praktische und politische Anstöße für eine andere Gesellschaft liefern.

Die realen Antworten auf Verteilungsfragen geben bisher in erster Linie Eigentumsrechte und Machtbefugnisse. Nur am Rande spielen individuelle Leistungen eine Rolle. Die breiten Geldströme fließen in die Bankdepots der Eigentumstitel- und EntscheidungsträgerInnen. Rinnsale tröpfeln auf die Girokonten menschlicher Arbeitskräfte. Alle, die unbezahlte Arbeiten leisten, also vornehmlich Frauen, sitzen ganz auf dem Trockenen. Die Reichen und Mächtigen und ihre Ghostwriter erzählen eine andere Geschichte. Sie malen das Bild einer Leistungsgesellschaft, in der jeder bekommt, was er verdient, in der Tellerwäscher durch Eigeninitiative Millionäre werden.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens widerspricht solchen Ammenmärchen, sie fordert dazu auf, über die tatsächlichen Zustände nachzudenken, sich klarzumachen, wie die Arbeitsgesellschaft tickt. Diese aufklärerische Wirkung entfaltet das Grundeinkommen unabhängig vom Ausgang der Schweizer Volksabstimmung. Die acht Millionen Fünf-Rappen-Münzen – eine für jeden Einwohner –, die GrundeinkommensaktivistInnen 2013 vor das Schweizer Parlament gekippt haben, tragen Früchte.

Geschrieben von:

Hans-Jürgen Arlt

Professor für strategische Organisationskommunikation