Wirtschaft für Gesellschaft.
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Armut in die Museen verbannen

06.08.2017
Frau mit Luftballon vor Mauer,Foto: EladeManu/ flickr CC BY 2.0Man wird doch wohl mal träumen dürfen. Und mehr als das.

Für seine antiautoritäre Unternehmensführung, die Schaffung zahlreicher Arbeits- und Ausbildungsplätze und sein soziales Engagement wurde Götz W. Werner mehrfach ausgezeichnet. 2006 forcierte er mit seinem Buch Einkommen für alle die Diskussion über ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) für jede Bürgerin und jeden Bürger. Heute wird das Thema europaweit diskutiert. Für OXI hat Götz Werner einen Traum notiert.

Träumen wir uns einmal in das Jahr 2050: Die Wirtschaft hat die Menschen von der Arbeit endgültig befreit. Armut wurde in die Museen verbannt. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit sind die höchsten Werte, die von Politikern aller Parteien geachtet und verteidigt werden. Erziehungs- und Pflegearbeit haben gesellschaftlich die höchste Wertschätzung. Die Menschheit ist zusammengerückt und kümmert sich mit vereinten Kräften um die Regeneration der Natur.

Noch drei Dekaden zuvor sah es nicht danach aus. Soziale Unruhen, selbst in wohlhabenden Nationen, waren an der Tagesordnung. Die Arbeits- und Perspektivlosigkeit war auf über 50 Prozent gestiegen, Altersarmut ein gravierendes Problem geworden. Die Finanzkrise, die sich über Jahrzehnte wie eine riesige Schneewehe aufgebaut hatte, war mit ungeheurer Wucht über die Menschen herabgestürzt. Das Vertrauen in Banken war dahin. Es hatte geknallt, weil es so nicht weiterging und es begann eine lange Phase der Transformation.

Wenn wir genau hinschauen, dann müssen wir erkennen, dass wir darauf zusteuern. Wir sind an einer Grenze angelangt. Wenn wir sie überschreiten, werden wir die Geister, die wir riefen, nicht mehr los. In Goethes Zauberlehrling kommt der alte Meister und rettet die Situation. Das wird es bei uns nicht geben. Es kommt auf jeden einzelnen Bürger an. Wir müssen unsere Aufgabe als Souverän wahrnehmen und den Politikern sagen: So wie bisher können wir nicht weitermachen.

Wir müssen unsere Aufgabe als Souverän wahrnehmen und den Politikern sagen: So wie bisher können wir nicht weitermachen.

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Es braucht drei Dinge, sonst knallt’s: Erstens – und das ist der archimedische Punkt – das bedingungslose Grundeinkommen. Zweitens eine tiefgreifende Veränderung in unserem Steuersystem, weg vom Knospenfrevel hin zur Besteuerung der Leistungsentnahme. Und drittens eine strenge Regulierung der Finanzwirtschaft. Sie muss sich nach den Regeln der Realwirtschaft richten. Das Geld hat nur eine dienende Funktion.

Es sind historische Chancen, die wir nutzen können, denn bisher geht es gut. Wir ernten die Früchte der Arbeit früherer Generationen. Wir arbeiten beständig darauf hin, paradiesische Zustände zu schaffen. Durch Automatisierung werden in den nächsten Jahren drei Viertel der Arbeitsplätze, wie wir sie heute kennen, wegfallen. Diese Entwicklung schafft Freiräume, auch für unsere kulturelle Weiterentwicklung. Wir können sie aber nicht nutzen, wenn wir weiterhin Arbeit und Einkommen untrennbar miteinander verbinden. Es braucht die Einsicht, dass jede sinnvolle Tätigkeit für andere Arbeit ist – ungeachtet dessen, ob und wie sie entlohnt wird. Es braucht die Einsicht, dass Einkommen nicht die Bezahlung von Arbeit ist, sondern die Ermöglichung von Arbeit. Eine Zahlung ist ein in die Zukunft gerichteter Auftrag, eine Leistung zu reproduzieren. Und es braucht die Einsicht, dass in einer Konsumgesellschaft jeder Mensch zuerst ein Einkommen benötigt, um leben zu können. Erst wenn er ein Einkommen hat, kann er seinen Beitrag für die Gemeinschaft erbringen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, so dass jeder Mensch bescheiden, aber menschenwürdig leben kann, ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Es braucht die Einsicht, dass jede sinnvolle Tätigkeit für andere Menschen Arbeit ist.

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Kein Mensch ist heutzutage in der Lage, unser Steuersystem zu durchdringen. Schon die Grundzüge sind äußerst kompliziert. Aber was wir nicht verstehen, das können wir auch nicht gestalten. Wir leben in einer hochgradig arbeitsteiligen und international verflochtenen Wirtschaft, und dafür brauchen wir ein zukunftsfähiges Steuersystem, das jeder nachvollziehen kann. Wir betreiben heute Knospenfrevel, wenn wir die Leistungen dort besteuern, wo sie hervorgebracht, statt dort, wo sie in Anspruch genommen werden. Der Einsatz von Maschinen und Technik wird subventioniert und verteuert im Verhältnis die Arbeit von Menschen. Was sich überall dort rächt, wo Menschen unverzichtbar sind: in der Pflege, der Erziehung oder der Kultur. Darum plädiere ich für die Abschaffung aller Steuern bis auf die Konsumsteuer. Nur sie ist wirklich sozial gerecht und es gäbe praktisch keine Möglichkeit mehr, Steuern zu hinterziehen.

Mit der Finanzwirtschaft verhält es sich ganz ähnlich, wie mit unseren Steuern. Wir haben ein System geschaffen, das längst niemand mehr versteht. Realwirtschaft und Finanzwirtschaft haben praktisch kaum noch etwas miteinander zu tun. Die Finanzmärkte sind zum Problem geworden, weil heute viel mehr Geld als Ware zirkuliert und die eigentliche Aufgabe der Banken, durch Kreditversorgung die Wirtschaft am Laufen zu halten, nicht das vorrangige Ziel ist. Deshalb braucht es eine strenge Regulierung und klare Grundregeln: Die Geldmenge muss in einem vernünftigen Verhältnis zu den echten Gütern und Dienstleistungen stehen. Wer Risiken eingeht, muss dafür selbst haften. Systemrelevante Banken oder Unternehmen werden so umgestaltet, dass sie niemals unser gesellschaftliches Zusammenleben bedrohen können.

Der Wandel kommt von unten, von uns Bürgern.

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Wir können die Zukunft nur gestalten, wenn wir heute damit beginnen, uns die Entwicklungsläufe bewusst zu machen. Der Wandel kommt von unten, von uns Bürgern. Was sich unter dem Stichwort Digitalisierung durch die Gazetten zieht, ist nichts anderes als die Forderung nach einem »New Deal« – einer Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, um die Herausforderungen der Zukunft gestalten zu können. Damit müssen wir sofort beginnen, damit unsere Kinder und Enkel künftig in einer Welt leben, in der es Armut tatsächlich nur noch im Museum gibt.

Dieser Beitrag erschien in OXI 7/2017 in der Rubrik Traum.

Weitere Artikel zum Thema: Der große Freiheitsgewinn mit Grundeinkommen, Die Idee Grundeinkommen und ihre bedingungslose Popularität und Das Grundeinkommen, eine gefährliche Utopie

Weiterlesen:

Götz Werner: Einkommen für alle. Der dm-Chef über die Machbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 224 Seiten, 16,90 €

Götz Werner: Womit ich nie gerechnet habe. Autobiografie. Econ Verlag, Berlin 2013, 204 Seiten, 9,99 €

Geschrieben von:

Götz Werner

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