Wirtschaft
anders denken.

Wenn der Chef in vier Tagen so viel verdient wie die Näherin im ganzen Leben

22.01.2018
Oxfam

Ein normaler Beschäftigter müsste 157 Jahre arbeiten, um das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Dax-Vorstandsvorsitzenden zu erzielen. Das ist nur ein Beispiel aus dem neuen Oxfam-Bericht über die grassierende ökonomische Ungleichheit in der Welt und hierzulande.

Die Organisation Oxfam befeuert mit einem neuen Bericht die Debatte über weltweite Ungleichheit. 82 Prozent des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Vermögens ist in die Taschen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung geflossen, rechnet Oxfam in dem Bericht »Reward Work, not Wealth« vor. Die 3,7 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen, hätten dagegen überhaupt nicht vom Vermögenswachstum profitiert. Beispiel: »In nur vier Tagen verdient ein Vorstandsvorsitzender eines der fünf größten Modekonzerne so viel wie eine Näherin in Bangladesch in ihrem ganzen Leben.«

Die Lage in der Bundesrepublik nannte Oxfam trotz guter Konjunktur die eines »Ungleichlandes«. Die reichsten 40 Personen würden in Deutschland über das gleiche Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung verfügen. Ein normaler Beschäftigter »müsste 157 Jahre arbeiten, um das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Dax-Vorstandsvorsitzenden zu erzielen«. Oxfam warnte, »eine Folge dieser Entwicklung könnten tiefere Risse in der Gesellschaft und eine Untergrabung der Demokratie sein«.

»Die massive soziale Ungleichheit ist ein Krankheitssymptom unseres Wirtschaftssystems, nicht etwa ein Zeichen gesunden Wachstums«, sagte Jörn Kalinski von Oxfam. Eine reiche Minderheit nehme »massiv Einfluss auf politische Entscheidungen und senkt Unternehmenskosten – insbesondere Löhne und Steuern – in unverantwortlicher Weise, um die Profite der Anteilseigner zu steigern. Den Preis der Profite zahlen Milliarden von Menschen weltweit, die zu Löhnen, die nicht zum Leben reichen, schuften müssen und keinen Zugang zum öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystem erhalten.«

Ausbeutung von Frauen

Zudem fuße das derzeitige Wirtschaftssystem  »auf der konsequenten Ausbeutung von Frauen. Weltweit ist zu beobachten, dass Frauen geringer bezahlt werden als Männer und überproportional häufig in schlecht bezahlten Berufen und in unsicheren Arbeitsverhältnissen vertreten sind. Sie leisten unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit im Umfang von schätzungsweise zehn Billionen US-Dollar jährlich«, kritisierte Oxfam.

Eines der zentralen Probleme – sieht man einmal von den systemischen Fundamenten solcherlei Reichtumsproduktion und privater Aneignung ab – liegt in etwas, das man Asozialität nennen muss. Die, die bereits enorm viel haben, versuchen jede Menge, um der Allgemeinheit, die die Grundlage ihrer Vermögensakkumulation erst bildete, Abgaben vorzuenthalten. Ein echtes Integrationsproblem.

Oxfam: »Das reichste Prozent der Bevölkerung drückt sich durch Steuertricks um Steuerzahlungen von etwa 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr.« Und noch ein Beispiel: »Entwicklungsländern entgehen durch die Steuervermeidung von Konzernen und reichen Einzelpersonen mindestens 170 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen pro Jahr – mehr als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe.« Letztere beträgt rund 145 Milliarden US-Dollar im Jahr.

Was würde die Vermögensteuer bringen?

Der Grünen-Politiker Sven Giegold sagte, »es wird Zeit für ein globales Aufbegehren gegen die soziale Spaltung«. Auch die Linkenpolitikerin Cornelia Möhring äußerte sich so. Die Vorsitzende der Linkspartei zog einen weiten Bogen: »Diese obszöne Ungleichheit ist nicht nur der Beweis des Scheiterns der profitgetriebenen Globalisierung, sondern der Reichtum der Wenigen beweist uns allen, dass soziale Gerechtigkeit heute mehr denn je eine Menschheitsfrage geworden ist.«

Inzwischen werden auch schon wieder Rufe nach Wiedereinführung der Vermögensteuer in Deutschland laut. Der Linkenpolitiker Fabio De Masi sagte, nur noch seine Partei »streitet für die Reaktivierung der Vermögenssteuer«. Andere hätten »vor der Macht des großen Geldes« kapituliert.

Laut dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW könnte eine Vermögensteuer auch bei hohen Freibeträgen ein Aufkommen von schätzungsweise zehn bis 20 Milliarden Euro im Jahr erzielen. Die Ungleichheit der Einkommensverteilung würde so »leicht reduziert«. Das DIW geht davon aus, dass »Anpassungsreaktionen der Steuerpflichtigen« das Steueraufkommen »allerdings spürbar mindern« könnten.

Laut einer Studie des ifo Instituts würde eine Vermögensteuer mit einem Satz von 0,4 Prozent auf Unternehmensvermögen, 1 Prozent auf Immobilien- und Finanzvermögen und einem Freibetrag von einer Million Euro (2 Mio bei Zusammenveranlagung) insgesamt rund 14 Milliarden Euro im Jahr in die öffentlichen Kassen fließen. Das ifo Institut rechnet mit hohen Verlusten bei anderen Steuern von bis zu 44 Milliarden Euro.

Geschrieben von:

OXI Redaktion