Wirtschaft
anders denken.

Auf die Größe kommt es an

05.11.2017

Die Marktmacht des berüchtigten ABCD-Komplexes im globalen Agrargüter-Handel resultiert aus den Schwierigkeiten, Naturprodukte zu kapitalistischen Geschäftsmitteln zu machen. / Ein Text aus dem Schwerpunkt »Unser täglich Brot« der aktuellen OXI-Printausgabe.

»Warum Agrarhandel?«, fragt eine Broschüre des Bundeslandwirtschaftsministeriums und gibt auch gleich Antwort: »Bananen aus Ecuador, Kaffee aus Kenia, Schweizer Käse, argentinische Steaks – Agrarimporte bringen Vielfalt auf unseren Tisch. Auf der anderen Seite exportiert auch die deutsche Landwirtschaft – und bereichert damit die Speisepläne der Nachbarländer.«

Doch ein Blick auf die Zustände im Weltagrarhandel zeigt: Um kulinarische Genüsse geht es hier nicht. Dominiert wird der globale Handel von einer Handvoll Konzerne, die zu gigantischer Größe angewachsen sind. Die Konzentration der Branche verweist auf die Besonderheiten des Geschäfts mit Agrargütern.

Seit einigen Jahren rollt eine neue Welle der Kapitalzentralisation über den weltweiten Agrarmarkt. Sichtbarstes Zeichen dafür sind die Milliardenfusionen großer Konzerne wie Bayer/Monsanto, Dow/Dupont, Potash/Agrium oder ChemChina/Syngenta. »Die Mega-Merger führen zu einer nie dagewesenen Konsolidierung in den Bereichen Saatgut, Dünger, Gen-Forschung und Landmaschinen und zu immer größeren Spielern in der Verarbeitung und Verteilung«, schreibt das Expertenpanel IPES. Die zehn größten Konzerne beherrschten im Sektor Saatgut nun drei Viertel des Weltmarkts, in der Agrochemie 84 und bei Landmaschinen 65 Prozent.

Die Macht der ABCD-Gruppe wird von Politikern, Wissenschaftlern und NGOs seit langem kritisiert. Doch woraus erwächst sie?

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Die Konzentration der Abnehmer wiederum ist nicht neu. Den globalen Handel mit Agrargütern besorgen seit langem im Wesentlichen vier Konzerne: ADM, Bunge und Cargill aus den USA sowie Dreyfus aus Frankreich. Gemeinsam bilden sie den berüchtigten ABCD-Komplex, der unter anderem den Handel mit den wichtigsten Agrargütern Weizen, Mais und Sojabohnen dominiert. Ihr Weltmarktanteil liegt laut Schätzungen bei 70 Prozent. ABCD finanzieren Ernten vor, kaufen sie auf, transportieren und vermarkten die Ware, sie beliefern die Landwirte mit Samen und Düngemitteln und haben dazu Kooperationsabkommen mit den großen Agrochemie- und Saatgut-Konzernen geschlossen.

Der pure Handel mit Agrargütern liefert auf Grund des Preisdrucks allerdings nur geringe Gewinnspannen. Er wird daher zunehmend zum Anhängsel ganz anderer Aktivitäten. ABCD verarbeiten Rohstoffe zu Vorprodukten oder zu Lebensmitteln wie Schokolade, Margarine oder Orangensaft, sie stellen Getränkezutaten, Agrosprit, diätische oder pharmazeutische Produkte her und spekulieren auf eigene Rechnung mit Rohstoffpreisen. »Wir sind das Mehl in eurem Brot, der Weizen in euren Nudeln, das Salz in euren Pommes«, so eine Werbebroschüre von Cargill aus dem Jahr 2001. »Wir sind die Schokolade in eurem Dessert, der Süßstoff in eurer Brause und die Baumwolle in eurer Kleidung.«

Diese Konzerne treten Millionen von Bauern als mächtige Nachfrager gegenüber. »Farmer werden immer abhängiger von einer Handvoll Lieferanten und Abnehmer«, beklagt IPES. Denn aufgrund ihrer Marktmacht können die Großhändler den Produzenten vielfach Preise, Mengen und Qualität der Ware diktieren.

Diese Macht der ABCD-Gruppe wird von Politikern, Wissenschaftlern und NGOs seit langem kritisiert. Doch woraus erwächst sie?

Nicht allein aus dem Willen der Branchenriesen zur Dominanz – dieser Wille ist lediglich die Voraussetzung für ihr Wachstum. Auch die Liberalisierung des globalen Handels bereitet ABCD bloß das Feld. Quelle ihrer Macht ist das Angebot, das sie den Produzenten machen und das viele Bauern nicht ablehnen können.

Dieses Angebot besteht in dem besonderen Dienst, den die Agrarriesen den Bauern erweisen. Die Produzenten brauchen die Handelsgiganten. Das liegt an den Eigenarten ihres Produkts, das sich als kapitalistische Ware nur begrenzt eignet.

Das Geschäft des Bauern ist lokal, er bleibt an den Boden gebunden. Standortverlagerungen wie in der Industrie sind kaum möglich. Den zumeist kleinen Produzenten ersparen die Handelsgiganten die Kosten für Vertrieb und Vermarktung und öffnen ihnen den Weltmarkt als Absatzsphäre. ABCD kaufen Weizen und Soja in riesigen Mengen von vielen Bauern auf, lagern und verschiffen ihn dorthin, wo Nachfrage besteht und können diese Nachfrage gemäß gewünschten Mengen decken.

Dazu müssen sie groß sein: Allein der physische Transport erfordert enorme Kapitalmassen, die kein Bauer aufbringen kann: »Die Konzerne besitzen Hochseeschiffe, Häfen, Eisenbahnen, Raffinerien, Silos, Kühlhäuser, Ölmühlen und Fabriken«, so IPES. Ihre Größe ermöglicht es ABCD zudem, auch an kleinen Gewinnspannen zu verdienen. Die Produzenten wiederum können als kleiner Teil der ABCD-Produktpalette auf fernen Märkten verkaufen, die ihnen sonst unerreichbar blieben – und machen damit vermittelt über das ABCD-Vertriebsnetz den lokalen Bauern in aller Welt Konkurrenz.

Das Produkt des Bauern ist zudem abhängig von den Launen der Natur, also von Wetter, Boden und Schädlingsbefall. Es braucht viel Zeit zu wachsen, was den Kapitalumschlag der Bauern verlangsamt. Im Gegensatz zum Industriegut ist die Agrarproduktion daher schwerfällig und nur begrenzt beherrschbar – wann, wie viel und in welcher Qualität geerntet wird, ist trotz aller Agrochemie und Gentechnik unsicher.

Damit droht dem Bauern stets ein doppeltes Risiko: Fällt die Ernte schlecht aus, sinkt das Angebot und damit möglicherweise der Ertrag. Fällt die Ernte dagegen sehr gut aus, drohen Überangebot und Preisverfall so wie seit 2013. »Die globale Getreideschwemme geht in ihr viertes Jahr, das Angebot wird aufgebläht durch günstiges Wetter, High-Tech-Anbau und widerstandsfähigeres Saatgut. Das innovationsgetriebene Überangebot untergräbt das Geschäftsmodell von Agrarfirmen und Bauern«, so formulierte es Reuters unlängst.

Ergebnis sind die für die Rohstoffmärkte typischen heftigen Preisschwankungen, die die Finanzwelt zur Spekulation einladen und die Bauern permanenten Ertragsrisiken aussetzt – bei der Aussaat wissen sie nicht, wo zum Zeitpunkt des Verkaufs der Marktpreis liegt. Diese Ertragsrisiken nehmen die Agrargroßhändler den Bauern zum Teil durch festgelegte Preise und Liefermengen ab.

Die ABCD-Gruppe setzt die Hersteller rund um den Globus zu bloßen Zulieferern herab und unter dauernden Kostendruck.

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Auch hier hilft ihnen ihre Größe: Indem ABCD ihre Bezugsquellen weltweit poolen und eine Unzahl von Abnehmern beliefern, können die Giganten ihrerseits eigene Ertragsrisiken abfedern. »In einigen Gegenden der Welt gibt es Probleme, in anderen Ländern und Branchen schlagen wir uns dagegen gut«, fasst es Cargill-Chef David MacLennan zusammen.

Um die Erträge abzusichern, spekulieren die Handelskonzerne eifrig an den Warenterminbörsen, klären Abnahme- und Lieferpreise im Voraus ab und machen aus der Spekulation eine eigene Profitquelle. Um an den Preissprüngen zu profitieren, sind sie in denkbar guter Lage, verfügen sie doch durch den Kontakt zu den Lieferanten und die Beherrschung des Rohstoffmarktes über einen uneinholbaren Informationsvorsprung gegenüber den Mitspekulanten aus dem Banken- und Investmentfondsbereich.

Kapitalgröße und Marktdominanz sind im herrschenden Wirtschaftssystem für alle Unternehmen nützlich. Im speziellen Fall des Agrarsektors erwächst die Marktmacht der ABCD-Gruppe aus den besonderen Schwierigkeiten, Naturprodukte zu kapitalistischen Geschäftsmitteln zu machen. Sie öffnet den lokalen Produzenten einen globalen Absatzmarkt. Oder – wie im globalen Süden typisch – die Produktion wird von vornherein durch die Agrarhändler zwecks globaler Vermarktung organisiert.

In beiden Fällen setzt die ABCD-Gruppe die Hersteller rund um den Globus zu bloßen Zulieferern herab und unter dauernden Kostendruck. Schrumpfende Preise und Gewinnspannen zwingen die Bauern zur stetigen Effektivierung der Produktion. Für sie bedeutet das permanente Geldknappheit und einen steigenden Bedarf an Genpflanzen, Pestiziden, Wachstumsbeschleunigern und Maschinen. Dieser Bedarf wiederum treibt sie in die Arme der Agro-Technik-, -Chemie- und Saatgut-Konzerne und zwingt sie zur Ausdehnung der bebauten Flächen. All dies zeitigt die entsprechenden Schäden für Umwelt und produzierte Güter.

Die Macht der ABCD-Gruppe wird in jüngster Zeit allerdings herausgefordert. Zum einen durch neue Konkurrenten: Der chinesische Staatskonzern Cofco ist im Februar durch die Übernahme des niederländischen Weizenhändlers Nidera zum viertgrößten Agrarhändler der Welt aufgestiegen. Andere asiatische Konzerne schließen sich zusammen und kaufen insbesondere in Brasilien die Ernten auf. Finanzinvestoren wie Hedgefonds wiederum bauen in Südamerika eigene Farmen auf und untergraben die Dominanz der ABCD-Konzerne.

Dazu kommt die seit einigen Jahren hartnäckige Überproduktion, die die Preise drückt. Rund 800 Millionen Menschen weltweit leiden an chronischer Unterernährung, derweil »ertrinkt die Welt in Getreide«, so Reuters. Das führt zu Einnahmeausfällen bei den Bauern, aber auch bei den Großhändlern, die Milliarden in ihre Infrastruktur investiert haben – Milliarden, die sich nicht mehr so recht rentieren.

Daraus folgen Übernahmen: »Die Fusionen im Agrarsektor sind vom Überangebot angetrieben, denn das Wachstum ist dahin«, zitiert Reuters den Analysten Jonas Oxgaard vom Vermögensverwalter Bernstein. Die Konzentration schreitet auch bei den Handelsriesen voran – Cargill, ADM und Dreyfus verleiben sich weitere Zwischenhändler und Verarbeiter ein. Und Bunge liegt ein Übernahmeangebot des Schweizer Rohstoffhändlers Glencore vor.

Die vom Bundeslandwirtschaftsminister gelobte »Vielfalt auf unserem Tisch« bleibt damit erhalten – ebenso wie der weltweite Hunger, die Existenznot vieler Bauern und der Druck, immer mehr und billiger zu produzieren.

Geschrieben von:

Stephan Kaufmann

Journalist