Wirtschaft
anders denken.

Automatisierung und Gesamtarbeiter: Über den »Vormarsch der Roboter«

03.12.2017
Rovena Rosa/Agência Brasil / CC BY 3.0 br

Zwei neue Studie über den »Vormarsch der Roboter« machen die üblichen Schlagzeilen: »Weniger Arbeit« wäre ja nicht schlecht. Unter den gegebenen Bedingungen müssen die Folgen von Automatisierung und Digitalisierung für den Gesamtarbeiter aber anders diskutiert werde.

Zwei neue Studie über den »Vormarsch der Roboter« und die Auswirkungen auf den Erwerbsmarkt sorgen für die üblichen Schlagzeilen: »Fast ein Viertel weniger Arbeit«, heißt es im aktuellen »Spiegel« unter Berufung auf ein Papier des McKinsey Global Institute. Ein Paar Tage zuvor hatte die »Frankfurter Allgemeine« bereits über eine Un­ter­su­chung der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung Bos­ton Con­sul­ting Group berichtet und das so zusammengefasst: »Acht Millionen Stellen gefährdet«, die Au­to­ma­ti­sie­rung treffe »je­den fünf­ten Ar­beit­neh­mer«.

Solche Prognosen gibt es immer wieder, es gibt auch wissenschaftlichen Streit über die Aussagefähigkeit von Studien, in denen die Auswirkungen fortschreitender Automatisierung und Digitalisierung auf die Lohnarbeit prognostiziert werden – grosso modo aber wird niemand bestreiten, dass es deutliche Änderungen für die Beschäftigung gibt. So, wie es sie auch in früheren Phasen schon gegeben hat. Die Preisfrage lautet dann meist: Verschwinden die Stellen auf dem Erwerbsmarkt oder entstehen gleichermaßen neue? Und was heißt das für die Beschäftigten.

Hat nicht irgendwer die Roboter »losgeschickt«?

Dazu lassen sich drei Anmerkungen machen. Erstens werden Automatisierung und Digitalisierung spätestens in der Berichterstattung zu solchen Untersuchungen wie Naturzusammenhänge betrachtet. Beim »Vormarsch der Roboter« ließe sich doch fragen, ob nicht irgendwer diese Maschinen »losgeschickt« hat, mit welchen Interessen das verbunden ist und weshalb daraus zu lernen wäre, dass es eben nicht »kapitalistisches Schicksal« ist, sondern selbst gemachte Geschichte – wenn auch, wie man in einem berühmten Buch lesen kann, nicht aus freien Stücken.

Wenn aber Automatisierung und Digitalisierung keine unabänderlichen Einwirkungen eines bösen Geistes sind, sondern menschengemachter Fortschritt, könnte man auch die Frage nach dessen Dividende stellen – dann könnte eine Überschrift wie »Fast ein Viertel weniger Arbeit« sogar wie die Nachricht einer großen Besserung klingen. Denn man könnte ja auch die Arbeit, die dann nicht mehr zu tun ist, als disponible Zeit gesellschaftlich gerecht verteilen. Jeder hätte dann weniger Lohnarbeit zu tun, aber dafür mehr Raum für anderes – dank Automatisierung und Digitalisierung.

Veränderung der Zusammensetzung des »Gesamtarbeiters«

Das ist, drittens, kein Kinderspiel, es fällt denen, die davon etwas hätten, nicht in den Schoß und man muss wohl bei der Bewertung der gegenwärtigen Chancen zur Durchsetzung einer radikal gedachten Umverteilung von Arbeit tatsächlich eher skeptisch sein. Umso wichtiger wäre, die tatsächlichen Folgen einer Automatisierung und Digitalisierung in den Blick zu bekommen, die zunächst noch unter dem Primat von Interessen des Kapitals vorangetrieben wird, weniger der Seite der Arbeit.

Das steht in den Schlagzeilen nicht. Denn die eigentliche Meldung beider Studien lautet: »Zwischen drei und zwölf Millionen Beschäftigte, also bis zu einem Drittel aller Arbeitskräfte, müssten sich neue Fähigkeiten aneignen oder eine Stelle in einer anderen Branche suchen«, wie es der »Spiegel« formuliert. Beziehungsweise, wie die »Frankfurter Allgemeine« aus der anderen Untersuchung zitiert, in der es um »mit­tel­fris­tig bis 2025« um bis zu rund 7,7 Mil­lio­nen Beschäftigte verschiedener Branchen geht: »Oh­ne Wei­ter­bil­dung die­ser Ar­beit­neh­mer könn­te die­se Ent­wick­lung ei­nen An­stieg der Ar­beits­lo­sig­keit be­reits in­ner­halb ei­ner Le­gis­la­tur­pe­ri­ode um 60 Pro­zent zur Fol­ge ha­ben«.

Die Entwicklung betrifft dabei nicht nur Ge­ring­qua­li­fi­zier­te, sondern über 60 Pro­zent der Stellen, um die es geht, setzen heute mindestens Fach­arbeiter-Ausbildungen voraus. Mit anderen Worten: Automatisierung und Digitalisierung beschleunigen in der gegenwärtigen Phasen und wohl auch noch auf längere Sicht die Zusammensetzung des »Gesamtarbeiters«. Dies hat erhebliche Folgen – auch für Politikansätze, die den Hebel zu Gunsten des gesellschaftlichen Interesses betätigen wollen.

Insofern die Folge Verschiebungen der Gewichte der Anzahl von Beschäftigten zwischen den Sektoren sind – also weg von der Industrie hin zu Verwaltung, Kommunikation, Dienstleistung, sind damit unter anderem auch Herausforderungen für die Organisierung des Faktors Arbeit verbunden.

Insofern man die Veränderungen in der Berufswelt über einen längeren Zeitraum beobachtet, rücken darüber hinaus Auswirkungen auf das Zusammenspiel von Qualifikation, Berufsrolle, sozialem Status und den Relationen bestimmter Gruppen und ihrem Selbstverständnis zu anderen in den Blick. Dies wird sich laut OECD vor allem in einem weiteren Sinken der Zahl der Stellen ausdrücken, die mittlere Qualifikationen erheischen – und dies vor allem im produzierenden Gewerbe.

Konflikt um die gesellschaftlichen Kosten der Weiterbildung

Hieraus ergibt sich dann schon der nächste, wenn auch sicher nicht letzte Punkt: Die Weiterbildung rückt noch stärker ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Dies betrifft nicht nur die Angebotslage und die Frage, wer »die Richtung« der neuen Qualifikationen bestimmt. Es betrifft dies aber unmittelbare noch eine doppelte Verteilungsfrage: Schätzungen der Bos­ton Con­sul­ting Group zufolge belaufen sich die gesellschaftlichen Kosten für die durch Automatisierung und Digitalisierung getriebene Weiterbildung bis 2025 auf zehn Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr. Die »Frankfurter Allgemeine« merkt dazu an, dies sei aber deutlich weniger als die möglichen Kosten der Erwerbslosigkeit, die anfallen könnten, wenn die Qualifizierung ausbleibt.

Einmal abgesehen von der Tatsache, dass »der Arbeiter« hier allenfalls als Kostenfaktor gesehen wird und eine Alternative zur Anpassung an eine Automatisierung und Digitalisierung, die allein von anderen bestimmt wird, gar nicht in Betracht genommen wird, verweist der Kosten-Vergleich doch immerhin darauf, was als Forderung erhoben werden könnte: ein allein von der Kapitalseite getragener Milliarden-Fonds zur Qualifizierung, der arbeits- und sozialrechtlich mit weitgehenden Schutzfunktionen für die Beschäftigten (Rückkehrrechte, Lohnfortzahlung etc.) flankiert wird. Und der auch, was die »Richtung« angeht, also die Inhalte der Weiterbildung, zu einem Politikum werden müsste.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur