Wirtschaft
anders denken.

Bald Vollbeschäftigung? Schlafmittel im Wahlkampf

11.09.2017
Foto: Photomatters / wikimedia CC BY-SA 3.0Wer hat überhaupt das »Voll« in »Beschäftigung« getan?

Prognosen baldiger Vollbeschäftigung dienen heute allenfalls als Schlafmittel in einem Wahlkampf, in dem über die arbeitsmarktpolitischen Realitäten jenseits offizieller Jobwunder-Statistiken nicht gern gesprochen wird.

Einige als führend bezeichnete Ökonomen halten es für möglich, dass hierzulande schon bald Vollbeschäftigung herrscht. Unterschiedliche Meinungen scheint es nur noch darüber zu geben, ab wann eintritt, was der Chef des unternehmensnahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, »nie realistischer als heute« nennt – erst 2025? Oder doch schon in der kommenden Legislaturperiode, wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, meint – also bis 2021?

Bevor Sie nun den Kalender für die Planung der Jubelfeiern herauskramen – was hier wie ein kommendes Paradies behandelt wird, ist in Wahrheit keines. Und es wird auch nicht in den nächsten Jahren eröffnet, jedenfalls nicht, solange nicht grundlegende Weichenstellungen politisch mehrheitsfähig werden. Ist das zu erwarten? Wenn man sich die politische Debatte vor der Septemberwahl anschaut: nein.

In der Öffentlichkeit werden zwar immer neue Rekorde bei der Erwerbstätigkeit verbreitet. Doch erstens ist Quantität nicht Qualität – und zweitens sind nicht einmal die Zahlen unumstritten, die das Fundament des Geredes über Vollbeschäftigung bilden. Anders formuliert: Wer hat überhaupt das »Voll« in »Beschäftigung« getan?

Vollbeschäftigung? Alles von 1,5 Prozent bis 6 Prozent

Vollbeschäftigung gilt als erreicht, wenn die Arbeitslosenquote einen bestimmten, keineswegs allgemein anerkannten Wert unterschreitet. Dass irgendwann alle Leute einer Lohnarbeit nachgehen, glaubt natürlich niemand. In den 1970er Jahren galt eine Quote von 1,5 Prozent als Grenze, früher waren es einmal zwei Prozent. In den 1990er Jahren konnte man auch Marken wie vier oder sechs Prozent lesen. Später hielt ein damaliger SPD-Wirtschaftsminister Vollbeschäftigung schon »bei einer gewissen Sockelarbeitslosigkeit, die zwischen 3 und 5 Prozent liegt«, für erreicht. Und die Rheinische Post, die bei Hüther und Fratzscher in Sachen Vollbeschäftigung gefragt hatte, schreibt, »Ökonomen halten diese schon für erreicht«, wenn die Arbeitslosenquote »auf drei bis vier Prozent gesunken ist«.

Im August lag die offiziell registrierte Erwerbslosenquote bei 5,7 Prozent – nimmt man aber die aus dieser Statistik herausgerechneten Menschen ohne Arbeit dazu, käme man auf eine um zwei Prozent höhere Quote. Heute werden fast eine Millionen Menschen, die einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen, dies aber nicht können, nicht mitgezählt: ältere Bezieher von Arbeitslosengeld, Ein-Euro-Jobber, Menschen in Fördermaßnahmen und Weiterbildung, krank gemeldete Erwerbslose. Selbst die Bundesagentur für Arbeit gibt die Unterbeschäftigung mit über 3,48 Millionen an – und da sind Beschäftigte in Kurzarbeit noch nicht einmal eingerechnet.

Quantität ist nicht Qualität

Das ist das eine. Das andere ist: Der bloße Rückgang der Erwerbslosenzahlen sagt noch nichts darüber aus, was das für Stellen sind. Der Boom bei der Erwerbstätigkeit hat schließlich auch eine andere Seite: Während die eine seit 2007 um über drei Millionen gestiegen ist, legte die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in der gleichen Zeit viel weniger deutlich zu. Das drückt sich in der steigenden Zahl der Teilzeitstellen aus. Auch die Zahl der befristeten Jobs nimmt zu, Studien belegen die Folgen von Arbeitsstress. Und da haben wir über die Höhe der Einkommen aus Lohnarbeit noch nicht einmal gesprochen. Von der Frage ganz zu schweigen, was die Leute, die einer Lohnarbeit nachgehen, eigentlich herstellen und inwiefern das überhaupt den gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht. Was, um es einmal zuzuspitzen, ist eine Vollbeschäftigung wert, in der zwar alle eine Arbeitsstelle haben – aber alle in der Rüstungsindustrie?

Prognosen baldiger Vollbeschäftigung dienen heute allenfalls als Schlafmittel in einem Wahlkampf, in dem über die arbeitsmarktpolitischen Realitäten jenseits offizieller Jobwunder-Statistiken nicht gern gesprochen wird. Die Debatte darüber, auch vor dem Hintergrund technologischer Entwicklung, globaler Verteilungsverhältnisse und einer die natürlichen Grundlagen zerstörenden Wachstumslogik wäre spannender als die Frage, ob eine politisch einigen nützliche Marke etwas früher oder etwas später erreicht wird.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur