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Baracke der Haute Couture

25.06.2017
Foto: Knut HenkelNicolás und Cleo bei der Arbeit für die Luxusboutiquen der Welt.

Misericordia heißt Perus einziges Modelabel. Aus der Nähstube eines kleinen Ordens in Lima ist es hervorgegangen, wird von einem Franzosen gemanagt und liefert bis nach Tokio. Der Besitzer hat sich mit Misericordia seinen Traum von einem gemeinschaftlichen Projekt erfüllt und will es weiterentwickeln. Eine Visite in Limas Stadtteil San Miguel.

Der abgeschabte grüne Rollladen ist hochgezogen. Dahinter kommt die einfache, halb geöffnete Holztür zum Vorschein, auf der ein Plakat mit dem Schriftzug »La Cabaña de Alta Costura – Misericordia«, Baracke der Haute Couture, klebt. Auf dem sind die Serviceleistungen der Nähstube aufgelistet sowie deren Telefonnummer. »Wir nehmen auch Auftragsarbeiten entgegen. Aber gerade stecken wir in der Phase zwischen zwei Kollektionen – da passiert nicht viel. Die einen kümmern sich um die Wartung der Maschinen, die anderen machen sich Gedanken über neue Schnitte und Designs«, erklärt María Huamani Anca. Die 32-jährige Verwaltungsspezialistin ist seit rund sieben Jahren für Misericordia im Einsatz, kümmert sich um die Abrechnung, die nötigen Exportpapiere, alles Finanzielle und freut sich jedes Mal, wenn die neue Kollektion entwickelt wird. »Das ist immer die spannendste, die kreativste Zeit. Dann versuchen wir uns selbst zu übertreffen«, lächelt die Informatikerin und fährt fort: »Hier arbeiten wir im Team und jede und jeder ist von Anfang an für ein Kleidungsstück verantwortlich.« »Bei Misericordia haben alle einen Bezug zu dem Produkt, das diese Halle verlässt«, ergänzt Cleofe Alania Baldeon, die bei der Kreation der Kollektion als Aurelyen Contys rechte Hand fungiert.

Zwei Kollektionen verlassen jedes Jahr das kleine zweistöckige Fabrikgebäude im Zentrum von Lima. Es droht schon wieder zu klein zu werden, denn das Unternehmen wächst langsam, aber stetig. »Wir müssen hin- und herräumen, um Platz zu schaffen, wenn die Produktion läuft«, erklärt die 47-jährige Cleofe Alania Baldeon, die meist am Rechner unter dem großen Logo sitzt. Das dominiert den oberen Raum, wo auch genäht wird. Unten wird zugeschnitten, gedruckt, gewaschen, gebügelt und verpackt. Da fehlt es an Lagerraum, doch gewerbliche Flächen in Lima sind teuer. Obwohl das 2003 gegründete Label Boutiquen in Paris, in Berlin, Rom und Tokio beliefert, lebt man von der Hand in den Mund.

Aus dem Armenviertel in die Modewelt

Begonnen hat alles mit einer kleinen Schneiderei im Norden Limas, die von Nonnen betrieben wurde. Die Schuluniformen und Sportjacken mit dem Logo von »Nuestra Señora de la Misericordia«, so hieß die Schule im Armenviertel Zapallal, fanden die beiden Franzosen Mathieu Remaux und Aurelyen Conty so cool, dass sie auf die Idee kamen, eine komplette Kollektion auf die Beine zu stellen. »Wir hatten beide keine Ahnung von Mode. Ich hatte Kunst studiert. Doch wir haben uns in das Land verliebt und wollten helfen, neue Perspektiven aufzubauen«, erinnert sich Aurelyen Conty. So starteten die beiden mit einem 10.000-Euro-Kredit ihren Fünfnasenbetrieb in einer Bretterbude. Damals in Zapallal prägten windschiefe Hütten und graubraune Sandhügel das Ambiente um »La Cabaña de Alta Costura – Misericordia«. Zapallal ist längst Geschichte, Remaux stieg 2005 aus, und seitdem ist Conty allein verantwortlich für die Marke. Die produziert mit peruanischen Stoffen, Garnen und Händen Mode für den internationalen Markt. Verarbeitet wird vor allem Pima-Baumwolle, die langfaserige Qualitätsbaumwolle aus Peru, »denn bei der Biobaumwolle gab es immer wieder Engpässe, es fehlte der kontinuierliche Nachschub«, erklärt Neymar Vergaray Sánchez.

Sobald hier stabile Verfügbarkeit gegeben ist, da sind er und sein Chef sich einig, soll auf Biobaumwolle umgestellt werden. Vergaray Sánchez ist für den Einkauf von Stoffen, Garnen und anderen Materialien verantwortlich und regelmäßig auf Limas größtem Stoffmarkt, La Gamarra, unterwegs. Ansonsten schneidet der drahtige, bärtige Peruaner die Stoffe zu und schätzt es, dass bei Misericordia gemeinsam nach Lösungen und Konzepten für die Kollektionen gesucht wird. »Ich habe vorher als Supervisor in einem anderen Textilunternehmen gearbeitet. Hier fühle ich mich aber deutlich wohler, weil es weniger hierarchisch zugeht.«

Peruanische Haute Couture

Das wird vom Chef gefördert, der Mitsprache einfordert und es so geschafft hat die Produktion auf eine qualitativ neue Ebene zu heben. Nach und nach hat er die nötigen Maschinen angeschafft, um nun neben Trainingsjacken und T-Shirts auch Winterjacken, Pullover sowie Mäntel zu produzieren. Bei den Kunden kommt es an, dass Misericordia die Kollektion peu à peu erweitert hat und immer wieder mit neuen Produkten aufwartet. In der aktuellen Herrenkollektion springt ein dunkelblauer Nicki mit dem auffälligen Logo des Labels, den beiden Händen, dem Stern und dem Herzen ins Auge. Es steht für die Hände, den Geist und das Herz (Manos, Espiritu y Corazón), mit denen gearbeitet wird. Von Beginn an ging es bei Misericordia darum, ein kollektives Projekt mit umweltschonendem Anspruch und sozialer Verantwortung auf die Beine zu stellen. »Aber wir sind kein Fair-Trade-Unternehmen, sondern ein peruanisches Modeunternehmen, das in Lima designt und produziert«, erklärt Aurelyen Conty schnell und macht deutlich, dass Misericordia eben weit mehr sein will als ein ökologisch korrekter Rohstofflieferant für die europäische Textilindustrie. »Gemeinsam besser werden« ist sein Motto, und dabei ist der 42-Jährige durchaus anspruchsvoll.

Ungewöhnliche Arbeitszeiten, flache Hierarchien

Conty geht es darum, mit Misericordia anspruchsvollere, kreativere Mode zu produzieren und die Kollektionen besser zu machen. Deshalb hat er seine rechte Hand Cleofe Alania Baldeon im April nach Paris kommen lassen und ist mit ihr auf Messen, dem Stoffgroßmarkt und bei der Konkurrenz unterwegs gewesen. Sie sollte sich ein Bild davon machen, was es alles gibt und wie andere arbeiten. Inspiration soll das bringen, aber sie auch in die Lage versetzen, ihren Kollegen in Lima zu erklären, in welche Richtung Conty Misericordia weiterentwickeln will.

Er setzt auf peruanische Materialien wie Alpaka-Wolle und Pima-Baumwolle, auf kurze Wege und faire Arbeitsbedingungen: Alle vierzehn Festangestellten werden über dem staatlichen Mindestlohn von derzeit 850 Soles (240 Euro) entlohnt und sind rundum sozialversichert. Das gilt auch für die rund dreißig NäherInnen, die in der Produktionszeit dazustoßen, um die gut 30.000 Kleidungsstücke, die jährlich ausgeliefert werden, zu fertigen. »Dabei arbeiten wir nur fünf Tage die Woche und drei Stunden weniger als in Peru üblich«, erklärt die Verwaltungskraft María Huamani Anca. Statt 48 sind es 45 Stunden pro Woche , was es ihr ermöglicht, mehr Zeit mit ihrer fünfjährigen Tochter zu verbringen. Ein Vorteil, den sie zu schätzen weiß und der selten ist im Textilsektor, wo Überstunden üblich sind – nicht nur in Peru.

»Es ist die Mischung aus kreativem Miteinander, fairen Arbeitsbedingungen und fairer Bezahlung, die dazu geführt hat, dass wir ein familiäres Betriebsklima haben«, sagt sie. Ein Grund, weshalb sie schon mal als Model für die Homepage eingesprungen ist und Verantwortung übernimmt, wenn Aurelyen Conty und Cleofe Alania Baldeon in Europa unterwegs sind, um das einzige Modelabel aus dem Land der wertvollen Textilrohstoffe langsam, aber sicher bekannter zu machen.

Hintergrund

Feiner Stoff für die Labels der Anderen

Aus dem trockenen Norden Perus kommt ein Rohstoff, der die Experten der internationalen Rohstofforganisation »Bremer Baumwollbörse« mit der Zunge schnalzen lässt: Pima-Baumwolle. Daraus werden feine Herrenhemden, edle Unterwäsche und so manches Poloshirt mit dem Label »Hecho en Peru«, hergestellt in Peru, produziert. Einzig die ägyptische Baumwolle, die ähnlich lange Fasern aufweist, genießt unter Baumwollexperten ein ähnliches Standing. Pima-Baumwolle, auch als »extra long staple« (ELS) bekannt, unterscheidet sich von den anderen Baumwollarten durch die Faserlänge und -stärke. Außer in Peru wird sie hauptsächlich in Australien und dem Südwesten der USA handgepflückt und handverlesen, aber in Peru wird die edle Ware oft ohne den Einsatz von Pestiziden angebaut.

Das hat dazu beigetragen, dass die langfaserige und deutlich haltbarere Ware ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für das mittelamerikanische Land ist, und zwar nicht nur als Rohstoff: Die vorwiegend in der Hauptstadt Lima angesiedelte Textilindustrie macht inzwischen elf Prozent der Industrieproduktion Perus aus. Sie beschäftigt rund ein Drittel aller Arbeitnehmer im industriellen Sektor. Neben metallischen Bodenschätzen und Agrarprodukten sind Textilien ein wichtiges Exportgut – traditionell für den US-amerikanischen Markt. Doch in den letzten Jahren haben die peruanischen Produzenten sich bemüht, ihre Absatzmärkte zu diversifizieren, und exportieren auch mehr und mehr nach Europa. Allerdings meist als Zulieferer und Auftragnehmer. In Peru werden zwar Pullover, Polo-Shirts, Hemden und anderes in guter Qualität produziert, aber eben nur für andere Unternehmen, die dann ihr Logo draufkleben.

Da fällt ein Unternehmen wie Misericordia aus dem Rahmen, denn dort gibt man sich nicht damit zufrieden, für andere zu produzieren, sondern wartet mit eigenen Entwürfen und Kollektionen auf. Dafür verwendet man neben der Pima-Baumwolle auch die ebenfalls im Land gewonnene Wolle von Lama, Alpaka und der Kamelart Vicuña, mit deren Verarbeitung es hier jahrhundertelange Erfahrungen gibt. Standortvorteile, die in Peru bisher viel zu wenig genutzt werden.

Dieser Beitrag erschien in der OXI-Ausgabe vom Juni 2017.

Geschrieben von:

Knut Henkel

Politikwissenschaftler