Wirtschaft
anders denken.

Nicht um Mitleid geht es, sondern um Gerechtigkeit: Warum es »Brot für die Welt« immer noch geben muss

24.12.2017
Brot für die Welt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

1959 wurde eine Spendenaktion gegen den Hunger gestartet. »Brot für die Welt« gibt es heute noch – weil die Ursachen für die Armut anderer nicht verschwunden sind. Ein Beitrag aus dem OXI-Schwerpunkt »Brot« in der Ausgabe 12/2017.

Im Jahr 2019 feiert »Brot für die Welt« 60. Geburtstag. So alt zu werden, war am Anfang nicht geplant. Stattdessen sollte 1959 eine einmalige Spendenaktion zugunsten hungernder Menschen stattfinden, denn Ende der 1950er Jahre wuchs in Deutschland der Wohlstand. Es schien möglich, dass die Menschen, denen nach dem verheerenden Krieg so viel geholfen worden war, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen, bereit sind zu geben.

Klaus Seitz, Abteilungsleiter Politik bei »Brot für die Welt« beschreibt es so: »Sie konnten sich einen VW Käfer kaufen und einen Kühlschrank, der gut zu füllen war. Und es schien ein guter Gedanke zu sein, nach der Hilfe, die man selbst erfahren hatte, nun anderen zu helfen.«

19 Millionen D-Mark kamen damals zusammen. Das war beachtlich und nährte die Hoffnung, dass sich solche Spendenbereitschaft verstetigen lässt. Lange hatte man im Vorfeld der Aktion, die im Dezember 1959 in der Deutschlandhalle in Berlin gestartet wurde, über einen Namen nachgedacht. Einer der Vorschläge lautete »Lazarus vor Europas Tür«, ein anderer »Alle sollen satt werden«.

Aber »Brot für die Welt«, das schien dann allen Beteiligten doch das stärkste Bild zu verkörpern. Die Bitte um das tägliche Brot ist den Menschen seit tausenden Jahren vertraut. Und auch der Gedanke, dass damit mehr als Brot gemeint ist: Im Leben bleiben können, sich nähren und kleiden, in Frieden aufwachsen, keine Angst haben müssen.

Alle sollen teilhaben können an einem guten Leben

»Es ist die Deutung, die uns auch Luther in seinem kleinen Katechismus mit auf den Weg gegeben hat: Brot bedeutet alles, was Not tut für Leib und Leben«, so formuliert es Seitz. »Es ist ein Symbol und verkörpert eine Hoffnung. Und wenn es am Anfang auch darum ging, Nahrungsmittel zu jenen zu bringen, die darben und hungern, enthielt die Idee von vornherein das, was später und bis heute unser Tun prägt. Alle sollen teilhaben können an einem guten Leben. Will man das erreichen, muss Armut überwunden werden.«

Hin und wieder wurde trotzdem darüber nachgedacht, ob der Name nicht irgendwann abgenutzt, altbacken wirken könnte. Aber inzwischen gilt »Brot für die Welt« hierzulande als eine der vertrauenswürdigsten Marken. Sie wirbt mit Bildern, die haften bleiben, und einer Sprache, die aufmerken lässt. »Weniger ist leer« – drei Worte und das Bild einer Schüssel, in der nur ein paar Reiskörner liegen, genügen, um den Film im Kopf zu starten. Es wäre mehr als herzlos, ungerührt daran vorbei zu gehen. Aber natürlich nicht unmöglich.

Es geht nicht um Mitleid, sondern um Gerechtigkeit

Für Klaus Seitz ist jedoch wichtig, dass es nicht um Mitleid geht, auch wenn Mitgefühl und die Bereitschaft, sich von der Not anderer anrühren zu lassen, natürlich starke Triebfedern sind, uneigennützig zu handeln. »Es geht um Gerechtigkeit, um Barmherzigkeit, die sich an Gerechtigkeit orientiert, und um Hilfe für Menschen, die auf den ersten Blick nicht unsere Nächsten sind, wie es das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt.«

In der globalisierten Welt sind – nimmt man dies ernst – alle unsere Nächsten. Entweder, weil sich unser Wohlstand auch auf der Armut anderer gründet, oder, weil andere ob ihrer Armut zu uns kommen, um der Not zu entfliehen. Entweder, weil es ein Planet ist und ein Klima und ein Himmel, oder, weil es in der Informationsgesellschaft unglaublich schwer geworden ist, nicht zu sehen. Zugleich aber auch wahnsinnig leicht, denn wegschauen geht immer und ein Überfluss an Informationen kann träge machen.

Manche sprachen damals von der »Hungerkralle«

Das erste Plakat von »Brot für die Welt« zeigte die schwarze Hand eines hungernden Menschen auf rotem Grund, die nach dem weiß geschriebenen Wort BROT zu greifen sucht. Manche sprachen auch von der »Hungerkralle«. Ein starkes Motiv, das so aber später nicht mehr benutzt wurde. Die Berliner nannten später das Luftbrückendenkmal, das in Erinnerung an die Blockade Westberlins in der Nachkriegszeit gebaut wurde, Hungerkralle – es ist ja auch ein eindrucksvolles Wort. Aber schon lange nicht mehr tauglich. Denn der Hunger steht immer am Ende einer langen Kette von Ungerechtigkeiten.

Klaus Seitz erzählt, dass in den politisch wilden und wichtigen 1968er Jahren dieses erste Plakat von linken Studentengruppen umgedeutet wurde. Längs zerrissen zwischen B und ROT, die Hungerkralle greift nach der Farbe, die zugleich politische Ansage symbolisierte. Und ja, sagt Seitz, dies sei als Impuls, politischer zu werden, ernst genommen worden.

Denn Hunger sei politisch und könne durch politisches Handeln bekämpft werden. »80 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu sozialen Sicherungssystemen. Rund ein Drittel der Todesfälle weltweit gehen auf armutsbedingte Ursachen zurück, täglich sterben rund 50.000 Menschen einen vorzeitigen Tod, weil ihre Lebensbedingungen unzureichend sind. Und Armut ist viel mehr als Einkommensarmut. Sie ist Ausschluss von Teilhabe und Verweigerung des Zugangs zu Lebensnotwendigem. Zieht man alle Armutsfaktoren in Betracht, sind heute zwei Milliarden Menschen arm – und das in einer Welt, die mehr Reichtum als jemals zuvor in der Weltgeschichte angehäuft hat.«

Weder industrielle Reserverarmee noch Konsumenten der Zukunft

Es geht also nicht um Almosen, sondern um Verteilungsgerechtigkeit. 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Agenda 2030 und definierten Ziele für nachhaltige Entwicklung – SDGs, das bedeutet Sustainable Development Goals.

Klaus Seitz beschäftigt sich viel mit den Möglichkeiten und den Gefahren der Globalisierung. »Armut ist vielfach ein Ergebnis von Ausbeutung. Aber heute ist ein Teil der Armen auch deshalb arm, weil viele Menschen für das Wachstum der globalen Wirtschaft überflüssig geworden sind. Sie werden weder als industrielle Reserverarmeen noch als Konsumenten der Zukunft gebraucht. Das sind Menschen, die wirklich abgehängt sind, und da finden Exklusionsprozesse statt, mit denen wir es vor einigen Jahrzehnten noch nicht zu tun hatten. Diese Menschen durch klassische Entwicklungshilfe zu erreichen, wird immer schwerer.« Und geradezu unmöglich scheint, ihnen zu helfen, ohne das eigene Leben zu ändern.

»Brot für die Welt« verfügt über eine beeindruckende Bibliothek hausgemachter Materialien, die zusammengenommen ein Lehrstück über Globalisierung, Armut, Verteilungsungerechtigkeit und Auswege aus der Not sind. Manches davon wünschte man sich in den Lehrplänen der Schulen, so die Broschüre »Das globale Huhn« mit dem Untertitel »Die Folgen unserer Lust auf Fleisch«. 2016 wurden 670.000 Tonnen »überflüssige« Geflügelteile aus der EU in afrikanische Länder exportiert. Hierzulande mag man Brustfilet, der Rest des Huhns ist für die anderen gut genug. Billigfleisch zerstört jedoch die Existenzen derer, die uns nicht die Nächsten sind.

Es sei denn, wir fangen an, sie als unsere Nächsten zu betrachten. Klaus Seitz sagt trotzdem: »Wir halten es weiterhin für möglich, dass 2030 der Hunger besiegt ist, auch wenn die vergangenen zwei Jahre nach einem hoffnungsvollen Jahr 2015, in dem die Agenda 2030 verabschiedet wurde, ein herber Rückschlag waren.«

Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO sagt, dass es zu schaffen wäre, den Hunger zu besiegen. Es fehle aber, so Klaus Seitz, an ausreichendem politischen Willen. So betrachtet, kann man guter und zugleich schlechter Hoffnung sein, dass »Brot für die Welt« 100 Jahre und älter werden wird.

Infokasten: Brot für die ganze Welt

Jeder neunte Mensch auf der Welt leidet an Hunger, 60 Prozent der Hungernden sind weiblich. Zwei Milliarden Menschen sind weltweit fehl- und mangelernährt, eine Milliarde Menschen fettleibig – was zwei Seiten einer Medaille beschreibt. Täglich sterben rund 24.000 Menschen an den Folgen der Unterernährung. »Brot für die Welt« ist das weltweit tätige Entwicklungswerk der evangelischen Landes- und Freikirchen in Deutschland und ihrer Diakonie. Das Pendant der Katholischen Kirche heißt Misereor (Barmherzigkeit). »Brot für die Welt« ist in mehr als 90 Ländern tätig mit dem Ziel, armen und ausgegrenzten Menschen dabei zu helfen, aus eigener Kraft ihre Lebenssituation zu verbessern. Im Zentrum der Arbeit steht dabei, dass alle Menschen über ausreichend Nahrung zum Leben verfügen, aber auch der Zugang zu Bildung und Wasser, die Stärkung der Demokratie und Verbesserung der Gesundheitsversorgung, die Sicherung der Menschenrechte und des Friedens. www.brot-fuer-die-welt.de

Geschrieben von:

Hannah Hoffmann