Wirtschaft
anders denken.

Die Vergangenheit freilegen

22.12.2020
Foto: pixabay

Der Cecilienhof in Potsdam und andere Baudenkmale als Speicher von Geschichte. Ein Beitrag aus OXI 12/2020.

Den Anfang macht ein dunkles Rotbraun mit schwarzen Flecken. Dann folgen ein gräuliches Weiß, ein lichtes Beige und ein helles Grau bis hin zum Eierschalenfarbton der Gegenwart. Auf den ersten Blick fallen die winzigen freigelegten Farbfenster der verschiedenen historischen Wandfassungen im Schloss Cecilienhof in Potsdam kaum auf zwischen den Spuren der großen Geschichte, die in der aktuellen Ausstellung »Neuordnung der Welt« bis zum 31. Oktober 2021 zur Potsdamer Konferenz erzählt wird. Schließlich sind die säuberlich nummerierten Untersuchungsquadrate, die die aufeinanderfolgenden Farbfassungen dokumentieren, kaum fingernagelgroß. Mit einem Skalpell wurden sie Schicht um Schicht unter späteren Anstrichen herauspräpariert. Eine kleinteilige Recherchearbeit. Doch so winzig sie sind, die freigelegten Farbschichten öffnen Fenster in die vergangene Zeit. Sie machen anschaulich, welche Farbe die Räume besaßen, als Schloss Cecilienhof 1917 nach Entwurf von Paul Schultze-Naumburg für den Kronprinz fertiggestellt wurde, den ältesten Sohn von Kaiser Wilhelm II. Und sie zeigen den Farbton der Wand, als hier die »großen drei«, Winston Churchill, Josef Stalin und Harry S. Truman zwischen dem 17. Juli und dem 2. August 1945 auf der Potsdamer Konferenz tagten, die damals noch als »Berliner Konferenz« durch die Medien ging. Schließlich hatte man das Schloss in der Potsdamer Parklandschaft vor allem deshalb als Konferenzort gewählt, weil Berlin zu kriegszerstört war.

Nein, die historische Farbe von Wand und Heizung werden keinen Einfluss darauf ausgeübt haben, welcher Stimmung Churchill, Stalin und Truman bei ihren Beschlüssen im Sommer 1945 waren, als sie den Rahmen für den Lauf der Welt während des folgenden halben Jahrhunderts setzten. Und doch: Aus der Summe der restauratorischen Untersuchungen lässt sich einiges über die Geschichte des Gebäudes erkennen. Architektur ist immer mehr als bloß ein Haus. Architektur trägt stets auch die Spuren der Zeit in sich, transportiert sie von der Vergangenheit in die Gegenwart. Über die Jahrzehnte lagern sich diese Spuren wie geologische Schichten ab. Sie spiegeln sich in Um- und Anbauten und entwickeln dabei eine Patina, der eine eigene ästhetische Qualität zukommt. Das gilt auch für Schloss Cecilienhof, das heute zum Weltkulturerbe zählt. Errichtet wurde es im Stil eines traditionellen englischen Landhauses, bekrönt mit einer Dachlandschaft aus 39 unterschiedlichen Schornsteinen. Doch auch spätere Zeiten haben ihre Spuren hinterlassen. 1945 wurde ein kleiner Baldachin-Portikus angefügt, der den Eingang auszeichnete, durch den Josef Stalin das Schloss während der Konferenz betrat, während an der Gartenmauer kyrillische Schriftzeichen samt Hammer und Sichel eingekerbt wurden. Nur ein paar Schritte entfernt liegt der malerische Blumengarten. In Stil und Bepflanzung ist er ein Zeugnis der DDR-Zeit, als das Schloss zur Gedenkstätte und später auch zum Hotel wurde. Am markantesten prallen die Zeitschichten an der Vorfahrt im Innenhof von Cecilienhof aufeinander. Dort blüht vor dem Schlossportal der Rote Stern auf einem Rasenrondell und verweist auf die Bedeutung des Ortes für die sowjetische Siegermacht des Zweiten Weltkriegs.

Bei ihrer aktuellen Sanierung der Außenhülle des Schlosses, die 2019 im Rahmen des Brandenburgischen Baukulturpreises ausgezeichnet wurde, haben Brenne-Architekten aus Berlin diese Zeitdokumente behutsam restauriert. Keine einfache Aufgabe. So galt es, den durch Holzschutzmittel stark schadstoffbelasteten Dachstuhl zu sanieren, die in die Jahre gekommene Bausubstanz zu ertüchtigen und dabei den Gesamtcharakter des Hauses zu bewahren. Wer heute vor dem Schloss steht, der fragt sich, was eigentlich hier gemacht wurde. So selbstverständlich fügen sich die erneuerten Ziegel in die Dachlandschaft, präsentieren sich die Schornsteine wie einst, obwohl alle aus den historischen Steinen neu aufgemauert werden mussten. Dass man hier gar nicht sieht, wo überall eingegriffen wurde, bedeutet für den Architekten Winfried Brenne das höchste Lob für seine Arbeit, für die er just mit dem Schinkelring geehrt wurde, der höchsten deutschen Denkmalschutzauszeichnung. Egal ob beim Theater von Hans Scharoun aus den 1960er Jahren in Wolfsburg oder bei der ADGB-Bundesschule von Bauhausdirektor Hannes Meyer und seinem Büropartner Hans Wittwer aus den 1920er Jahren in Bernau, es geht Brenne um den Balanceakt, die Baudenkmale mit ihren historischen Materialien zu erhalten, sie von störenden späteren Überformungen zu befreien und sie zugleich für die Anforderungen der Gegenwart zu rüsten. Dieser bewusste Umgang mit denkmalgeschützten Zeugnissen der Geschichte stellt eine enorme kulturelle Leistung dar. Zugleich erweist sie sich als höchst nachhaltiger Ansatz, weil die in den Gebäuden gespeicherte sogenannte »graue Energie« erhalten bleibt, die bereits bei ihrem Bau investiert wurde. Zugleich besitzt dieses Konzept eine wirtschaftliche Dimension. Nicht nur, weil jährlich Zehntausende Besucher nach Cecilienhof strömen, sofern sie nicht gerade durch die Corona-Pandemie abgehalten werden, sondern auch, weil für eine denkmalgerechte Restaurierung herausragende Handwerker unterschiedlicher Gewerke ebenso unverzichtbar sind wie qualifizierte Firmen, die originalgetreue Baumaterialien produzieren.

Während der letzten 200 Jahre setzten an vielen Orten Europas fast zeitgleich Bemühungen ein, die gebauten Zeugnisse früherer Epochen inmitten der sich radikal verändernden Welt zu erhalten. Es ging darum, die Bausteine der Vergangenheit in eine neue Zeit zu leiten. Manche Gebäude, wie die mittelalterliche ostpreußische Marienburg, die Ende des 18. Jahrhunderts zum Abbruch vorgesehen waren, konnten so gerettet werden. Andere mittelalterliche Monumente, wie der Kölner Dom, wurden nach Jahrhunderten des Baustillstandes überhaupt erst beendet. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc nutzte in Frankreich das erwachende Geschichtsbewusstsein dazu, die Kathedralen in Saint-Denis, Reims oder Amiens in einen vermeintlich »reinen« gotischen Stil zurückzuführen. Veränderungen anderer Epochen wurden entfernt. Aber Viollet-le-Duc baute auch an den Kathedralen weiter. Als 2019 die Kathedrale Notre-Dame in Paris in Flammen aufging, stürzte jener »gotische« Dachreiter ein, den er der Kirche erst 1855/59 aufgesetzt hatte. Leidenschaftlich wird seitdem darüber diskutiert, welche Form ein künftiger Dachreiter besitzen müsste. Sollte er wieder im Stile Viollet-le-Ducs entstehen? Oder lieber eine zeitgenössische Interpretation erhalten? Dabei handelt es sich um einen Diskurs, der vor über hundert Jahren kaum anders geführt worden wäre. Hier erweist sich die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Zeitschicht, für neu oder alt nicht nur als eine ästhetische Auswahl. Dahinter leuchtet zugleich die Entscheidung für ein bestimmtes Geschichtsbild auf. So steht die Pariser Diskussion beispielhaft für die Frage, wie mit historischen Bauwerken und ihren Geschichtsspuren umzugehen sei, die sich über die Zeit in sie eingeschrieben haben. Sollten Bauwerke wie einst bei Viollet-le-Duc auf einen einheitlichen – meist imaginären – Idealzustand hin »zurückgeführt« werden? Oder sollten die Spuren der Geschichte deutlich an ihnen ablesbar bleiben? Und wenn – auf welche Zeitschicht einigt man sich? Welche Schicht gilt als so bedeutend, um herausgestellt zu werden, und welche nicht? Ganz Bibliotheken von Aufsätzen widmen sich dem »richtigen« Umgang mit Baudenkmalen. Dabei wurde die Aufmerksamkeit der Denkmalpflege für andere Epochen geweitet, erschienen nicht mehr nur Schlösser oder Kirchen denkmalwert. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gerieten zunehmend Bauwerke des Alltags in den Blick, Wohnhäuser oder Industrieanlagen, aber auch »unbequeme« Denkmale, die Zeugnis von Terror und Krieg ablegen. Zugleich wurde ein feinteiliges Instrumentarium entwickelt, das die Grundlage bildet, um zu bewerten, welche Zeitschichten eines Denkmals es zu erhalten gilt. Schließlich hinterlässt jeder Eingriff in ein Baudenkmal sowohl funktionale wie ästhetische Spuren.

In Europa gilt die Erhaltung der historischen Konstruktionen und des Baumaterials als oberste Priorität jedes denkmalpflegerischen Eingriffs. Das Material wird als Zeugnis der Zeit und Träger der Denkmalbedeutung begriffen. Eine Idee, die in Japan kaum nachvollziehbar ist. Am Beispiel des Shint-Schreins von Ise erläutert Donald Richie in seinem wunderbaren »Versuch über die japanische Ästhetik« den komplett gegenteiligen Ansatz in Japan. Dort wird der Schrein von Ise alle 20 Jahre abgerissen und »auf einem benachbarten Grundstück identisch wiederaufgebaut«. Der »angemessene« Umgang mit der Zeit und ihren Zeugnissen erweist sich also als eine kulturelle Vereinbarung, die an unterschiedlichen Orten der Welt sehr unterschiedliche Formen annimmt.

Das europäische Konzept, das die Bedeutung eines Gebäudes eng an dessen Material bindet, findet seine vielleicht subtilste Umsetzung in Sanierung und Wiederaufbau des kriegsbeschädigten Neuen Museums (1843/55) in Berlin durch den Architekten David Chipperfield und den Denkmalpfleger Julian Harrap. Das von Friedrich August Stüler entworfene Museum ist ein Meilenstein für die Berliner Museumsinsel und die Geschichte der Baugattung Museum an sich. Bei der 2009 abgeschlossenen Sanierung gingen die Architekten behutsam auf den von Raum zu Raum unterschiedlichen Grad der Erhaltung bzw. Kriegsbeschädigung ein. Vollständig zerstörte Bereiche erneuerte Chipperfield in seiner ihm eigenen kraftvollen Architektursprache. Das Ergebnis ist ein komplexes Bauwerk, das auch ein gutes Jahrzehnt nach seiner Wiedereröffnung noch überzeugt. Es eröffnet seinen Besuchern eine Reise in die Geschichte der Baugattung Museum und lädt sie zugleich dazu ein, sich in die unterschiedlichen Zeit- und Sanierungsschichten zu vertiefen. Diese Gesamtkomposition wird durch das Zusammenspiel mit den ausgestellten Werken der ägyptischen Sammlung vertieft. Es kulminiert in der Büste der Nofretete, die die Berliner Museen dem Sammler James Simon verdanken. Hier strömen die Zeitebenen ineinander, überlagern, verdichten und durchdringen sich. Sie umfassen einen kulturellen Kosmos, der von der Antike über die Museums- und Sammlungsgeschichte bis zur umhüllenden Architektursymbiose von Stüler bis Chipperfield reicht.

Nur eines kurzen Fußwegs vom Neuen Museum bedarf es allerdings, um in Berlin auch zum gebauten Gegenstück dieses anspruchsvollen Konzepts aus Bewahren und Fortschreiben zu gelangen, dem Stadtschloss mit dem Humboldtforum, das am 17. Dezember 2020 eröffnet wird. Wo beim Neuen Museum behutsam getastet und gesucht wurde, um die Bausubstanz zu reparieren, da wird beim Berliner Stadtschloss, das Franco Stella mit Hilmer & Sattler und Albrecht Architekten rekonstruiert hat, sorglos klotzend durch die Zeit gehüpft. Die Zeitschicht der DDR war mit dem Abriss des Palastes der Republik bereits zugunsten der neuen Setzung ausgelöscht worden. Sie ist so verloren wie der mittelalterliche Kernbau, die majestätische Erweiterung von Andreas Schlüter und die späte Kuppel von Stüler. Stattdessen behauptet das neue Schloss mit seiner vor dem Betonkern aufgemauerten Fassade einen Barock, den es in dieser Form so nie gegeben hat. Bei aller Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung, die man den beteiligten Architekten bei der Rekonstruktion zubilligen sollte, bei allem spürbaren Ringen um handwerkliche Qualität, bleibt angesichts dieses neuen alten Schlosses die ewige Frage: Wozu?

Nicht nur, dass mit der Schlossrekonstruktion darauf verzichtet wurde, eine Zukunftsvision zu formulieren. Das Schloss ist ein Stück gebauter »fake news«. Es unterstellt eine freie Verfügbarkeit von Zeitschichten, die nach Belieben im alten Duktus neu geschaffen werden können. Der Blick auf Schloss Cecilienhof oder Neues Museum aber offenbart, wie mühselig und zugleich beglückend es demgegenüber ist, wahrhaft um die Spuren der Zeit zu ringen.

Geschrieben von:

Jürgen Tietz

Publizist