Wirtschaft
anders denken.

»Chancengleichheit ist der Schlüssel zum Erfolg, nicht Umverteilung.« Wirklich? Mythen zur sozialen Lage, Teil VIII

29.11.2018
Illustration: Marie Geissler

Sind die »Armen« in Deutschland gar nicht arm? Ist Ungleichheit »leistungsgerecht«? Fehlt es Deutschland bloß an Chancengleichheit? Dass Einkommen und Vermögen hierzulande krass ungleich verteilt sind, ist allgemein bekannt. Aber wie läuft die Debatte? Wir haben uns einige der gängigen Rechtfertigungen für die bestehende Ungleichheit und Lösungsargumente angesehen. Eine »Oxi«-Serie.


»Chancengleichheit ist der Schlüssel zum Erfolg, nicht Umverteilung.« (»Süddeutsche Zeitung«)

Was wird gesagt?

In Deutschland sind die Möglichkeiten zum beruflichen Aufstieg unterschiedlich verteilt. Die »soziale Mobilität« ist gering, das bedeutet: Wer aus reichem Hause kommt, bleibt meist Teil der Oberschicht. Wer aus armem Hause kommt, bleibt unten. Das ist ungerecht. Um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, muss daher die Chancengleichheit erhöht werden. »Die Selbstverpflichtung zu eigenen Leistungen und damit zu mehr Selbstverantwortung ist Grundbedingung der Solidarität. Chancengleichheit hat deshalb Vorrang vor Ergebnis- bzw. Verteilungsgleichheit (…) Das wichtigste Betätigungsfeld des Staates liegt in der Schaffung von Chancengleichheit.«

Was ist dran?

Tatsächlich sind die Chancen in Deutschland ungleich verteilt, und die soziale Mobilität ist gering. Mehr Chancengleichheit würde den Benachteiligten bessere Möglichkeiten zum Aufstieg gewähren. Chancengleichheit wird daher uneingeschränkt positiv bewertet – so wie Freiheit, Gerechtigkeit und Umweltschutz. Aber was kann Chancengleichheit wirklich bewirken?

Erstens geht es bei dem Plädoyer für Chancengleichheit – zuweilen auch »Chancengerechtigkeit« genannt – nie um die Gleichheit des Marktergebnisses, also der Einkommens- oder der Vermögensverteilung, sondern immer nur um die Gleichheit/Gerechtigkeit der Ausgangsbedingungen. Chancengleichheit bedeutet schlicht: Jede und jeder soll die gleiche oder zumindest eine »gerechte« Möglichkeit haben, an der Konkurrenz teilzunehmen.

Zweitens wird zuweilen angenommen, Chancengleichheit führe zu gleicherer Verteilung von Einkommen und Vermögen. Doch dies trifft nicht zu. Auch der chancengleiche Wettbewerb zeitigt Gewinner_innen und Verlierer_innen. Am Ende sind einige reich und andere arm. Chancengleichheit hätte nur Einfluss darauf, welche konkreten Personen reich sind und welche nicht.

Das heißt aber drittens, dass gleiche Chancen, also gleiche Ausgangsbedingungen am Ende nichts anderes bedeuten, als dass das Recht des Stärkeren, des »Leistungsfähigeren« gilt. Wenn alle anderen Faktoren wie Herkunft, Protektion usw. wegfallen, herrscht der reine Wettbewerb um Einkommen und Jobs. Den in der Konkurrenz Unterlegenen kann damit die Schuld an ihrer Niederlage zugewiesen werden. Das öffnet das Tor zum Leistungsrassismus, wie man ihn von Thilo Sarrazin kennt: »In einer wirklich chancengleichen Gesellschaft ist jemand nur noch aus Gründen ‹unten›, die in seiner Person liegen.«

Chancengleichheit dient also dazu, Ungleichheit zu rechtfertigen: Die Gewinner_innen waren eben besser, tüchtiger, leistungsfähiger als die Verlierer_innen. Das Projekt »Chancengleichheit« lässt sich damit zur sozialen Befriedung nutzen. »In allen Grundsatzdebatten wird Chancengleichheit zur großen Versöhnungslösung, die es verschmerzen lässt, dass Ergebnisungleichheit fast unausrottbar erscheint«, so ein Thesenpapier des Managerkreises der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Gleichzeitig lässt sich materielle Ungleichheit viel leichter tolerieren, wenn jede_r Einzelne das Gefühl hat, dass er oder sie es schaffen kann.

Viertens: Zwar wünschen sich die Menschen in sämtlichen Umfragen mehr Sicherheit ihrer Lebensbedingungen. Dennoch ist »Chance« – die pure Möglichkeit des Erfolgs – ein positiv besetzter Begriff. Wer eine Chance hat, der darf sie nutzen. Sie erscheint als ein Gut, als etwas, das man besitzt und das man nutzen kann. Nicht hinterfragt wird, wer die Bedingungen für Erfolg setzt, denen sich alle, die »ihre Chancen nutzen«, unterwerfen müssen. »Die naive Zustimmung zu einer Veranstaltung, in der Chancen gegeben werden, befördert daher vornehmlich den objektiven Nutzen solcher Interessengruppen, die die Bedingungen der Chancen hergestellt haben und kontrollieren.« (Helmut Heid)

Fünftens lassen sich mit dem Verweis auf Chancengerechtigkeit Sozialkürzungen und Niedriglöhne legitimieren. So wandte sich die arbeitgeberfinanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft »gegen die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, denn der mache Arbeit teurer, vernichte so Arbeitsplätze und damit Chancen. Ein Mindestlohn sei daher ‹ungerecht›, so die INSM«.

So wichtig mehr Chancengleichheit gerade für die Benachteiligten wäre – zu mehr Gleichheit der Ergebnisse führt sie nicht, solange die Bedingungen von Auslese und Konkurrenz gleich bleiben.

Diese Serie behandelt Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland. Sie basiert auf der Publikation »luxemburg argumente«, die 2016 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde. Wo es möglich war, wurden Daten aktualisiert. Illustration Marie Geißler, www.mariegeissler.de. Die Broschüre ist derzeit nur online bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhältlich.

Geschrieben von:

Eva Roth

Stephan Kaufmann

Journalist