Wirtschaft
anders denken.

Chaos – ein neues Zeitalter kommt nicht auf leisen Sohlen

23.10.2017
Foto: WikimediaIm Zentrum des Sturms herrscht Ruhe. Fabian Scheidler interessiert sich eher für das Drumherum.

Zwei Jahre nach »Das Ende der Megamaschine« nähert sich Fabian Scheidler in seinem Buch »Chaos« an das »neue Zeitalter der Revolutionen« an.

Jener Punkt, an dem sich ein System zwischen zwei scheinbar gleichwertigen Möglichkeiten der Weiterentwicklung entscheiden kann, nennt man den Bifurkationspunkt. Uns mag diese Zeit der Entscheidung, in der nicht klar ist, was kommen wird, als verstörendes Chaos vorkommen, aber das ist es nicht. Am Bifurkationspunkt ist schon viel sortiert, die Welt steht vor dem Wesentlichen.

Der Autor Fabian Scheidler hat 2015 in seinem Buch »Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation« sehr beeindruckend beschrieben, wie es dem Kapitalismus gelungen ist, an diesen Punkt zu kommen. Wie das System überhaupt aufs Sterbebett geraten ist. 500 Jahre Geschichte einer Maschinerie, die in naher oder vielleicht doch etwas fernerer Zukunft by design oder by desaster verschwinden wird. Allumfassend, alles vereinnahmend, vieles zerstörend, scheinbar allmächtig und deshalb als das Ende der Geschichte überhöht, wird bei genauerer Analyse klar, dass auch der Kapitalismus einst Vergangenheit sein wird.

Risse in der Megamaschine

Die notwendige Fortschreibung der »Megamaschine« ist nun erschienen, Scheidler nennt das Buch »Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen«. Es ist, wie das erste Buch, gut geschrieben, überraschend in Aufbau und Schlussfolgerungen, über weite Strecken erzählend, ohne jemals den Boden des Sachbuchs zu verlassen. Fabian Scheidlers Art, Sachverhalte zu erklären, Schlussfolgerungen zu ziehen und Vorschläge zur Diskussion zu stellen, kommt ohne Manierismen aus und – das ist nicht unwichtig – ohne Arroganz.

Geschichte sei eine Konstruktion vom Jetzt her, sagt der Kulturwissenschaftler Beat Wyss, Kierkegaard hat es uns einfacher gemacht mit der Aufforderung, nach vorne zu leben und nach rückwärts zu verstehen. Fabian Scheidler tut in »Chaos« beides, er geht zurück und entwickelt Szenarien für die Zukunft.

Im ersten Teil »Chaos und tödliche Ordnungen« beleuchtet der Autor die verschiedenen Bereiche, in denen sich »Risse in der Megamaschine« zeigen. Er schreibt über kollektive Realitätsverweigerung, Entfremdung und Entwurzelung, Ausnahmezustand als Ordnungsversuch, globale Apartheid, das Ende des Wachstums, Schulden und Crashs, die Krise der Lohnarbeit.

Der Kapitalismus musste sich seine Käufer schon immer kaufen, wie André Gorz einst schrieb, aber nun muss er gleichzeitig gegen eine allumfassende Materialermüdung angehen. Das macht ihn nicht demütig, stattdessen aggressiv.

Das schwächelnde System am Laufen zu halten, fordert einen hohen Tribut. Staat und System stöpseln sich gegenseitig und mit allen Mitteln und Möglichkeiten an die lebenserhaltenden Maschinen. Mit Hilfe von Subventionen, Schulden, Finanzblasen und Finanzspritzen (seit 2008 haben die USA, die EU und Japan neun Billionen Dollar in das Finanzsystem gepumpt, um zu verhindern, dass die Märkte kollabieren), künstlicher Verknappung und Produktschwemmen, mit Aufrüstung, Verwertung des Aufgerüsteten in Kriegen und Konflikten, neuen Formen des Kolonialismus und immer neuen technologischen Ideen und Vorschlägen, wie sich auch noch die letzten natürlichen Ressourcen des Planeten ausbeuten und verwerten lassen. Ein sich selbst verzehrendes System, dessen Wachstum darauf beruht, dass es seine Toten frisst.

Eine neue Idee vom Kommenden

Teil II des Buches trägt die Überschrift »Reorganisation« und widmet sich der Frage, wie sich »Wege zu einer zukunftsfähigen Ökonomie« finden lassen und welche »Gatekeeper« uns im Zweifelsfall daran hindern, diese Wege auch zu gehen: Die Medien, die Bildungseinrichtungen, die Parteiendemokratie, die Nationalstaaten und die Nationalismen, die Hochrüstung und der Überlebenskampf des Systems mit allen Mitteln.

Aber, wie man so sagt: Die Angst ist nicht entscheidend, sie ist nur am lautesten. Und es geht darum, dem Zerfall nicht nur eine neue Idee vom Kommenden entgegenzusetzen, sondern vor allem darum, an der Umsetzung dieser Idee zu wirken. Die aber, wie Scheidler schreibt, nicht die eine Utopie sein kann, stattdessen »Viele Jas und ein großes Nein« (Weltsozialforum) beinhalten muss.

Überraschend und zugleich bestechend logisch, widmet sich Scheidler im dritten Teil des Buches Chinas (Wieder-)aufstieg und den Chancen einer neuen Friedensordnung. Er sieht in der Tatsache, »dass China, obwohl es längst Teil des kapitalistischen Weltsystems ist, vollkommen andere politische, wirtschaftliche, kulturelle und militärische Traditionen mitbringt als die bisher dominierenden westlichen Staaten« die Möglichkeit enthalten, die Regeln des gesamten Spiels zu verändern.

Auch hier gilt: Wir sind am Bifurkationspunkt, die Entscheidung, wohin diese Entwicklung läuft, ob sie die Gefahren vergrößern oder die Chancen auf was Besseres erweitern wird, ist noch nicht gefallen.

Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolution, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft, Wien 2017, 238 Seiten.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin