Wirtschaft
anders denken.

Da haben wir uns ein Ei gelegt

27.03.2021
Graffiti: Eine große Welle mit der Aufschrift "Klima-Krise" überrollt eine kleinere Welle mit der Aufschrift Corona-KrisePrivat

Wortfindungsstörungen und Versuche, dem Kind viele Namen zu geben, am Ende des Tunnels könnte wieder ein Tunnel kommen, Teil 20 Corona-Tagebuch und vielleicht auch mal Schluss.

Dienstagabend:

Es muss eine Wortfindungskommission geben, der Bund-Länder-Kommission direkt unterstellt, und vielleicht haben die sogar ein Büro und Leute, die unbefristet angestellt worden sind, weil so eine Wortfindungskommission insgesamt eine gute Sache ist, Krise ist schließlich allenthalben. Die „Oster-Ruhe“ ist möglicherweise an einem kalten Märztag ins Rennen geworfen worden, als klar war, dass es in die (wievielte eigentlich?) Verlängerung geht. „Nennen wir es Oster-Ruhe“, wird einer der Unbefristeten müde gesagt haben, und weil die Pinwand mit den neuen Slogans und Sprechregelungen immer noch jungfräulich weiß war, hat es jemand aufgeschrieben.

Klar war in dem Moment: Einer würde wieder den Satz sagen müssen „Wir befinden uns in der schwierigsten Phase der Pandemie“ (Söder), und darauf hoffen müssen, dass wir alle vergessen haben, wie oft das im vergangenen Jahr schon gesagt worden ist. Ein anderer muss dafür herhalten zu mahnen „Wir dürfen jetzt keine Fehler machen“ (Müller, Lauterbach, Merkel?) und beten, dass sich niemand von uns erinnert, wie viele Fehler in den vergangenen Monaten bereits gemacht worden sind.

Oster-Ruhe und Bleiben Sie zu Hause. Ein Jahr ist vergangen, wenig Zeit, viel Zeit – je nachdem, wie wir es betrachten. Die Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zu Gesundheitsämtern und der Möglichkeit digitaler Nachverfolgung von Infektionsketten spricht davon, dass es eher wenig Zeit gewesen ist. Jedenfalls nicht ausreichend, um irgendwas maßgeblich zu verbessern. Oder doch ausreichend, aber niemand hat sich der Sache angenommen.

„Das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) muss erst seit dem 1. Januar 2021 verpflichtend genutzt werden. Das Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System eXchange (SORMAS-X), das … eine landkreisübergreifende Nachverfolgung von Kontaktketten ermöglicht, befindet sich noch immer in der Testphase“, heißt es in der Anfrage. Neben der nach Ansicht der Grünen viel zu späten Bereitstellung dieser Systeme stelle sich zudem die Frage, „warum nicht bereits im Sommer 2020, als die Infektionszahlen deutlich geringer waren, alle Gesundheitsämter mit den entsprechenden Anwendungen ausgestattet wurden.“

Wollen wir es fahrlässig nennen? Unterlassene Hilfeleistung? Es ist egal. Fakt ist, der Satz, man dürfe jetzt keine Fehler machen, kann sich nicht auf die politisch Verantwortlichen beziehen. Die machen andauernd Fehler und es gibt dafür Gründe, von denen einige tatsächlich gottgegeben wirken, andere so hanebüchen scheinen, dass sie nicht mal mehr ein müdes Lächeln verdienen, wieder andere in der Natur der Dinge liegen, denn auch die Politik ist in dieser Pandemie erstmal Novizin und insofern ein lernendes System.

Ein „kontaktarmer Osterurlaub“, wie er am Dienstagabend von der Pinwand der Wortfindungskommission in die Medien schwappte, ist auf jeden Fall ein ganz hübscher Versuch, nicht über das zu reden, was wirklich besprochen werden müsste. Obwohl auch das nicht ganz richtig ist. Es wird ganz sicher unglaublich viel über Impf- und Teststrategie gesprochen. Ergebnisoffen wahrscheinlich – auch so ein Wort, das inzwischen offensichtlich meint, man wird zu keinem Ergebnis kommen. Oder, am Ende wird ein Ergebnis stehen, das uns nicht weiterbringt.

Mittwochmittag:

Alles zurück auf Los. Angela Merkel stellt sich vor die Kamera und sagt: Wir haben einen Fehler gemacht, ich übernehme dafür die Verantwortung. Das mit der Oster-Ruhe kriegen wir nicht geregelt, also müssen wir es lassen. Das ist, man kann es nicht anders sagen, ziemlich groß. Auch wenn es das an Angst reichende Unbehagen verstärkt, dass die Politik gegenwärtig nicht mal mehr auf Sicht fährt.

Die Strafe folgt natürlich auf dem Fuß. FDP und Linke wollen die Vertrauensfrage gestellt wissen. Wahrscheinlich glauben beide, sie könnten es besser und auch das ist mutig in diesen Zeiten.  Also Lindner kann ja alles, sogar ein Thüringer Desaster aussitzen und da scheint er über noch größere Fähigkeiten als die Kanzlerin zu verfügen, was ihn vielleicht prädestiniert, die ganze Chose mal in die Hand zu nehmen.

Auch nach einem Jahr weiß niemand genau – aber im Nebel stochern macht auch Freude – welche Bereiche des Zusammenseins (nennen wir es mal nicht gesellschaftliches Leben, weil das ja gerade sehr darniederliegt) besonders stark für die steigenden Infektionszahlen verantwortlich sind. Werden darüber Studien gemacht? Nichts bekannt. Die Zukunft, zu der dieses Virus gehören wird, kann warten.

Ein anderes Wort – nicht von der Wortfindungskommission erfunden, weil kontraproduktiv im Hinblick auf Wahlen und Akzeptanz politischer Entscheidungen ist „Generation Corona“. 46 Prozent der befragten 15 bis 30-Jährigen haben Angst vor der Zukunft. Fast die Hälfte also.

Unterlassene Hilfeleistung sieht unter anderem so aus: Für Schulen keine oder zu wenig Tests, keine Luftfilter, weiterhin gilt Lüften als probatestes Mittel gegen Ansteckung, je nach Bundesland unterschiedlich große Desaster, was die digitale Ausrüstung der Bildungseinrichtungen anbelangt, kein ernstzunehmendes Konzept, wie auch in Lockdown-Zeiten jene Schülerinnen und Schüler, die in sehr beengten, prekären Verhältnissen leben und nun auch noch lernen sollen, in Präsenzunterricht beschult werden können, wohlfeiles Gerede zuhauf. Ein vorher schon angelegtes Bildungsdesaster konnte sich in diesem Jahr ausbreiten, mutieren, ganz neue Formen annehmen und die soziale Spaltung vervollkommnen. Generation Corona. Man muss es als Gesamtkunstwerk betrachten. In einigen Jahren wird wahrscheinlich gejammert, dass die freien Lehrstellen nicht ausreichend verwertbares Potenzial an Bewerber:innen finden, man wird über die recht hohe Zahl von Menschen staunen, die Analphabet:innen sind und sich fragen, wie das nun wieder passieren konnte.

Das Deutsche Kinderhilfswerk bringt es auf den schlimmen Punkt: „Wenn wir so weitermachen, wird unser Bildungssystem Schiffbruch erleiden“, hat dessen Vizepräsidentin, Anne Lütkes, in dieser Woche erklärt. Bund und Länder hätten es entgegen deren Versprechungen verpasst, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, um einen sicheren Betrieb in Schulen und Kitas zu gewährleisten. Vereinsamung, Verunsicherung, Depressionen seien die Folge.

Wir aber sind nun angehalten, zwar keine Oster-Ruhe einzuhalten, aber vernünftig zu sein. Was die meisten von uns sind. Nachdem wir ein Jahr lang zuschauen und zuhören konnten, wie sich Bund und Länder nicht etwa um koordiniertes politisches Handeln streiten, stattdessen auf ihren jeweiligen Backförmchen sitzen und schreien: „MEINS!“

In den täglichen Telefonaten mit den Eltern fällt der mütterlich-schöne Satz: „In meinem Internet versuchen ja gerade viele sehr humorvoll, andere davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen“ und treibt Tränen der Rührung und leichten Verzweiflung in die Augen. Vielleicht tut das die Politik ja auch. Die Zahl der humorvollen Videos, die aus mütterväterlichem Haushalt an mich geschickt werden, steigt. Am besten, man schafft sich einen Vorrat für die Ostertage an. Es soll sowieso regnen. Im Internet meiner Mutter herrscht ein fürchterliches Durcheinander, das ich bei fast jedem Besuch (natürlich erst nach vorherigem Schnelltest) neu zu ordnen versuche. Ich lege Lesezeichen an, lösche den Verlauf, ohne einen indiskreten Blick zu werfen, schreibe ihr auf einen Zettel, von welchen Webseiten man sich lieber keine Informationen holen sollte (focus), es sei denn, man hat ein Faible dafür, sich ohne Informationsgewinn verunsichern zu lassen. Ob es hilfreich ist, kann ich nicht einschätzen. Aber es beruhigt. Mich.

Zwischendurch gibt es auch mal eine etwas gute Nachricht. Das EU-Parlament verweigert vorerst die Bestätigung des Budgets für die todbringende Grenzsicherungsagentur FRONTEX. Wo Schlimmes ist, wächst Hoffnung auch. Sollte FRONTEX wirklich kein Geld mehr für Pushbacks bekommen, wäre dies tatsächlich ein Schimmer Hoffnung.

Aber dann: Im Südosten Australiens hat sich nach den heftigen Überschwemmungen die hochgiftige Trichternetzspinne aufgemacht, neuen Lebensraum zu finden. Möglicherweise bevorzugt sie menschliche Behausungen. Womit wir beim Klimawandel wären, aber ist das zu allem Desaster noch auszuhalten? In dieser Woche wurde (Weltwassertag war) der Weltwasserbericht vorgestellt. Zwei Milliarden Menschen leiden unter Wasserknappheit. Kann man sich hier gar nicht vorstellen. Genauso wenig wie das mit den schmelzenden Polkappen – Entfernung kann so beruhigend sein.

Deutschland importiert sehr gern in den Monaten Dezember bis Mai Kartoffeln aus dem Nildelta. Und wir essen sie wahrscheinlich auch gern, sonst täte Deutschland das nicht. Im Nildelta herrscht schon heute Wasserknappheit und die Kartoffel ist ein versoffenes Gemüse (in der DDR hieß sie Sättigungsbeilage und da hat man sich immer die Frage gestellt, wieso die Kartoffel mit dem Begriff Beilage so diffamiert wurde).

Ein anderer Begriff, den uns der Weltwasserbericht lehrt, ist Wasserstress. Ganz Lateinamerika leidet darunter. Aber im Durchschnitt, soviel sei gesagt, fehlt es uns nicht an Wasser.

Der Durchschnitt rettet auch den Autokonzernen den Hintern, wie uns Greenpeace wieder großartig dargelegt hat. 2008 hat die EU jedem Autohersteller individuelle CO2-Mengen vorgeschrieben, die mit der produzierten Flotte ausgestoßen werden dürfen. Bei der Berechnung spielt das Gewicht der Flotte eine große Rolle. Je schwerer die Karren, umso mehr CO2 darf ausgestoßen werden. Krass oder?

Dazu kommt noch durch Schlupflöcher ermöglichte Schönrechnerei und schon landet man bei der Erkenntnis, dass die im Jahr 2020 von VW verkauften Neuwagen laut Greenpeace 45 Millionen Tonnen CO2 mehr ausstoßen, als offiziell angegeben. Die Diskussion, ob wir das Anthropozän nicht besser Kapitalozän nennen sollten, hat gerade erst begonnen.

Während wir zu dem Schluss gekommen sind, dass es nun vielleicht auch mal vorläufig gut ist mit Corona-Tagebuch. Wir wollen uns nicht im Kreis drehen, egal, wie groß der ist.

Aber natürlich wollen wir uns weiterhin mit allem möglichen Murx beschäftigen. Mal schauen, was dabei rauskommt.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin