Wirtschaft
anders denken.

Boni, Verschiebungen, Träumereien

05.02.2021
Bonus: Auf einer pinken Wand steht "Depressed and locked down" und FFP2sadBild von its2sad

Was die Manager bekommen, haben Alleinerziehende schon lange verdient. Vom Bonus für die Familie und für keine Infektionen gegen die Wirtschaft. Corona-Tagebuch Teil 13.

Was ist eigentlich mit dem Wort „Bonus“ passiert? Hat ja in unseren Ohren nicht immer den besten Klang. Manager, Vorstände, Aufsichtsräte – große Männer, die große Unternehmen im Zweifelsfall in große Schwierigkeiten bringen, können sich oft darauf verlassen, ihre Boni trotzdem zu bekommen. Insofern stimmt die Definition der Zeitung „Die Welt“ nicht ganz, dass Boni leistungsabhängige Sonderzahlungen sind. Oder vielleicht doch, weil nicht ganz klar ist, ob es sich dabei um gute oder schlechte Leistungen handelt. Immerhin schreibt die Zeitung in ihrem Glossar, dass Boni besonders in der Finanzbranche beliebt sind, auch wenn die meisten von uns eher vertraut mit Sammeln-Sie-Herzen Bonusangeboten der Kassiererinnen vertraut sind. Im vergangenen Jahr wurde bei der „Deutsche Bank“ darüber diskutiert, ob man aufgrund von Corona nicht auf Boni verzichten sollte. Erst ging es den Dividenden ein bisschen an den Kragen, dann den Boni. Die Krise war also angekommen.

Und nun bekommt auch der kleine Mann, die kleine Frau, das kleine Kind Boni. Der Koalitionsausschuss hat sich darauf geeinigt, nochmals einen Kinderbonus zu zahlen. Mit den ansonsten offiziell immer an wirtschaftlichen Erfolg gekoppelten Boni oder den Punkten bei der Deutschen Bahn hat das allerdings wenig zu tun, außer, dass es sich auch hier um eine Einmalzahlung handelt.

Und bevor dieser Texteinstieg als bloße Meckerei verstanden wird: Der Beschluss des Koalitionsausschusses ist eine ganz gute Sache, vor allem deshalb, weil er besser als nichts ist. Die im vergangenen Jahr gezahlten 300 Euro pro Kind sind, ersten Erkenntnissen zufolge, zur Belebung der Wirtschaft vor allem in den Konsum geflossen. Haben sich also bewährt. Wahrscheinlich wird auch die Regierung nicht behaupten, dass man mit 300 Euro pro Kind ein Elend wirklich beseitigen, einen existenziellen Kummer heilen kann. Aber den darniederliegenden Konsum schon ein bisschen beleben. Diesmal bekommen Kinder und ALG-II-Empfangende einmalig je 150 Euro.

Boni werden gewährt, sie definieren keinen Anspruch, beziehungsweise erst dann einen Anspruch, wenn sie sozusagen in Verträgen festgeschrieben sind. Aber auch dann: Sie werden gewährt. Muss man also danke sagen und nicht: Steht mir zu, ist mein gutes Recht oder bloßer Ausdruck der Achtung von Menschenwürde. Also kann man auch nicht sagen: Brauch ich in diesen Zeiten jeden Monat und nicht nur einmal. Weil durch Lockdown und Corona meine laufenden Betriebskosten zu Hause gestiegen sind. Weil ich nicht mehr mit nur einem Familiencomputer auskomme, wenn zwei Kinder Homeschooling machen und zwei Erwachsene im Homeoffice arbeiten. Weil ich irgendwie an diese immer noch nicht billigen FFP2-Masken kommen muss, das Licht in diesen Zeiten den ganzen Tag brennt, niemand mehr ein warmes Mittagessen in der Schule bekommt, die Heizung in allen Zimmern laufen muss, damit jede und jeder so sein Homeofficeschooling erledigen kann, weil ich gerade nicht arbeiten kann, um den mir zum ALG II gewährten mageren Zuverdienst nach Hause zu schaffen.

Bonus ist also nicht schlecht an sich, aber es bleibt in diesem Fall der bittere Beigeschmack, dass Almosen verteilt und nicht möglicherweise unveräußerliche Rechte geprüft werden. Trotzdem ok, und klar, auch dieses Geld muss ja irgendwo herkommen.

Noch ein Almosen war im vergangenen Jahr, dass sich die Bundesregierung großzügig darauf geeinigt hat, den Kinderbonus nicht auf Hartz IV anzurechnen, während Kindergeld weiter- und fürderhin angerechnet wird. Das ist übrigens eine der großen Sauereien, die noch immer in Kraft sind. Aber vielleicht nimmt sich die nächste Regierung dessen an. Dass die 300 Euro ausnahmsweise nicht „verrechnet“ wurden, kommt dem Satz gleich: Heute disse ich dich mal nicht. Ist also in gewisser Weise auch ehrlich.

In diesen Tagen finden Aktionärsversammlungen statt, Geschäftsberichte werden vorgestellt und hinter allem steht die Frage, hat Corona die Bilanz versaut oder nicht. Die „Deutsche Bank“ steht ganz gut da.

Bei der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp am heutigen 5. Februar geht es vermutlich nicht hoch her, aber die Kritischen Aktionär*innen hatten eine ganze Reihe Anträge und Fragen gestellt, die den Laden nicht im besten Licht erscheinen lassen. Vor allem bei der Gewinnsparte Rüstungsexporte zeigt Thyssenkrupp weiterhin Haltung. Schlechte. Kriegsschiffe und U-Boote in Krisen- und Kriegsgebiete zu exportieren ist nicht fein. Aber dazu gehört auch: Alles im Rahmen des Erlaubten und Möglichen. Insofern wäre es falsch, dem Unternehmen einen Vorwurf zu machen, wenn die Regierung es doch eigentlich in Ordnung findet. Im Übrigen machen wir zu dem Thema, ob der Kapitalismus Moral hat (ganz bestimmt) und welche das dann ist, eine ganze Ausgabe „OXI Wirtschaft anders denken“, die Anfang März erscheint.

Dieser Satz, den die Hans-Böckler Stiftung in ihrem „Impuls“ Januar zum Thema „Frauen und Corona-Krise“ schreibt, stimmt und hat zugleich einen Haken: „Die durchschnittliche Erwerbsarbeitszeit von Frauen ist im Zuge der Coronakrise stärker gesunken als die von Männern.“ Vor der Pandemie arbeiteten sie im Durchschnitt fünf Stunden weniger als Männer in einem bezahlten Job, im Herbst vergangenen Jahres waren es schon sechs Stunden. Die Betonung muss auf „bezahlt“ liegen, denn es ist auch klar – das macht die Stiftung deutlich –, dass die Sorgearbeit erheblich zugenommen hat. Ist ja aber nicht bezahlt oder anderweitig vergolten. Also vielleicht gar keine richtige Arbeit.

Kein Grund, depressiv zu werden, denn die Dinge liegen nicht anders, als sie bereits vor Corona lagen. Sie werden nur sichtbarer. Und, das ist sicher ein schlechtes Zeichen, radikale (im Sinne von an die Wurzeln gehende) Forderungen und Überlegungen haben nun noch weniger Konjunktur als sowieso schon. Den Gender-Pay-Gap werden vielleicht noch unsere Urenkelinnen als Normalfall erleben, was nichts daran ändert, dass man dagegen etwas tun muss.

An die Wurzeln geht auch eine Initiative, der auf den ersten und zweiten Blick gern idiotische Traumtänzerei unterstellt wird. „ZeroCovid“ – wie soll das denn gehen? Ein solidarischer Shutdown von unten – eine solidarische Pause von einigen Wochen. Es fallen einer sofort dutzende Argumente ein, warum das nicht geht und demzufolge Spinnerei ist. Inhaltlich allerdings lässt sich entlang dieser Maximalforderung viel diskutieren (wie zum Beispiel hier am 09.02.). Das tut die schöne Webseite „Solidarisch gegen Corona“ auch ausführlich (meine Kollegin mag die auch sehr): „Politisch stellt die Initiative ZeroCovid in drei Hinsichten einen Fortschritt dar: Erstens hat sie die linke Debatte über die Grenzen von individualistischer Moralisierung à la #StayTheFuckHome hinaus auf ein gesellschaftspolitisches Terrain verschoben. Zweitens lenkt sie durch ihre Betonung des Infektionsrisikos am Arbeitsplatz den Blick auf die ‚verborgenen Stätten der Produktion‘ (Marx), und stellt mit der Forderung nach einem Shutdown der ‚gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft für eine kurze Zeit‘ (ZeroCovid-Petition) die Idee einer stärkeren gesellschaftlichen Kontrolle der Produktion in den Raum. Drittens hat sie die Linke zumindest diskursiv aus der politischen Verklammerung mit dem liberalen Zentrum herausgebrochen.“

Dreimal ja, zumal die Autor*innen im nächsten Abschnitt auch klug jene kritischen Fragen stellt, die zu stellen sind, kommt da jemand mit einer Forderung, die unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen recht abenteuerlich klingt. Vor allem die Frage, wer es denn am Ende bezahlen wird, liegt auf der Hand.

Immer noch kein Grund, depressiv zu werden. Solange Fragen gestellt und uns nicht immer und immer wieder die gleichen Geschichten erzählt werden. Gerade Jeff Bezos, der Amazon-Gründer und zweitreichste Mann der Welt. Geht von der Bühne (nicht wirklich), tritt kürzer (auf keinen Fall), gibt Macht ab (never). Ein Paukenschlag befinden die Medien. Auch die seriösen und öffentlich-rechtlichen. Und hier kommt die immer gleiche Geschichte ins Spiel. Auch Bezos hat, wie viele andere erfolgreiche Männer in einer Garage angefangen. Wie süß ist das denn? Leider hat sich aus Mangel an Visionen irgendwann der Deutsche Garagenverband e.V. aufgelöst, dabei hätte das Portfolio der Aufgaben erweitert werden können, wäre man sich nur bewusst gewesen, dass Garagen der ideale Ort sind, um irgendwann stinkreich zu werden. Hat mit Kapitalismus wirklich nichts zu tun.

Auf jeden Fall klingt es, als seien Männer wie Bezos oder Elon Musk (der reichste Mann der Welt) geeignet, in Corona-Zeiten Mut zu machen. Leider, wie bereits im Tagebuch berichtet, sind Garagen so teuer und das Startkapital reicht in der Großstadt meist nicht mal für einen Platz in einer Tiefgarage.

Jetzt drehen wir uns im Kreis. Also Schluss machen.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin