Wirtschaft
anders denken.

Woche Drei der neuen Normalität

23.01.2021
Junge Frau am SmartphoneBild von Dean Moriarty auf Pixabay

Auf dem Flachbildschirm sieht man das Elend schärfer: Von Brandanschlägen und teurem Spaß wie Autostellplätzen oder Corona-Tests. Teil 11 des Corona-Tagebuchs.

An jedem Montag können wir uns freuen ob der niedrigen Infektionszahlen. Lassen wir mal die Begründung beiseite. Die seit Monaten und Monaten lautet, dass am Wochenende weniger gemeldet wird, wenn Feiertag ist sowieso. Das dauert dann bis Mitte der Woche, dass sich die Zahlen sozusagen vom Wochenende erholt haben und einen annähernden Wert abbilden. Aber dann kommt ja schon wieder ein Wochenende. Es ist zum Verrücktwerden.

Was wäre, fragt man sich, wenn in Krankenhäusern und Pflegeheimen an Wochenenden und Feiertagen… Und warum war und ist es nicht möglich, die Gesundheitsämter (es nervt, das immer wiederholen zu müssen, aber im Sommer wäre ja Zeit gewesen) so auszustatten, dass die auch an den Wochenenden und an Feiertagen so arbeiten können, dass wir Montag halbwegs verlässliche Zahlen haben? Aber dafür hätte man ja… Lassen wir das.

Jedenfalls sind in Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende, folgt man dem RKI, nur zwei Menschen positiv getestet worden. Das freut uns für das Bundesland – auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht. Manchmal ist die Unwahrheit einfach viel schöner und dann sollte man sie sich auch einfach gönnen.

Am 18. Januar erinnerte die taz (sie lebe hoch!) in einem langen Beitrag an den rassistisch motivierten Brandanschlag in Lübeck vor 25 Jahren, bei dem zehn Menschen starben, drei Erwachsene und sieben Kinder. Die juristische Aufarbeitung des Anschlags begann damit, dass ein Geflüchteter, der in der Flüchtlingsunterkunft lebte, beschuldigt worden war, den Brand gelegt zu haben.

Die taz: „25 Jahre später: Die Initiative ‚Hafenstaße 96‘ klagt in einen Aufruf an, ‚dass der Brand nicht offiziell als rassistischer Brandanschlag deklariert ist und eine Anerkennung als schwerwiegendster Brandanschlag in Deutschland aussteht‘. Die Hansestadt Lübeck habe bis heute keine Erinnerungskultur für Opfer und Betroffene rechter Gewalt etabliert. ‚Mit einer Petition für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss wollen wir den politischen Druck erhöhen‘, sagt Britta Kloss von der Initiative.“

Anschläge auf Flüchtlingsheime werden wahrscheinlich bald der Vergangenheit angehören. Kommen ja immer weniger, dank einer sehr ausgeklügelten europäischen Politik, deren Trick darin besteht, stets zu sagen: Wir hätten gern, aber haben keine Europäische Lösung, deshalb können wir diese Leute dort und jene da, nicht aufnehmen. Es ist eine der großen Lügen, denn natürlich gibt es eine Europäische Lösung, die da heißt: Wir wollen die nicht, wir nehmen die nicht, wir machen die Grenzen dicht. (Das reimt sich sogar!) Immer wieder lesenswert, was Pro Asyl zusammenträgt. In aufklärerischer Absicht.

Ach ja und die schreiben, dass die Flüchtlingskrise in Europa eine Rassismus-Krise ist. Leider ist das keine gewagte These.

Für 49,95 Euro kann man bei der Drogeriemarktkette „dm“ einen Coronavirus-Antikörpertest kaufen. Das ist ein stolzer Preis. Wahrscheinlich eine Luxusmarke. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich das leisten können. Das reicht als Argument, so was dem freien Markt zu überlassen und die ärmeren Schlucker zu vergessen. Außerdem ficht dm-Gründer Götz Werner weiterhin für das bedingungslose Grundeinkommen und wenn es das erst gibt, kann sich jede und jeder einen Antikörpertest leisten. Außerdem steht die Frage im Raum: Warum um Gottes Willen sollte ein Langzeitarbeitsloser Interesse daran haben können, einen Antikörpertest zu machen? Oder einen Schnelltest für 29 oder 39 Euro? Weil seine Mudda im Altenheim lebt und besucht werden möchte? Also ehrlich. Es ist ja immer noch so, dass der ALG-II-Satz für ausreichend erklärt wird, sich auch mit Masken und so Zeugs auszurüsten. Gehört zur Bekleidung und Bekleidungsgeld ist enthalten.

Es ist besser, sich auf das Virus zu verlassen, das, so erklärte der Virologe Alexander Kekulé im Deutschlandradio, seinen Wirt auch immer zumindest soweit schützen will, dass er nicht stirbt und damit die Verbreitungskette unterbricht. Heißt, höhere Verbreitungsfähigkeit und sinkende Gefährlichkeit. Keine Entwarnung, eine Einordnung. Die 3-D-Aufnahmen des Virus in seiner ganzen pinken Pracht sind schon erstaunlich.

Am besten anzuschauen auf einem hochauflösenden Großbildschirm – am Hintereingang der Saturn-Filiale am Berliner Alexanderplatz stehen lange Schlangen, um sich die bestellte Ware abzuholen. Hin mit leichtem Gepäck, Maske und einem kleinen Bildschirm, auf den man eine Stunde bei Schneeregen starren kann, bis die Ware Flachbildschirm in Empfang genommen wird.

Auf einem großen Flachbildschirm lässt sich viel besser sehen, wie es der Welt so geht. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat dieser Tage den Weltrisikobericht veröffentlicht. Man sollte diesem Forum nicht blind vertrauen, es ist dazu da, vor allem die Risiken unter dem Aspekt erfolgreichen Weiterwirtschaftens im Rahmen des bestehenden Systems zu bewerten. Es vertritt das globale Establishment und stellt sich also alljährlich in Davos (Schweiz) die Frage, was könnte künftig unsere Profite schmälern, was ein Virus recht weit oben ansiedelt. Pandemien haben sich von Platz 17 auf Platz 2 vorgearbeitet.

Aber – wenn es um künftige Margen geht – sind die Beteiligten klug und weitsichtig genug zu empfehlen, auch die Sache mit dem Klimawandel in den Griff zu bekommen. Womit wir beim Auto wären.

In Corona-Zeiten hat Frau beim Wandern durch die ziemlich leere Stadt hin und wieder Muße, Immobilienanzeigen zu studieren. Da finden sich manchmal seltsame Schnäppchen, zum Beispiel ein Stellplatz in einer Tiefgarage für einmalig 70.000 Euro. Die möchte man dann vielleicht auch „abwohnen“ mit seinem Auto und ließe es deshalb einfach stehen, damit sich die Sache wenigstens gelohnt hat. In der Nachbarschaft bekunden ehrlich-aufgeschlossene Menschen hin und wieder, nur deshalb an diesem oder jenem Tag auf die Öffentlichen Verkehrsmittel umgestiegen zu sein, weil ihnen klar ist, dass sie jetzt gerade für ihr Auto einen so schönen Parkplatz gefunden haben (fast vor dem Haus), den sie nicht einfach kampflos hergeben wollen. So werden Autos zu Stadtmöbeln. Und das ist schon mal ein kleiner Fortschritt.

In einem Berliner Magazin der Industrie- und Handelskammer spricht die Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme Berlin AG von einer zu bewältigenden Wärmewende. Das ist ein schönes Wort in all seiner Doppeldeutigkeit. Jetzt sind es nur noch neun Jahre bis zum Kohleausstieg.

Viel kürzer das Zeitfenster, das Virologen sehen, um die Viren-Mutante „im Keim zu ersticken“, wie spiegel online schreibt. Entscheidend sei das Verhalten der Bürger. Klingt, als werden wir Schuld sein, wenn es nicht klappt. So wie wahrscheinlich auch eher die sogenannten bildungsfernen Haushalte daran Schuld sind, wenn ihre Kinder geistig verlottern und den Schulabschluss nicht schaffen. Kollektives Versagen und individuelle Schuld/Verantwortung – das muss immer wieder neu bedacht und ausgehandelt werden. Und geht sehr oft zu Ungunsten der und des Einzelnen aus. Lässt sich an Bildung sehr fein festmachen.

Die Zahlen der Infizierten sinken, die der Toten nicht. Weiter fast oder mehr als 1000 jeden Tag. Gedenken wir ihrer. Mit einer Minute Schweigen. —————————————————————————————————- —————————————————————————————————- —————————————————————————————————-.

Geschrieben von:

Kathrin Gerlof

OXI-Redakteurin