Da koof ick ein

17.07.2018
solidarisch

Kleine Geschäfte wie Kraut und Rüben und solidarische Händler_innen wie die Schnittstelle stehen beispielhaft für ein Einkaufen jenseits des Großhandels und der Massenproduktion. Ihre Waren sind nach den Gesichtspunkten des solidarischen Handels ausgesucht.

Es gibt ein großes Spektrum alternativer Wirtschaftsformen, die alle eint, dass sie menschliche Bedürfnisse ins Zentrum ihres Handelns stellen. Sie leisten einen Beitrag zum Lebensunterhalt, sind selbstverwaltet und verfügen über kollektives Eigentum, bauen auf Kooperation und solidarische Beziehung zur Gesellschaft. Manche sind eingebettet in den kapitalistischen Markt, andere grenzen sich von ihm ab und suchen eigene Wege, Produktion, Distribution und Verbrauch zu gestalten. Anderswo hat diese Art zu wirtschaften eine längere Tradition, als hierzulande, in Brasilien zum Beispiel gibt es seit 2003 ein Staatssekretariat, in Griechenland, aus der Krise geboren, ein Gesetz für Solidarische Ökonomie. oxiblog widmet eine ganze Serie einem wichtigen Bereich der solidarischen Wirtschaftsformen: dem solidarischen Handel.

Um Lebensmittel unter Umgehung des Großhandels zu erwerben, ist es nicht zwingend erforderlich, selbst zu einem Hofladen zu fahren, oder sich mit anderen zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammen zu tun. Auch kleine Geschäfte und solidarische Händler_innen bieten Waren an, die sie zu fairen Preisen direkt von den Produzent_innen beziehen. Zwei Beispiele aus Berlin werden hier vorgestellt.

Kraut & Rüben

Der Bioladen Kraut & Rüben am Kreuzberger Heinrichplatz feiert dieses Jahr sein 40jähriges Jubiläum. Er wurde ursprünglich als Kiezladen zur gesunden und günstigen Versorgung der Nachbarschaft gegründet. Das Geschäft wurde von Anfang an von einem selbstverwalteten Kollektiv betrieben, mit Einheitslohn, wöchentlichem Plenum und politischen Anspruch. Daher gab es auch gute Beziehungen zur Anti-AKW-Bewegung im Wendland. Zu Mauerzeiten holten sie von dort, gemeinsam mit anderen Kollektiven, frisches Gemüse nach Berlin.

Seit einer Krise 1989 ist Kraut & Rüben als Frauenkollektiv und reiner Naturkostbetrieb organisiert. Die elf Kollektivistinnen legen Wert auf ein regionales Angebot und beziehen ihre Produkte sowohl direkt als auch über ausgewählte Händler_innen. Sie halten den Großhandel auch für sinnvoll, nicht nur wegen der Vereinfachung und sichereren Verfügbarkeit der Waren, sondern vor allem bei Produkten mit längeren Transportwegen auch aus ökologischen Gründen.

Der Anteil des Direkthandels am Sortiment ist unterschiedlich, je nach Produktgruppe. Obst und Gemüse bezieht der Bioladen nur zu einem kleinen Teil direkt von den Erzeuger_innen, ebenso wie Käse. Etwa die Hälfte der Eier liefern die Produzent_innen selbst, und ein Teil des Weins kommt auch direkt von den Winzer_innen. Tee und Kosmetik kauft das Kollektiv größtenteils von den Herstellerfirmen, und Honig fast nur von Imker_innen.

Kooperativen und andere Kollektive sind wichtige Bezugsquellen. So wird beispielsweise Tofu mit verschiedenen Geschmacksrichtungen wöchentlich per Lastenrad von der kollektiv betriebenen Tofumanufaktur geliefert. Die Sojabohnen dafür werden regional angebaut. Kaffee bezieht Kraut & Rüben teilweise über den Verein Fairbindung von einer Kooperative in Guatemala. Fairbindung organisiert neben dem Direktimport von Kaffee auch Bildungsarbeit für eine nachhaltige, solidarische und global gerechtere Welt. Frische Backwaren gibt es ohnehin nicht beim Großhandel. Hauptlieferant für Brot und Brötchen ist das alteingesessene Kreuzberger Bäckereikollektiv Backstube.

Die Schnittstelle

Kein Bioladen, sondern ein Vertriebsprojekt ist die Schnittstelle. Der Unterschied besteht darin, dass im Depot in der Neuköllner Urbanstraße 100 nur montagnachmittags Waren abgeholt werden können. Auf Wunsch wird auch geliefert.

Das Sortiment umfasst Produkte von Kollektiven, Genossenschaften und Kleinstproduzent_innen, »die unsere Vorstellungen von einer anderen, solidarökonomischen Landwirtschaft teilen.« Zum Beispiel vegane Aufstriche von SoLeKo, die aus Zutaten von Solidarischen Landwirtschaftsbetrieben (SoLaWis) hergestellt werden, oder Salz gegen Atom vom Salinas Salzgut, das ein Salzbergwerk in Gorleben errichten möchte. Solange das nicht umgesetzt werden kann, wird Salz aus einem niedersächsischen Familienbetrieb angeboten.

Rotwein und Olivenöl gibt es von der Kommune Urupia im süditalienischen Salento, die Mitte der 90er Jahre von Aktivist_innen aus der Region und aus Berlin gegründet wurde. Die Kooperative Iris stellt in der Lombardei, im Norden Italiens, Tomatenprodukte und verschiedene Sorten Nudeln her. Neben Hartweizen werden beispielsweise auch Kamut oder Buchweizen verwendet. Bei der Schnittstelle gibt es auch T-Shirts aus Bio-Baumwolle. Die kommen von weit her aus Nicaragua, und werden vom Kollektiv Zona Franca Masili hergestellt. Dieses wurde nach dem verheerenden Hurricane Mitch 1998 gegründet, um betroffenen Frauen neue Lebensperspektiven zu ermöglichen.

Biodiversität im Abo

Ursprünglich war die Schnittstelle ein kleines Kollektiv, heute wird sie von Herbie hauptverantwortlich, mit einem kleinen Netzwerk von Freund_innen, betrieben. Ihm liegt es am Herzen, Wissen über Lebensmittel weiterzugeben, und den Zusammenhang zwischen Ernährung und biologischer Vielfalt deutlich zu machen. Weil die herrschende, profitgetriebene Landwirtschaft die Sortenvielfalt immer mehr einschränkt, bemüht er sich darum, seltene Gemüse-, Obst- und Getreidesorten wieder bekannter zu machen und ihren Anbau zu unterstützen. Dafür gibt es die Biodiversitäts-Abokiste.

Einmal im Monat bekommen die Abonnent_innen zum Beispiel ausgewählte Gemüse vom Hofkollektiv Bienenwerder im Berliner Umland, oder Kartoffeln vom Hof Ulenkrug in Mecklenburg-Vorpommern. Saft von Streuobstwiesen kommt beispielsweise von der Kommune Karmitz im Wendland. Das Brot in der Biodiversitäts-Kiste wird vom Kollektiv Backstube aus Zutaten jenseits der üblichen Getreidemischungen hergestellt. Dazu gibt es einen ausführlichen Beipackzettel, der neben Informationen zum Inhalt der Abokiste und zu den Produzent_innen auch weiterführende Informationen und Erläuterungen zur Landwirtschaft, und damit verbundenen politischen Themen enthält.

Neben der Unterstützung engagierter Produzent_innen und ihrer umweltschonenden und sozial verträglichen Herstellungsweisen geht es bei Kraut & Rüben, bei der Schnittstelle und ebenso bei vielen anderen auch darum, vom Verschwinden bedrohte Geschmackserlebnisse zu bewahren. Der solidarische Direkthandel funktioniert also keinesfalls nur aus politischen Gründen, sondern auch weil er einfach gut schmeckt.

Geschrieben von:

Elisabeth Voss

Publizistin