Wirtschaft
anders denken.

Das Ende des Wirtschaftswachstums?

13.12.2016
Foto: ANBerlin / Flickr CC-BY 2.0 LizenzGleichheit oder Zeichen von Stagnation? Oder viele schlaue Köpfe?

Mit Industrie 4.0, Arbeit 4.0 oder allgemein Wirtschaft 4.0 sind starke Ängste vor einer bevorstehenden technologischen Arbeitslosigkeit entstanden. Führende Manager wie der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser bringen die alte Utopie eines bedingungslosen Grundeinkommens in die Diskussion ein. Das bestätigt bei anderen die Angst vor einem Ende der Arbeitsgesellschaft: Denn Unternehmern und Managern wird das Wissen über die Folgen ihrer Innovationen und die darauf folgenden Investitionen zugetraut. Nur: Mit den Investitionen, die den technischen Prozess der Digitalisierung ökonomisch vorantreiben sollten, sieht es seit einigen Jahren nicht gut aus. Die Investitionsquote geht zurück, nicht nur in Deutschland, sondern allgemein in den »reifen« Wirtschaftsgesellschaften des Westens. Damit verbunden ist die seit längerem schwächer werdende Zunahme der Produktivität und ebenfalls geringere Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesen Ländern. Im Detail unterscheiden sich die Entwicklungen von Land zu Land: So verzeichnen die USA und Großbritannien aktuell ein höheres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts als die Eurozone. Aber im Prinzip gilt der eben beschriebene Trend für alle diese Gesellschaften. Viele Ökonomen diskutieren diesen Prozess als »Produktivitäts-Paradox«.

Viele Ökonomen diskutieren diesen Prozess als »Produktivitäts-Paradox«

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Neue Techniken, aber kein zusätzliches Wachstum

Das meint: Der rasante technische Wandel produziert kein zusätzliches Wachstum und schlägt sich nicht in der Produktivitätsstatistik wieder; der gesamtwirtschaftliche Produktivitätszuwachs ergibt sich aus dem Wachstum des BIP geteilt durch die Erwerbstätigenstunden. Der Produktivitätszuwachs in der Industrie ist zwar ein wenig höher, aber auch seine Entwicklung folgt dem allgemeinen Trend: die Zuwachsraten flachen ab. Woran liegt das? Die erste Antwort ist einfach: an den rückläufigen Investitionen. Aber: Warum gehen diese zurück?

Entgegen den landläufigen Vorurteilen waren die Wachstumsraten in der Geschichte des Kapitalismus im Zeitraum seit dem Jahr 1700 niedrig. Die Weltproduktion stieg von 1820 bis 1913 um durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr und von 1913 bis 2012 um 1,6 Prozent. In diesen Größen sind die zeitweise deutlich höheren Wachstumsraten der Länder, die sich in einem raschen Aufholprozess gegenüber den entwickelten Wirtschaftsgesellschaften befanden, bereits eingerechnet. Blicken wir auf diese »reifen« Gesellschaften in Westeuropa und in Nordamerika: Das durchschnittliche Wachstum in Westeuropa lag vor dem Jahr 1914 zwischen ein bis 1,3 Prozent, es sank zwischen 1913 und 1950 auf 0,8 Prozent und stieg erst in der Zeit zwischen 1950 und 1970 auf vier Prozent. Der Verlauf in Nordamerika: zwischen 1820 bis1950 lag das Wachstum etwa ein Prozent höher als in Westeuropa, zwischen 1950 und 1970 lag es mit 2,3 Prozent deutlich unter dem westeuropäischen Niveau von vier Prozent.

Ein Blick zurück: Wie stark wuchs früher die Wirtschaft?

Zwischen 1990 und 2012 sinken die Wachstumsraten in beiden Regionen ungefähr parallel auf ein Niveau von knapp unter 1,5 Prozent; ein Trend, der sich nach 2012 fortsetzt, so die Berechnungen von Thomas Piketty. Niedrige Wachstumsraten sind also normal, ungewöhnlich ist das hohe Wachstum in Westeuropa in der Zeit von 1950 bis 1974. Dafür gibt es zwei Gründe: Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde die Wirtschaft wieder aufgebaut; es gab also einen Aufholprozess gegenüber den USA und Kanada. Und damals stieg auch in Nordamerika das Wachstum der Wirtschaft durchschnittlich um 2,3 Prozent und lag damit spürbar höher als in der Zeit zwischen 1913 und 1950 (1,6 Prozent). Und wie wuchs die Weltproduktion, also einschließlich großer Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien? Deren Wachstum erreichte in dem Zeitraum von 1950 bis 1990 mit vier Prozent den Höhepunkt. Zwischen 1990 und 2012 sank die Wachstumsrate geringfügig um 0,1 Prozent auf 3,9 Prozent. Wir haben es also weltweit mit einer Verringerung des Wachstums zu tun: besonders ausgeprägt in Europa, aber auch in Nordamerika; der Grund für den allerdings nicht sehr großen Unterschied liegt vermutlich darin, dass der US-Staat – im Gegensatz zu den EU-Regierungen – mit einer offensiven Investitions- und Ausgaben-Politik die expansive Geldpolitik der US-Fed unterstützt.

Haben wir es mit einer säkularen Stagnation zu tun?

Die Folge: Ökonomen diskutieren erneut, ob es sich bei den Entwicklungen um eine säkulare, also um eine langfristige Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung handelt. Das ist kein neues Thema. Diese Debatte wird bereits Ende der 1930er-Jahre geführt, initiiert von John M. Keynes und dem amerikanischen Ökonomen Alvin Hansen. Beide machten zu hohe Ersparnisse der vermögenden Haushalte für sinkende Investitionen und hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich; ein Argument, das heute erneut von hoher Aktualität ist. Dazu kommt die Annahme, bei wichtigen materiellen Bedürfnissen sei inzwischen in den reifen Industriegesellschaften eine Sättigung erreicht. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Zitat von Keynes von der Notwendigkeit eines »sanften Tods des Rentiers«. Interessant an dieser Debatte ist, dass sie in die Spätphase der schweren Depression nach der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1932 stattfand; einer ähnlich depressiven Entwicklung, wie wir sie heute nach der großen Finanzkrise 2008/09 diagnostizieren. Damals löste sich die Depression jedoch auf: Nach 1939 war sie beendet, weil in den USA die Rüstungsindustrie boomte und die Entwicklung der Geldmenge vom Goldstandard getrennt wurde. So begann für die USA eine Zeit der ökonomischen Prosperität, die von 1950 an auch Westeuropa erreichte. Damit war aber auch die Sättigungsthese überholt. Heute wird diese Debatte über die säkulare Stagnation wieder aufgegriffen. Sie wird zum einen mit dem Übermaß an Ersparnissen (»Savings Glut«) begründet und zum anderen mit dem Hinweis, die Nachfrage bleibe zurück, weil Einkommen und Vermögen zunehmend ungleich verteilt seien.

Rasanter technischer Wandel produziert kein zusätzliches Wachstum, schlägt sich nicht in der Produktivitätsstatistik wieder.

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Bremst die soziale Ungleichheit tatsächlich das Wirtschaftswachstum?

Es gibt heute jedoch noch eine zweite Diskussion. Sie dreht sich um den Begriff des Finanz- oder Finanzmarktkapitalismus. Grob vereinfacht wird folgende Geschichte erzählt: Wegen der Dominanz der Eigentümer (Shareholder) werden den Unternehmen zu viel Gewinne entnommen – das führe zum einen zu einem Rückgang der »realwirtschaftlichen« Investitionen und zum anderen zu einem Übergewicht der Kapitalanlage auf den Finanzmärkten; und damit zu einer relativen Verselbständigung des Finanzkapitals vom »Realkapital«. Auch diese Erzählung knüpft an historische Vorbilder an: an den Aufstieg des Finanzkapitalismus vor 1914 und an die Analysen von Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg und auch von Lenin; der in dieser Frage jedoch nur ein »Second hand Dealer of Ideas« war. Der Finanzkapitalismus ist daher nichts Neues und markiert keine neue Phase des Kapitalismus.

Beide Diskussionsstränge haben eine Schnittmenge: Sie besteht in der Betonung der Dominanz von Ersparnissen beziehungsweise dem Finanzkapital gegenüber den realen Investitionen. Die erste Prognose stammt aus der Theorie von Keynes, die zweite beruft sich auf die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx und anderen. Es geht um die gleiche politische Ökonomie. Aber es unterscheiden sich die Blickwinkel, aus denen auf diese Ökonomie geblickt wird. Beiden Narrativen ist gemeinsam, dass sie eine langfristige und zwangsläufige Tendenz zur Stagnation behaupten, die politisch kaum korrigiert werden kann. Sie könnte möglicherweise sogar, so die Unterstellung, das Ende des Kapitalismus einleiten. Hier werden ökonomische Entwicklungen als fundamentale, quasi unvermeidbare Trends verstanden, die in der Logik des Kapitalismus eingebettet sind. Die Beobachtungen sind nicht falsch. Aber ihre Begründung führt auf einen Holzweg: Denn sie unterschätzt die Handlungsmöglichkeiten der Politik.

Ein »guter« Kapitalismus ist politisch machbar

Wer nach einer dritten Erklärung für das unbestreitbare Nachlassen von Wachstums- und Investitionsdynamik sucht, der muss noch einmal auf die Zeit relativ hoher Wachstumsraten blicken, also auf den Zeitraum zwischen 1950 und 1974. Was waren die Merkmale dieser Zeitspanne? Die Ungleichheit in der Verteilung von Vermögen und Einkommen ging deutlich zurück und die Lohnquote (Anteil der Löhne am Nationaleinkommen oder BIP) stieg deutlich an. Die Folgen: eine deutlich geringere Arbeitslosigkeit bis hin zur Vollbeschäftigung und mehr Macht für die Gewerkschaften. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage war so hoch wie die Wertschöpfung. Mit einem System nationaler Kapitalverkehrskontrollen wurden die Finanzmärkte halbwegs in Schach gehalten und deren Dominanz verhindert.

In den 1970er-Jahren begann dann die politische Wende: Die Finanzmärkte wurden via politischer Entscheidungen dereguliert und internationalisiert. Die Wirtschaftspolitik sah es als vornehmste Aufgabe an, möglichst überall Marktmechanismen einzuführen. Und in der Geldpolitik setzte sich die Theorie des Monetarismus durch. Wer diese Politik als falsch ansieht und die zuvor als richtig, der kommt zu dem Schluss: Die Politik hat die Möglichkeit, den Kapitalismus nach ihren Prinzipien zu erneuern. Konkret: eine progressive Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen, höhere Löhne und Sozialeinkommen, die Eingrenzung der Märkte mit Interventionen des Staates und einer gemischten Eigentumsordnung. Ein »guter« Kapitalismus ist also politisch machbar.

Fehlentscheide der deutschen Politik und ihre Grenzen

Aber auch diese zuletzt skizzierte soziale und nachfragestarke Wirtschaftspolitik werden Wachstum und Investitionen nicht auf das Niveau der Zeit von 1950 bis 1974 zurückführen. Diese Zeit war von einer einmaligen Konstellation geprägt: der Aufholprozess nach dem Zweiten Weltkrieg und die sehr hohen Wirtschaftshilfen der USA für Westeuropa. Im Gegensatz zum damaligen Verhalten der USA blockiert Deutschland heute mit seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik und seiner Macht über Europa ein mögliches höheres Wachstum. Damit fällt auch die EU als wirtschaftlicher Impulsgeber für die Weltwirtschaft aus. Die bekannten Gründe: Die Sparpolitik (Schwarze Null, Schuldenbremse) der Regierung schadet allen Wachstumsbestrebungen und gilt trotzdem in Deutschland weithin als vorbildlich. Die verbohrten Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, die öffentliche wie die private Nachfrage und damit das Wachstum einzuschränken, wird nicht erkannt. Die makroökonomische Dummheit hat System: Ein ausgeglichener Staatshaushalt und stabiles Geld sollen Vertrauen schaffen, das Vertrauen soll Investitionen fördern. Das ist eine politische Ökonomie des besorgten Hausvaters und keine Ökonomie, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen ruht.

Makroökonomische Dummheit: Ausgeglichener Staatshaushalt und stabiles Geld sollen Vertrauen schaffen.

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Die These von der anhaltenden Stagnation überzeugt nicht

In der Bilanz kann die These von der säkularen Stagnation nicht überzeugen. Denn es handelt sich nicht um einen langfristigen, quasi naturgesetzlichen Trend. Es kann belegt werden, dass Politik eine andere Wirtschaftspolitik durchsetzen und eine andere Lohnpolitik befördern könnte. Auch die Begründungen für die These einer säkularen Stagnation haben Schwächen: Sie kann das Motiv der Dominanz der Finanzmärkte nicht erklären. Sie kann nicht erklären, warum die Unternehmen, die außerhalb der Finanzwirtschaft im realwirtschaftlichen Sektor tätig sind, so hohe Finanzierungsüberschüsse verzeichnen, also buchstäblich auf vielen Milliarden Euro sitzen. Das belegt, dass die Einschätzung, die Shareholder seien mächtig genug, um die Unternehmen finanziell auszuschlachten, so nicht stimmen kann; zumindest wird die Macht der Shareholder überschätzt. Letztlich erklären die hohen Ungleichheiten in der Einkommens- und Vermögensverteilung am überzeugendsten die schwache Entwicklung der gesamten Nachfrage. Diese führt wiederum zu einer nachlassenden Investitionsdynamik und einer tendenziell stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung.

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Geschrieben von:

Michael Wendl
Michael Wendl

Mitherausgeber von »Sozialismus«