Wirtschaft für Gesellschaft.
Das Blog zum Blatt

Das große Schweigen und Kneifen

Frauenporträt, halbnahFoto: Sebastian Gollnow/dpaHohmann-Dennhardt: Hoffnungsträgerin 2016 für den VW-Konzern.

Nach nur einem Jahr trennen sich der VW-Konzern und seine Ethik-Chefin, Millionenabfindung inbegriffen. Aber was zeigt der Fall Hohmann-Dennhardt? Wie der VW-Konzern eine tapfere Aufklärerin entsorgt? Oder dass Gier auch im SPD-Eliten-Milieu Alltag ist? Zwei Lesarten.

Roland Appel hat im Beueler Extradienst von Martin Böttger sehr präzise analysiert, wie vor allem konservative Medien, ob FAZ oder Handelsblatt in beinahe täglichen Artikeln die Höhe der Abfindung der VW-Managerin Christine Hohmann-Dennhardt skandalisieren. Seine These: So werde doch nur von dem eigentlichen Skandal abgelenkt, dass Management und Eigentümer von VW unverändert jegliche, auch nur halbwegs ordentliche Aufklärung blockierten. Es gibt gute Gründe für diese These.

Wir sollten darüber jedoch nicht vergessen: Sollte die These von Appel stimmen, dann wurde da nicht nur eine tapfere, sondern vor allem eine gierige Aufklärerin entsorgt. Nicht nur Hegefonds und deren Manager verhalten sich wie selbstverständlich so rücksichtslos, prominente Mitglieder des gehobenen SPD-Milieus tun dies auch. Gerhard Schröder hält es für selbstverständlich – und das ist der entscheidende Punkt: Sie halten es alle für normal und selbstverständlich –, dass er nach seiner Kanzlerschaft Millionen scheffelt. Und von Christine Hohmann-Dennhardt ist der Satz überliefert: Das sei für sie »ein ganz normaler Vorgang«, Verträge müssten schließlich eingehalten werden. Die Ex-Verfassungsrichterin, SPD-Mitglied und einst Justiz- und als Wissenschaftsministerin in hessischen SPD-Landesregierungen unter Ministerpräsident Hans Eichel, schied Ende Januar aus dem VW-Vorstand aus und erhält für ein Jahr Arbeit 13 Millionen Euro Abfindung; in anderen Medienberichten heißt es, es seien 15 Millionen Euro. Also pro Monat eine Million Euro, wenn nicht sogar mehr. Und was wegen Geringfügigkeit meist nur am Rande erwähnt wird: Von VW erhält sie noch eine Rente in Höhe von mindestens 7.000 Euro; allerdings nur monatlich, nicht täglich.

Auch Mitglieder des gehobenen SPD-Milieu halten es für normal und selbstverständlich, Millionen zu scheffeln.

Tweet this

Was habe ich in meiner Lebensplanung nur alles falsch gemacht? Das denken jetzt – nicht zum ersten Mal – vermutlich Millionen. Und was sagt Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat, dazu? Bisher nichts. Warum hat der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, SPD, bisher alles mitgemacht? Warum schweigen IG Metall und deren VW-Betriebsräte, meist alle in der SPD, die sich rühmen, bei VW gebe es ohne ihre Zustimmung nicht eine wichtige Entscheidung? Sie alle kneifen und schweigen. Auch dazu, dass Martin Winterkorn, der ehemalige Vorstandsvorsitzende, den sie alle zusammen jahrelang als begnadeten Spitzenmanager gerühmt haben, eine Betriebsrente von mehr als 3.000 Euro erhält – täglich.

Faszination »global business masculinity« der Manager

Dieser Teil des SPD-Milieus, zu dem auch Marin Schulz gehört, hat mit dem Leben der Menschen, die mit harter Arbeit vielleicht 2.000 bis 3.000 Euro im Monat verdienen, nichts mehr zu tun. Ingrid Kurz-Scherf, Volkswirtin und Politikwissenschaftlerin, kennt die Gewerkschaften in- und auswendig. In einem Interview mit OXI hat sie auch erläutert, welche Faszination von diesen exorbitanten Managergehältern ausgeht. Zitat Kurz-Scherf: »Die überwiegend männlichen Aufsichtsratsmitglieder der Gewerkschaften sind durchaus auch beeindruckt von dem, was der skandinavische Sozialwissenschaftler Jeff Hearn die gobal business masculinity der Manager vom Schlage Winterkorn oder auch einst Middelhoff nennt.«

Und der renommierte Soziologe Sighard Neckel, Universität Hamburg, erklärt die Abgehobenheit dieser SPD-Spitzen-Milieus so: »Einen Grund sehe ich darin, dass sich das sozialdemokratische Führungspersonal nach und nach in den besseren Kreisen der Gesellschaft etablierte. Ironischerweise führte das politische Kernanliegen der Sozialdemokratie, den Aufstieg der Arbeitnehmerschichten zu ermöglichen, zur politischen Anpassung. Die Erfolge der SPD-Politik schufen die Voraussetzungen für individuelle Aufstiege, die dann vom sozialdemokratischen Weg wegführten. So gehört die Führungsschicht der SPD mit zu den Mittelschichten, die seit den achtziger Jahren erhebliche Wohlstandsgewinne für sich erzielen konnten. Teile der SPD-Führungen verloren das Gefühl für ihre zentralen Wählerschichten, aus denen sie sich auch schon lange nicht mehr rekrutieren.«

Geschrieben von:

Wolfgang Storz

Wolfgang Storz arbeitet als Publizist sowie Medien- und Kommunikationsberater. Er lebt in Offenbach/Main.