Wirtschaft
anders denken.

Das »Manifest«: Eines der folgenreichsten Bücher. Und ein falscher Jahrestag.

21.02.2018
OXI

Vor 170 Jahren erschien das »Manifest der Kommunistischen Partei«. Ein gewaltiges Buch, ein bleibendes, ein folgenreiches. Über Prognosen, die sich als falsch herausstellten, die immer noch unbeantwortete »Grundfrage der Bewegung« – und einen falschen Jahrestag.

»Wer heute über Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nachdenkt, kommt am ›Manifest‹ nicht vorbei«, sagt der Linkspolitiker Dietmar Bartsch. Und spricht von einem »der erfolgreichsten und folgenreichsten Bücher, die jemals geschrieben wurden«. Die Wirkungsgeschichte des – einmal mindesten muss es der volle Titel sein: »Manifestes der Kommunistischen Partei« von 1848, ist laut Bartsch »noch lange nicht am Ende«.

Man sieht das unter anderem an den vielen Veröffentlichungen zum Jubiläum. In der »Tageszeitung« meint Ulrike Herrmann, »mit seinen Prophezeiungen lag das Kommunistische Manifest von Karl Marx daneben. Trotzdem hat es uns heute noch was zu sagen«. Weder habe sich der Kommunismus durchgesetzt noch hätten die Proletarier heute nichts zu verlieren als ihre Ketten, sondern eben weit mehr: »Autos, Fernseher und Handys. Warum übt der Text trotzdem einen solchen Sog aus?«

Man kann das als literarische Frage nehmen – stilistisch ist selten ein politisches Buches so glänzend, so einmalig dahergekommen. Man wird das »Manifest« zudem immer auch durch die Augen der Gegenwart lesen und dabei Interessantes finden, etwa den Satz, »ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern«. Kann man als »Krankenbett-Politik« abtun oder aber daraus Überlegungen ziehen, was das für eine Politik der sozialen Veränderung bedeutet, die schnell die Lebensbedingungen verbessert und den Raum der gesellschaftlichen Bedürfnisse zu Lasten der Profitlogik vergrößert – und trotzdem einen utopischen Überschuss im Gepäck hat, also über den Kapitalismus hinausweist.

So oder so: das »Manifest« ist aktuell. Was man für Diskussionen anschließen kann, dafür soll als Beispiel hier auch ein großartiger  Text von Thomas Kuczynski dienen, der auf marx200.org empfiehlt, die Widersprüche weiterzudenken, die sich mit dem und unter Berufung auf das Manifest ergeben, wenn man sich nicht im luftleeren Raum wähnt, sondern aus einer ziemlich komplexen sozialen Wirklichkeit heraus denkt, schreibt, streitet.

Kuczynski, der gerade mit einer Neuausgabe des ersten Bandes von »Das Kapital« tourt, erinnert an die Markierung des Eigentumsproblems durch Marx und Engels als »die Grundfrage der Bewegung« – und schreibt: »Nichts einfacher als der Schluss, dass die Lösung der Grundfrage in der Schaffung eines ›Welteigentums‹ läge. Aber wie wäre die zu realisieren, wie gelangen wir in der Wirklichkeit, also nicht bloß intellektuell, zu dieser Lösung?« Man wird die Antwort weiter suchen müssen – gefunden werden kann sie nur in der Praxis.

Aber warum machen eigentlich so viele am 21. Februar Aufhebens um das »Manifest«? Der WDR beispielsweise behauptet sogar, die Schrift sei »am 21. Februar 1848 anonym in London« erschienen. So steht es auch auf Wikipedia. Und deshalb wahrscheinlich überall sonst. Nun, ein bisschen Korinthenkackerei an dieser Stelle: Das »Manifest« ist irgendwann zwischen dem 23. Februar und dem 1. März 1848 veröffentlicht worden, der genaue Termin ist umstritten, eher war es aber im März.

Genauer als ebenjener Thomas Kuczynski ist wohl bisher niemand dem Erscheinungsdatum auf die Spur gekommen. In einer heute leider kaum noch erhältlichen Ausgabe der Reihe »Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Trier« hatte sich der Ökonom, Statistiker und Marx-Kenner 1995 die Frage vorgenommen. Detailliert werden die vorliegenden Quellen ausgewertet, am Ende bleiben als mögliche Spanne die oben genannten Daten. Eigentlich sogar weniger als diese.

Aber ist das überhaupt wichtig? Nun, den Verfassern dürfte es nicht unwichtig gewesen sein, denn das Heftchen erschien in einer ereignisreichen Zeit. Verständlich also, dass eine solche Programmschrift möglichst die damalige Aktualität in sich trägt. Doch Marx und Engels hatten die Abfassung verbummelt, der Auftraggeber – der Bund der Kommunisten – musste die Fertigstellung anmahnen – und als das Manuskript schon fertig war, entbrannte in Paris am 22. Februar 1848 die Revolution.

Kuczynski erinnert daran, dass Marx und Engels deshalb »solchen Wert auf die Feststellung gelegt haben, dass es vor der Revolution publiziert sei« – man hätte sonst erwarten können, dass diese Ereignisse darin irgendwie verarbeitet werden. Am Ende seiner minutiösen Rekonstruktion der Drucklegung schreibt Kuczynski: »Damit ist unseres Erachtens allen noch so scharfsinnigen Konstruktionen einer vor dem 29. Februar 1848 erschienen ‚Manifest‘-Ausgabe der Boden entzogen.« Mehr noch: Kuczynski glaubt, dass auch der in der Erstausgabe angegebene Termin »Veröffentlicht im Februar 1848« eher »eine leichte Irreführung« ist – alles zusammengenommen wird das »Manifest« wohl erst am 1. März 1848 gedruckt worden sein.

Auf die Wirkmächtigkeit des Textes hat solcherlei Detailkram natürlich keine Auswirkungen. Geblieben sind aber nicht nur Sätze wie gemeißelte Denkmäler – »Ein Gespenst geht um in Europa …« -, geblieben sind auch ein Eintrag ins Unesco-Register »Memory of the World« und zahllose Ausgaben, Übersetzungen, Forschungsschriften. »Dass das Heftchen Weltgeschichte machen sollte, ahnte keiner der Beteiligten«, meint Thomas Kuczynski – bald wurde es dennoch als »unsre Bibel« betrachtet, so schon 1850 von den Kölner Kommunisten, die darauf »schwören ließen«.

Zu dem Zeitpunkt hätte schon das »dritte Manifest« vorliegen müssen – denn laut den Statuten des Bundes der Kommunisten, darauf verweist der Mitbegründer der Internationalen Marx-Engels-Stiftung, Martin Hundt, im »neuen deutschland«, sollte das »Manifest« eigentlich »nur für ein Jahr gelten«. Jeder jährliche Kongress hätte »ein neues, aktualisiertes Programm erlassen« sollen. »Dazu ist es nicht gekommen, dem Bund war bis zu seiner Auflösung 1852 kein weiterer Kongress mehr vergönnt.«

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur