Wirtschaft
anders denken.

Das Private ist immer noch politisch

11.07.2020

Konsum ankurbeln ist das Gebot der Stunde – obwohl alle wissen, dass »Konsum« unser ökologischer Sargnagel ist. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem Konsumstreik? Und wäre ein solcher privat oder politisch?

Wer schon etwas älter ist, kann sich bestimmt noch an den aus der feministischen Bewegung stammenden Spruch »Das Private ist politisch« erinnern, der in den 1970er Jahren allgegenwärtig war. 

Natürlich lässt sich auch heute nicht leugnen, dass die subjektiven Lebenswirklichkeiten von Menschen nicht unabhängig von ihren gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen betrachtet werden können. Dennoch wird im Diskurs um die sozial-ökologische Transformation manchmal scharf getrennt: Der Ruf nach privatem Verzicht und gelebter Suffizienz sei neoliberal, heißt es oft. Denn er legitimiere das System und bürde die gesamte Veränderungslast dem Individuum auf, anstatt bei den politischen und wirtschaftlichen Strukturen anzusetzen. Da ist natürlich etwas dran. Denn in einer Wirtschaft, die – sowohl auf Konsument*innen- als auch auf Produzent*innenebene – unsoziales und unökologisches Verhalten verbilligt und vereinfacht, soziales und ökologisches Verhalten jedoch verteuert und erschwert, ist es eine Sisyphusarbeit, wenn alle Einzelnen mühsam gegen den (unhinterfragten) Strom schwimmen sollen, nur um dann doch letztendlich zu scheitern.

Aber wer soll denn bitte den dringend notwendigen Systemwandel herbeiführen, wenn nicht die einzelnen Menschen? Sie sind es schließlich, die zu einem politischen Engagement für die strukturelle Veränderung auch ihrer eigenen Lebenswelten motiviert werden sollen. Dazu müssen sie erst einmal die Angst vor einer solchen Veränderung verlieren und fühlen, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, vielleicht sogar befreiend. Von einer Person, die gerne und viel fliegt, selbstverständlich das Auto nutzt und sämtliche Freuden der modernen Konsumwelt genießt, ist es schwer zu erwarten, sich für eine Politik einzusetzen, die solche Gepflogenheiten stark einschränkt.

Andersherum ist es einfacher. Wenn ich als Privatmensch versuche, mich im gegebenen Rahmen so sozial und ökologisch zu verhalten wie möglich, also schrittweise alle mir möglichen Handlungsspielräume nutze, passieren mehrere Dinge: Erstens stoße ich schnell an die systemischen Grenzen und erfahre am eigenen Leib, dass ich, um wirklich nach meinen Prinzipien leben zu können, auch die politischen Anreize verändern muss. Beispiel Lebensmittel: Es ist im jetzigen System nahezu unmöglich, sämtliche Lebensmittel so zu kaufen, dass sie biologisch, regional, unverpackt, unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt und bezahlbar sind. 

Zweitens verschiebt sich mein Verständnis von Normalität: Ich fühle mich mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten nicht mehr wohl und fange vielleicht an, Menschen zu suchen, die Ähnliches erleben und gemeinsam etwas verändern wollen. Gründe vielleicht, um beim Beispiel zu bleiben, eine solidarische Landwirtschaft zu unterstützen oder zu Ende Gelände oder Fridays for Future zu gehen. 

Drittens werde ich vermutlich versuchen, mein direktes Umfeld für meine Beweggründe und die Notwendigkeit eines Wandels zu sensibilisieren, bringe das Thema also immer wieder ins Gespräch. Und viertens fühlt es sich besser an, wenn die Diskrepanz zwischen dem, was ich politisch fordere, und dem, was ich lebe, nicht mehr so groß ist.

Und, ganz wichtig: Es sind vor allem reiche Minderheiten, die extrem große ökologische Fußabdrücke hinterlassen. Die Thematisierung der von ihnen gepflegten unökologischen und damit in höchstem Maße unsozialen Lebensstile ist deshalb nötig und hat nichts mit Schuldzuweisungen an sozial benachteiligte Gruppen zu tun. Trotzdem werden diese schnell bemüht, wenn es um zerstörerische Verhaltensweisen und Lebensstile geht, nach dem Motto: »Ihr veganen Hipster, jetzt wollt ihr dem Rudi auch noch sein Steak nehmen.« 

Dabei geht es gar nicht um Rudi, sondern um soziale Ungleichheit und die Widersprüchlichkeiten moderner Großstadteliten, die vielleicht ein höheres ökologisches Bewusstsein haben als Rudi, aber einen mindestens ebenso viel höheren ökologischen Fußabdruck.

Sozialen Bewegungen wie Fridays for Future ist es zugutezuhalten, dass die Themen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit vor der Corona-Pandemie in aller Munde waren. Es war sogar zu hoffen, dass sich dies auch im Wahlverhalten der Menschen niederschlagen würde. Davon ist freilich nichts mehr zu spüren: Die CDU ist seit Anfang der Pandemie so stark wie lange nicht mehr, und daran wird sich (Stand Anfang Juni 2020) wohl erst mal nichts ändern.

Umso wichtiger ist es, dass alle, die für einen Systemwandel eintreten, an einem Strang ziehen und keine künstlichen Gegensätze konstruieren, wie den zwischen privatem Verhalten und politischem Engagement. Denn auch wer sich politisch engagiert, bleibt ein individueller Mensch mit allen sogar in diesem System möglichen Handlungsspielräumen. Warum soll ich Auto fahren, wenn ich doch Fahrrad oder Bus nehmen kann? Warum soll ich Fleisch essen oder fliegen, wenn ich es genauso gut lassen kann? Warum soll ich genau den Schwachsinn mitmachen, den ich mit meinem politischen Engagement zu verändern suche?

Zurzeit tritt die Absurdität des kapitalistischen Wirtschaftssystems mal wieder richtig schön zutage: Konsum ankurbeln ist das Gebot der Stunde – obwohl alle wissen, dass »Konsum« unser ökologischer Sargnagel ist. Wie wäre es zur Abwechslung mit einem Konsumstreik? Und wäre ein solcher privat oder politisch?

Geschrieben von:

Christiane Kliemann

Journalistin