Wirtschaft
anders denken.

Das Scheitern des Kapitalismus

Paul Mason, Journalist, Hochschullehrer und linker Ökonom. Sein Buch »Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie« gibt der europäischen Linken Hoffnung. Darauf, dass diese Krise der Anfang vom Ende sein könnte.

10.06.2016
Der Autor und Journalist Paul MasonFoto: Global Justice Now / flickr CC BY 2.0 Lizenz
Paul Mason, Journalist, Hochschullehrer und linker Ökonom. Sein Buch »Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie« gibt der europäischen Linken Hoffnung. Darauf, dass diese Krise der Anfang vom Ende sein könnte.

Die Krise von 2008 scheint nicht enden zu wollen. Von der Immobilienblase in Spanien bis zur x-ten »Griechenlandrettung«, in Europa geht der Geist der Krise weiter um. Warum denken Sie, dass diese Krise das Ende des Kapitalismus einläutet?

Mason: Ich sage nicht, dass diese Krise das Ende des Kapitalismus darstellt. Ich sage, dass der Kapitalismus im Moment daran scheitert sich anzupassen. In den letzten 200 Jahren konnten wir ein Muster beobachten. Liefe es heute wie in den letzten 200 Jahren, gäbe es jetzt neue Technologien, neue Geschäftsmodelle, neue höherqualifizierte Jobs, neue Produkte für den Konsumenten, die das Wirtschaftswachstum steigern, und Kapitalflüsse vom Finanzsektor zur Produktion. Genau das ist schon vier Mal in der Geschichte des Kapitalismus geschehen. Doch dieses Mal passiert es nicht. Da liegt der Gedanke nahe, dass etwas Grundsätzlicheres falsch läuft, und wir nicht nur das übliche Versagen der »freien Kräfte des Marktes« erleben. Was ist also anders? Die Informationstechnologie. Sie entwickelt eine andere Dynamik im Markt als alle anderen Technologien.

Was meinen Sie genau, was unterscheidet die Informationstechnologien von anderen Technologien?

Zuallererst geht es um Optimierung. Würden wir die Technologie ordnungsgemäß nutzen, würde sie schlichtweg Arbeitsplätze vernichten. Und aus diesem Grund machen wir es nicht. Als Ergebnis erleben wir eine lange Periode der niedrigen Produktivität trotz hoher technologischer Innovationen. Das ist eigentlich unmöglich. Und deshalb ist es erst einmal ein Fakt, dass Informationstechnologien Arbeitsplätze schneller zerstören als sie zu erschaffen. Information ist die erste Technologie, die das jemals getan hat. Zweitens zerfrisst diese Technologie den Preismechanismus, der essenziell für den Kapitalismus ist. Jedes Mal, wenn Wettbewerb auf den Informationssektor losgelassen wird, fallen die Preise der Waren. Für mich als Kunden ist das gut. Aber wir müssen den Prozess für uns übernehmen und ihn so steuern, dass er von Nutzen für die Menschheit ist und der Preis der Produkte tatsächlich reduziert wird. Preise sind für mich mehr als die rein monetären Kosten. Der Preis setzt sich auch aus den Energiekosten und den Lohnkosten zusammen.  Wenn wir das tun, können wir relativ schnell zum Überfluss in einigen Wirtschaftszweigen kommen. Das wäre der Beginn einer gesellschaftlichen Transformation, eines Veränderungsprozesses hin zu einem anderen Wirtschaftssystem, im positiven Sinne.

Wie definieren Sie Überfluss?

Überfluss bedeutet, dass alles kostenlos ist. Wir haben gesehen, dass es im Informationssektor geschieht und können uns daher vorstellen, dass es in anderen Bereichen, die mit dem Informationssektor verbunden sind, auch geschehen kann.

Wer ist dieses »wir«? Was denken Sie, wer die zentralen Akteure einer Transformation sein sollten oder könnten?

Meiner Ansicht nach sind die Akteure vernetzte Menschen. Ja, die Proletarier waren die historischen Akteure im marxistischen Schema. Ob dieses Schema richtig war oder nicht, die heutigen Akteure sind gebildete Menschen mit einem Verständnis des Individuums als wichtigen Teil der Gesellschaft. Im Berlin der 1920er-Jahre waren viele linke Aktivisten sehr selbstlos. Sie wollten in der Gesamtheit der Bewegung aufgehen. Heute sieht es anders aus. Die heutigen Generationen haben ein starkes Verständnis davon, wer sie sind und was ihre persönlichen Grenzen sind. Das ist gut. Ich denke, dass Revolutionen so gemacht werden. Durch Menschen, die sich selbst verändern. Diese Generation hat eine bessere Chance, die Kontrolle über die Gesellschaft zu erlangen als eine Generation die nur über Hierarchie und Disziplin agieren konnte.

Wie könnten Schritte einer Transformation in den nächsten Jahren konkret aussehen?

Diese Transformation ist keine Fantasie. In Spanien ist Podemos in drei Städten an der Macht. Es wird beginnen und hat begonnen, dass wir den Staat nicht nur auf die alte sozialdemokratische Art nutzen, um ein kleines bisschen in Richtung sozialer Gerechtigkeit zu gelangen. Ich denke, dass wir die Anfänge einer Netzwerkbildung erleben, die linke Politik in etwas Konkretes umwandeln kann. Ob es das Grundeinkommen ist oder die Opposition gegen die neoliberalen Impulse von lokalen Regierungen. Und ich glaube, wenn es einmal durch die radikale Linke vorgelebt wurde, kann die Sozialdemokratie diese Muster übernehmen und anwenden. Wir wollen nicht egoistisch sein und es für uns behalten.

Das Grundeinkommen wird in Europa vielerorts diskutiert…

Es wird an vielen Orten ausprobiert. Aber in einer kapitalistischen Art und Weise. Lasst uns abwarten, ob das funktioniert. Das universelle Grundeinkommen wird für uns ein sehr wichtiges Mittel sein, um die notwendige Arbeitsmenge auf dem Planeten zu reduzieren. Wenn wir Arbeit und Lohn nicht voneinander trennen, können wir keine Transformation erreichen. Wenn Arbeit und Löhne miteinander verflochten bleiben, während die Arbeitszeit reduziert wird, ist das Ergebnis nur viele Arbeitslose, die kein Geld haben. Das ist nicht die Lösung.

Wie kann das universelle Grundeinkommen finanziert werden?

Durch Steuern. Während der Transformation  wird es immer noch einen Markt geben. In einer idealisierten Welt, an einem Computer, würde ich die Transformation verlangsamen, so dass der Markt nicht zu schnell verschwindet. Ich würde den Markt für eine lange Zeit erhalten, damit er Steuern für den Staatssektor produziert. Diese können dann zur Zahlung des Grundeinkommens verwendet werden. In ihrer Freizeit könnten die Menschen gemeinschaftlich mehr Güter und Dienstleistungen kostenlos produzieren. Das ist der Transformationsprozess. Aber nur weil wir es beschreiben, wird es nicht geschehen. Genauso wenig wie der Fünf-Jahres-Plan durch seine bloße Beschreibung funktioniert hat. Wir müssen die Transformation in einem demokratischen Prozess begleiten.

Der Markt ist demnach nur ein Teil des Transformationsprozesses. Er wird also irgendwann verschwinden?

Ja, letztendlich muss er verschwinden. Es gibt keinen Markt auf der Erde, auf dem alles kostenlos ist. Ich denke, dass die Transformation lange dauert – mindestens ein Jahrhundert. Aber für viele lebensnotwendige Dinge wie den Klimawandel, demografischen Wandel, soziale Gerechtigkeit, aber auch die Bedrohung von rechts haben wir kein Jahrhundert Zeit. das Problem ist: ich habe vielleicht eine klare Vorstellung davon, wie eine langfristige Transformation aussehen kann. Nur heißt das leider nicht, dass ich eine Idee oder eine Lösung für die kurzfristigen Probleme wie die AfD und die FPÖ habe.

Nicht nur in Deutschland und Österreich erstarkt die Rechte. In wenigen Wochen stimmen die Briten über den Verbleib in der EU oder eben den Brexit ab. Dass sie sich für die zweite Option entscheiden, scheint derzeit nicht unmöglich. Wie erklären Sie die nationalstaatlichen Tendenzen, die in vielen europäischen Ländern vorherrschen?

Die supranationale Ebene, die Europäische Union, funktioniert nicht. Sie hat ein eingebautes Demokratiedefizit. Außerdem basiert sie auf einem Vertrag, der Austerität auch in der Krise festschreibt. Die USA, die souverän politisch handeln können, haben auf dem Höhepunkt der Krise die größte fiskalische Stimulation der Wirtschaft auf den Weg gebracht. Sie habe die meisten Jobs geschaffen und das höchste Wachstum erreicht. So etwas kann man machen, wenn man nicht durch den Vertrag von Lissabon gehemmt ist. Ich bin dafür, die EU zu reformieren. Wenn ich Belgien oder die Slowakei wäre, würde ich nicht dafür plädieren, die EU zu verlassen, denn diese Länder sind zu klein. Aber Großbritannien ist ein großes Land mit einer großen Arbeiterbewegung / Arbeiterklasse, das hoffentlich eines Tages eine linke Regierung haben wird. Und wenn diese linke Regierung wie SYRIZA von der EU unterdrückt wird, dann ist es Zeit, über einen Austritt nachzudenken. Anders als Griechenland haben wir die Kraft, die EU zu verlassen. Mit den Konservativen als Verfechtern eines Austritts halte ich diesen jedoch für sehr unwahrscheinlich. Ich würde auch nicht für einen Brexit stimmen. Obwohl ein Ja zum Verbleib auch nicht vorbehaltlos gegeben werden sollte. Die Stimme sollte vielmehr als Warnung an das Verbleib-Lager zu verstehen sein: Wir geben euch weder das Mandat, zum Thatcherismus außerhalb Europas zurückzukehren, noch geben wir euch das Mandat, in Europa so weiterzumachen wie bisher. Die progressive Linke Großbritanniens wird aus dieser Situation nicht als Gewinner hervorgehen. Aber man muss die Zeit zu handeln wählen. Und die Zeit die EU zu verlassen, ist für Großbritannien noch nicht gekommen.

Das Interview führte:

Anne Schindler

OXI Projektkoordinatorin