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Dauerhafte Kinderarmut: Was soziale Entbehrung ganz konkret heißt – der OXI-Überblick

23.10.2017
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Fast jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik lebt mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. Eine neue Studie belegt nicht nur die relative Kinderarmut, sondern zeigt, was soziale Entbehrung konkret heißt.

»Wer einmal arm ist, bleibt lange arm. Zu wenige Familien können sich aus Armut befreien«, sagt Jörg Dräger vom Vorstand der Stiftung – bei der man sich daran erinnern darf, dass sie einst mit Politikberatung hervorgetreten ist, welche selbst auf eine Armut soziale Entsicherung antreibende Politik drängte. Nun untersucht sie durchaus kritisch die Folgen solcher Politik. Und hat eine neue Untersuchung vorgelegt.

In einer Armutslage befinden sich Familien laut der Studie dann, wenn sie mit »weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder staatliche Grundsicherung beziehen«. Das trifft vor allem auf Kinder alleinerziehender Eltern, Kinder mit mindestens zwei Geschwistern und Kinder mit geringqualifizierten Eltern zu. Ähnliche Ergebnisse hatten zuvor auch schon andere Untersuchungen gezeigt.

Relative Armut als Maßstab für Ungleichheit

Es geht bei den 60 Prozent um ein Kriterium der relativen Armut: Ob jemand arm ist, wird heute nicht zuletzt als eine Frage des Verhältnisses zu anderen bestimmt. Relative Armut ist also ein Maßstab für die Ungleichheit in einer Gesellschaft. Wer weniger als 60 Prozent dieses Wertes zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Als Indikator zur Messung der relativen Einkommensverteilung kann die Armutsgefährdungsquote also auch steigen, wenn alle ein höheres Einkommen erhalten als in einem Vergleichsjahr, die oberen Einkommen aber schneller wachsen. Auch ein starker Migrationsschub und damit die Erhöhung der Zahl von Menschen, die durch ihren Status auf geringe Transferleistungen angewiesen sind, kann die Armutsgefährdungsquote steigern.

Umstritten ist an diesem Indikator auch, dass Studierende mit einbezogen werden – die durch ihre Ausbildung meist bessere Chancen auf überdurchschnittliche Einkommen in späteren Jahren haben. Laut neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag die Quote der Betroffenen insgesamt im Jahr 2016 im Westen (ohne Berlin) bei 15 Prozent, im Osten bei 18,4 Prozent. Ein besonders hohes Armutsrisiko haben Erwerbslose und Alleinerziehende. Die bundesweite Armutsgefährdungsquote betrug im vergangenen Jahr 15,7 Prozent und lag damit deutlich über dem Wert von 2008 (14,4 Prozent). In absoluten Zahlen gilt heute als armutsgefährdet, wer als Alleinlebender 969 Euro im Monat zur Verfügung hat, für ein Paar mit zwei Kindern liegt der Wert bei 2035 Euro im Monat.

Worüber die Armutsgefährdungsquote als Indikator für relative Einkommensarmut wenig Auskunft gibt, ist die durch sie bewirkte sozio-kulturelle Verarmung, die sich in fehlender Teilhabe an bestimmten sozialen Aktivitäten als Folge des finanziellen Mangels ausdrückt, etwa wenn man sich keinen Theaterbesuch leisten kann oder die Kinder deshalb auf Klassenfahrten verzichten müssen.

Was fehlt im Alltag konkret?

Genau diese Lücke schließt die Studie von Bertelsmann und IAB ein wenig – indem sie danach fragt, wo genau Kinder vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt werden, also was Armut konkret bedeutet, wie es im Alltag einschränkt, was man entbehren muss. Das ist gegenüber einem Kriterium relativer Armut ein tiefer gehender Indikator.

»Arm zu sein heißt aber, auf vieles verzichten zu müssen, was für Gleichaltrige ganz normal zum Aufwachsen dazugehört«, heißt es zu der Studie – und die hat für 23 Güter und Aspekte sozialer Teilhabe abgefragt, »ob diese in Familien aus finanziellen Gründen fehlen«. Diese Güter sind auf fünf Bereiche aufgeteilt (Wohnung, Nahrung und Kleidung, Konsumgüter, finanzielle Möglichkeiten sowie soziale und kulturelle Teilhabe) und umfassen Einzelaspekte wie eine ausreichend große Wohnung (für jeden ein Zimmer), eine Waschmaschine, einen internetfähigen Computer, die Möglichkeit, monatlich einen festen Betrag sparen zu können, einmal im Monat Freunde zum Essen einladen zu können, eine mindestens einwöchige Urlaubsreise pro Jahr und die Möglichkeit, sich hin und wieder neue Kleidung kaufen zu können, auch wenn die alte noch nicht abgetragen ist.

Das Ergebnis von Bertelsmann und IAB: »Durchschnittlich fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage 7,3 der 23 Güter, Kindern, die kurzzeitig von Armut betroffen sind, 3,4 Güter. Dagegen müssen Kinder aus Familien mit sicherem Einkommen im Schnitt nur auf 1,3 Güter verzichten.«

Vergleichbar mit dem Ansatz »Materielle Deprivation«

Der Ansatz der Untersuchung ist dem vergleichbar, der auch in der EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) angelegt und dort unter dem Begriff »Materielle Deprivation« gefasst wird. Wenn Sozialwissenschaftler von Deprivation sprechen, dann meinen sie damit allgemein einen Zustand der Entbehrung, der Benachteiligung. Das Wort stammt vom lateinischen deprivare – und bedeutet »berauben«. Von materieller Deprivation betroffen sind also Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Lage unfreiwillig auf Dinge verzichten müssen, die von den meisten Menschen als wünschenswert oder gar notwendig für eine angemessene Lebensführung angesehen werden.

In der Statistik EU-SILC wird so der prozentuale Anteil jener Menschen gemessen, die sich aus einer Liste von neun Ausgaben (einen einwöchigen Jahresurlaub an einem anderen Ort, jeden zweiten Tag eine Fleisch-, Geflügel- oder Fischmahlzeit, angemessene Beheizung der Wohnung, langlebige Gebrauchsgüter wie Waschmaschine, Farbfernseher, Telefon oder Auto, Bedienung von Schulden, Rechnungen für Versorgungsleistungen wie Strom, Wasser, Gas und Mietkaufraten oder sonstige Kreditzahlungen) mindestens drei nicht leisten können. Von »erheblicher materieller Deprivation« spricht man, wenn sich Betroffene mindestens vier dieser Ausgaben nicht leisten können. Laut dem Statistischen Bundesamt schwankt die Zahl der Haushalte, die unter erzwungener Unterversorgung mit Alltagsgütern leiden und so in besonderem Maße einschränkt sind, seit 2005 um fünf Prozent.

Daten von 3.180 Kindern über fünf Jahre

Die Studie ist Teil des Projekts »Lebensumstände von Kindern im unteren Einkommensbereich«, welche das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bearbeitet. Dabei wird auf Daten des repräsentativen »Panels Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung« (PASS) zurückgegriffen, für das seit 2006 jährlich etwa 15.000 Personen ab 15 Jahren befragt wurden. »Für die vorliegende Studie konnten für 3.180 Kinder Informationen über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgewertet werden. In jedem der fünf Jahre wurde betrachtet, wie die Einkommenssituation im Haushalt des jeweiligen Kindes war. So konnten der Wechsel in und aus Armutslagen sowie die Armutsdauer beobachtet werden«, heißt es zu der Studie.

Geschrieben von:

OXI Redaktion