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Der Drang, sich schnell Kunst anzueignen: Wie Superreiche den Kunstmarkt verändern

11.06.2018
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Mit Kunstwerken in Privatbesitz lässt sich Status signalisieren, Kunst verweist auf Bildung. Superreiche treiben die Preise nach oben und verändern den Markt. Es geht um die Darstellung absoluter finanzieller Souveränität. Die Entwicklung hat auch Folgen für die öffentliche Kultur. 

Wenn Mitte Juni die Art Basel wieder ihre Tore öffnet, eine der weltweit wichtigsten internationalen Messen für zeitgenössische und moderne Kunst, wird sich mancher vielleicht an das Jahr 2011 erinnern.

Bei der Eröffnung, »angeblich nur für besonders wichtige Kunstfreunde« reserviert, so konnte man damals in der »Zeit« lesen, sei es zum »Ansturm der Millionäre und Milliardäre« gekommen. Den ganz besonders Reichen war die Geduld in den Warteschlangen vor den Einlasskontrollen abhanden gekommen, »der Drang, sich möglichst schnell Kunst anzueignen«, war so groß, dass sie »die Absperrungen einfach überrannten«. Kurz darauf vermeldeten die ersten ausstellenden Galerien die ersten Millionen-Verkäufe.

Ein Blick in die Top-Etagen des Kunstmarktes, dorthin, wo die Preise für einzelne Gemälde in schwindelerregende Höhen getrieben werden, wo Rekordsumme um Rekordsumme erzielt wird, vermag einiges über den Zusammenhang von wachsendem Superreichtum und globalem Kunsthandel zu zeigen.

»Reiche kaufen Kunst in Massen und treiben die Preise damit nach oben«, so formulierte es einmal das »Manager Magazin«. Vor allem was zeitgenössische Kunst angehe, sei »ein Milieu supersolventer Sammler entstanden«, die bei einzelnen Künstlern Preis-Hypes auslösen – und die, so der Kölner Kunsthändler Henrik Hanstein, einer Art Herdentrieb folgen.

Russische Oligarchen, Neu-Milliardäre aus China oder aus Dubai würden um die »Blue Chips« des Kunstmarktes konkurrieren – kein Zufall, dass die besonders hoch gehandelten Werke genannt werden wie wertvolle Aktien an den Börsen. Vor allem moderne Kunst hat es ihnen angetan, wie eine »internationale Währungseinheit« würden deren Werke gesehen, die auch über die Rangordnung des Superreichtums mitentscheide. Mit Kunstwerken in Privatbesitz lässt sich Status signalisieren, Kunst verweist auf Bildung, vor allem aber geht es bei den Millionen-Werken um die Darstellung absoluter finanzieller Souveränität.

Die Nachfrage nach Werken von Andy Warhol oder Jeff Koons ist größer als das Angebot, die finanziellen Möglichkeiten der potenziellen Käuferschicht beinahe unbegrenzt. Das hat zwei Auswirkungen: Weil die neuen Sammler vor allem auf die ganz großen Namen und Kunstwerke aus sind, stellen auch die Auktionshäuser ihr Angebot um, immer weiter öffne sich eine »Schere zwischen Ausnahmewerken und dem Rest der Lose«, so hat es unlängst die »Frankfurter Allgemeine« beschrieben. Die Auktionen für zeitgenössische Kunst würden so auch »zunehmend monoton«.

Laut dem Expertenportal Artnet sollen hier schon 50 Prozent des Auktionsumsatzes mit nur 25 Künstlern gemacht werden. Das wiederum hat dann auch wieder Einfluss auf die Kunstproduktion. Wenn »Objekte, die sich relativ leicht erschließen lassen, nicht bedeutungsschwanger sind, nicht gegen den Strom schwimmen« (Hanstein) von den Superreichen so stark nachgefragt sind, wird man auf der Angebotsseite dem auch mehr oder weniger nachgeben.

Der zweite Punkt ist ein finanzieller, er lässt aus Kunstwerken Mittel der Vermögenssicherung werden, reine Geldanlagen, nicht selten steht dabei auch noch der Aspekt der Steuervermeidung oder Geldwäsche Pate. Immer mehr Kunstwerke werden in hoch gesicherten Freihandelslagern untergebracht, was den Käufern erhebliche Optionen bietet, Zollgebühren und Steuern zu sparen. Nicht zuletzt lässt sich die Herkunft des Vermögens auf diesem Wege verschleiern – ob das Geld aus der Plünderung öffentlicher Kassen, aus Korruption, aus Steuerhinterziehung kommt, verschwindet hinter der Anmutung des Schönen.

Die Anwältin und Autorin Monika Roth hat einmal vorgerechnet, dass allein in der Schweiz inoffiziellen Schätzungen zufolge Werte von über 100 Milliarden Franken in den rund 200 Zollfreilagern gebunkert sind. Bis 2005 war es nicht üblich, dort Objekte dauerzulagern, heute sei es, was Kunstwerke angeht, eher die Regel. Es wird auch aus den Lagern heraus gehandelt, Roth spricht von großer Intransparenz.

Die Enthüllungen über die sogenannten »Panama Papers«, vertrauliche Unterlagen eines Offshore-Dienstleisters, die 2016 an die Öffentlichkeit kamen, haben auch ein Schlaglicht auf das Problem der Geldwäsche im Kunstmarkt geworfen. Sogar der Besitz von NS-Raubkunst, so legen die Papiere nahe, wurde verschleiert. Laut Anwältin Roth wird Kunst über Briefkastenfirmen erworben, die ersteigerten Millionenwerke dann in den Zollfreilagern untergebracht, mit dem einzigen Zweck, die Besitzverhältnisse zu verbergen.

Natürlich lassen sich auch andere Geschichten erzählen, Geschichten, die besser klingen. Nicht lange her, da brachten die Schweizer Bank UBS und die Beratungsfirma PwC ihren aktuellen »Billionaires Insights« heraus, ein Report über die Entwicklung der Zahl der Milliardäre und Multimillionäre, über ihre regionale Herkunft, über ihre Vorlieben. Die UBS zählt zu den weltweit größten Vermögensverwaltern, sie verdient also nicht nur Geld mit dem Geld anderer Leute, sie weiß auch über diese sonst gern verschwiegene Szene Bescheid.

Die »Milliardärsklasse«, heißt es in dem Report, sei in den letzten Jahrzehnten »enorm gewachsen«, was »das Kunstsammeln so stark verändert« habe »wie nie zuvor«. Die Superreichen stellten eine schnell steigende Zahl unter den 200 Top-Kunstsammlern, inzwischen sind fast die Hälfte von ihnen Milliardäre. 1995 standen 28 Milliardäre auf der Liste, bis 2016 waren es schon 72. Vor allem Milliardäre aus Asien sind neu auf dem Kunstmarkt aktiv. Das hat Folgen.

Der »Billionaires Insights« verweist darauf, wie der Handel dem Geld hinterherfolgt. Wo die Zahl wohlhabender Kunstkäufer gestiegen ist, seien auch neue Kunstmessen und Galerien entstanden – in Dubai, Hongkong, Sao Pãulo, Johannesburg, Shanghai. Noch sind diese Standorte, was den Umsatz angeht, weit entfernt davon, die Dominanz der Kunstauktionäre in London und New York zu gefährden.

Eine zweite Folge: Die Zahl der Privatmuseen nimmt zu. Auch dies vor allem in Asien, so UBS und PwC in ihrer Studie. Das hat sicher auch etwas mit Leidenschaft zu tun, auch mit der Idee, die Ausstellung von Kunst zu fördern – immerhin werden die Werke auch der Öffentlichkeit präsentiert und verschwinden nicht hinter privaten Mauern. Doch der »Billionaires Insights« macht auch darauf aufmerksam, dass der Kunstbereich einer von zweien ist, »in denen Milliardäre den größten Einfluss auf die Gesellschaft haben«.

Man mag den Report an dieser Stelle dafür kritisieren, dass er hier offenbar das Offensichtliche nicht erkennt: Irgendwoher haben die Milliardäre ihr Vermögen, es ist in aller Regel gesellschaftlich produzierter Reichtum, der privat angeeignet ist, zum Beispiel über die Unternehmen, an denen Hochvermögende beteiligt sind.

Dieser Einfluss auf Gesellschaft ist sicher größer, er ist, wenn man so will, primärer. Aber der Hinweis auf die sekundäre Wirkung, die Superreiche auf den gesellschaftlichen Umgang mit Kunst haben, ist dennoch nicht zu unterschätzen. Die Philanthropie der Kunstbesitzer, die sammeln und privat ausstellen, normalisiert und legitimiert erstens die Herkunft des Reichtums: Wenn damit Museen gebaut und ausgestattet werden, scheint es irgendwie in Ordnung.

Zweitens wirkt die Nachfrage auf die Kunstproduktion selbst. Die Preisbildung und die mit ihr verbundene marktförmige Bewertung von Werken verdrängen andere, noch halbwegs objektivierbare ästhetische Kriterien.

Und drittens wirkt der wachsende Einfluss der wohlhabenden Kunstsammler auch auf die Politik der öffentlichen Finanzierung von Kultur. So etwas wie Kunstmuseen werden dann schnell zu einer abhängigen Variable privater Anschauungen von Wohlhabenden. Die können ihre Meinung aber auch mal ändern.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur