Wirtschaft
anders denken.

»Die Sparkassen zählen sich selbst zu den Guten«

Correctiv.org ist ein Recherchezentrum für investigativen Journalismus. Chefredakteur Markus Grill im Gespräch über das correctiv-Geschäftsmodell und die aktuelle, gemeinsam mit der FAZ betriebene Recherche über die deutschen Sparkassen.

15.04.2016
Foto: Ivo Mayr
Markus Grill ist Chefredakteur des Recherchezentrums correctiv.org. Nach einer Ausbildung bei der Badischen Zeitung und der Arbeit dort als Korrespondent arbeitete er für Stern und Spiegel und erwarb sich den Ruf eines erfolgreichen Investigativjournalisten.

Correctiv.org arbeitet zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an einer großen Recherche über die Sparkassen. Der »Sparkassen-Check« dreht sich um deren Dispozinsen, die finanzielle Stabilität der Sparkassen, die Bezahlung der Vorstände und so weiter. Was sind Ihre wichtigsten Befunde bisher?

Grill: Erstens, wie stark sich die Sparkassen doch regional unterscheiden. Wir haben uns in einer ersten Auswertung zum Beispiel die Dispozinsen angeschaut und festgestellt, dass sie zwischen sechs und zwölf Prozent variieren – je nachdem, wo man wohnt. Zweitens hat mich persönlich überrascht, wie empfindlich die Sparkassen allein auf die Tatsache reagieren, dass über sie recherchiert wird. Es herrscht dort offenbar die Vorstellung, man gehöre innerhalb des Bankensystems zu den Guten, und womöglich werden deshalb schon kritische Fragen als Anmaßung empfunden.

Mich hat überrascht, wie empfindlich die Sparkassen auf die Tatsache reagieren, dass über sie recherchiert wird.

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Sie beziehen Leser, Surfer und Bürger in die Recherche ein. Wie funktioniert das?

Surfer nicht. Aber Leserinnen und Leser ja. Wir sind auf die Idee gekommen, als wir gesehen haben, wie der Guardian in Großbritannien einmal Leser dazu aufgerufen hat, einen nahezu unüberschaubaren Berg von Spesenabrechnung britischer Abgeordneter zu durchforsten. Wir haben in Deutschland etwas mehr als 400 Sparkassen, die alle eigenständig sind, die also alle einen eigenen Geschäftsbericht veröffentlichen, eigene Leistungen und Produkte anbieten, ihre Vorstände unterschiedlich honorieren und so weiter. Niemand hat bisher den Aufwand unternommen, diese Sparkassen untereinander zu vergleichen. Das geht auch nur, wenn wirklich die Daten zu allen 400 Sparkassen erhoben werden – eine Unternehmung, die keine Redaktion allein stemmen kann. Deshalb haben wir Leserinnen und Leser aufgerufen, uns zu helfen, die Daten aus den 400 Geschäftsberichten der deutschen Sparkassen in eine gemeinsame Datenbank einzugeben. In Onlinekursen erklären wir diesen Helfern zunächst die Grundlagen der journalistischen Arbeit und führen sie dann an die Besonderheiten der Sparkassen-Recherche heran. Bevor die Daten aber bei uns in der Datenbank veröffentlicht werden, durchlaufen sie ein Fact-Checking. Das heißt, wir überprüfen jede Eingabe noch einmal.

Correctiv will »investigativen, aufklärenden Journalismus für jeden Verlag, für jeden Sender in Deutschland erschwinglich und zugänglich machen«. Wesentlich finanziert werden Sie von der Brost-Stiftung: mit drei Millionen Euro in den ersten drei Jahren. Wer ist die Brost-Stiftung? Sind Sie in Ihrer Arbeit unabhängig?

Die Brost-Stiftung ist eine Stiftung aus dem Ruhrgebiet, die das Erbe eines Teils der WAZ-Gesellschafter verwaltet. Eine alte Verlagsstiftung also, die nun neuen Journalismus finanziert. Ich finde das großartig, dass ausgerechnet Verlagserben die Anschubfinanzierung der ersten nicht gewinnorientierten Investigativredaktion in Deutschland zu einem großen Teil übernehmen. Unsere Redaktion ist dabei von der Brost-Stiftung mindestens so unabhängig wie der Spiegel von seinen Anzeigenkunden. Das heißt, es gibt keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit. Anders kann eine Redaktion auch nicht funktionieren, die sich dem aufklärerischen Journalismus verpflichtet fühlt und Missstände in Politik, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft aufdecken will.

Wenn Sie aufklären wollen, warum machen Sie dann dieses Projekt mit der FAZ zusammen? Die FAZ hat selbst genügend Geld und produziert außerdem in allen Wirtschafts- und Finanzfragen das Gegenteil von Aufklärung. Das Hauptziel der FAZ dürfte darin bestehen, die öffentlich-rechtlich organisierten und eher gemeinnützig orientierten Sparkassen »in die Pfanne zu hauen«.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir von der gleichen Zeitung sprechen. Für mich ist die FAZ eine der großen Zeitungen in Deutschland, die exzellenten Journalismus macht und intern doch ziemlich pluralistisch ist. Wir sind mit dem Projekt auf die FAZ zugegangen. Und die FAZ hat darin vermutlich auch für sich eine Chance gesehen, einen modernen Weg im Journalismus zu beschreiten. Wir suchen uns bei jeder Recherche, die wir machen, einen eigenen Partner aus. Für die Sparkassen-Recherche scheint mir eine Zeitung mit so viel finanzpolitischem Sachverstand ein geradezu idealer Partner.

Werden Sie mit der FAZ auch einen »Deutsche Bank-Check« machen?

Wir haben das nicht in der Planung. Aber es spricht überhaupt nichts dagegen, dass wir mit der FAZ auch bei kritischen Recherchen über andere Großbanken wie die Deutsche Bank kooperieren.

Unsere Redaktion ist von der Brost-Stiftung mindestens so unabhängig wie der Spiegel von seinen Anzeigenkunden.

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Sie arbeiten mit großen Medien zusammen, auch mit öffentlich-rechtlichen. Haben die nicht genug Geld, um aufwändige Recherchen zu finanzieren? Fördern Sie also nicht die Falschen?

Wir bekommen von diesen Medien keinen Cent, wir verschenken unsere Recherche. Vielleicht nehmen Sie nur unsere großen Partner wie FAZ, Spiegel, Zeit, SZ oder NDR, WDR und MDR wahr. Tatsächlich aber kooperieren wir auch mit vielen Regionalzeitungen. Unsere TTIP-Recherchen, bei der wir, glaube ich, so gut sind wie keine andere Redaktion in Deutschland, erscheint zum Beispiel regelmäßig im Regionalzeitungen wie dem Tagesspiegel, dem Donaukurier oder der Heilbronner Stimme.

Mit welchen Medien arbeiten Sie aufgrund Ihrer Grundsätze nicht zusammen?

Wir arbeiten mit allen Medien zusammen, die sich in der Tradition des aufklärerischen Journalismus sehen, die also mehr wollen als nur unterhalten, die sich um gesellschaftlich relevante Themen kümmern und dabei seriös arbeiten.

Würden Sie auch mit den Nachdenkseiten, dem Neuen Deutschland, dem Freitag oder mit wichtigen linken Blogs zusammenarbeiten?

Mit dem Freitag arbeiten wir bisher schon häufig zusammen, auch gegen die anderen beiden Medien spricht nichts.

Seit correctiv besteht: Was waren Ihre drei wichtigsten Rechercheerfolge?

Erstens: die Recherche zum Abschuss des russischen Passagierflugzeug MH17 über der Ukraine. Zweitens: die diversen Veröffentlichungen zu TTIP – wir veröffentlichen da fortwährend so viele geheime Dokumente wie niemand anders. Drittens: die Recherche »Euros-für-Ärzte«, bei der wir herausgefunden haben, dass 17.000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland auf der Pay-Roll der Pharmaindustrie stehen und regelmäßig für medizinisch wertlose Studien bezahlt werden. Dazu haben wir erstmals eine Datenbank gebaut, in der jeder Patient nachschauen kann, ob auch sein Medikament mit diesen zweifelhaften Methoden in den Markt gedrückt wird.

Wer Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen will, was kann der tun?

Die Stiftungen, die uns bisher unterstützen, verstehen sich als Anfangsfinanziers. Diese Form des investigativen Journalismus, den wir machen, wird in Deutschland nur dann dauerhaft existieren, wenn wir möglichst viele Menschen finden, die bereit sind, uns monatlich als Fördermitglied zu unterstützen. Mit fünf Euro pro Monat kann man dabei sein unter correctiv.org/unterstuetzen.

Das Interview führte:

Wolfgang Storz

Kommunikationsberater