Wirtschaft
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Der verstreute Marxismus der Linkspartei

02.10.2018
Foto: oxiblog.de

Ist eine Partei mit elf Jahren alt genug, um eine eigene Tradition marxistischer Rezeption zu haben? Denn so alt ist die Linkspartei 2018 geworden. Die Antwort lautet: ja und nein. Alban Werner über verstreuten und anekdotischen Marx-Bezug.

Ist eine Partei mit elf Jahren alt genug, um eine eigene Tradition marxistischer Rezeption zu haben? Denn so alt ist die Linkspartei 2018 geworden. Die Antwort lautet: ja und nein.

Nein, weil elf Jahre dafür keine lange Zeit sind und weil viele Mitglieder der LINKEN vorher noch nie politisch aktiv waren. Doch ja, weil die Partei nicht ex nihilo entstand, sondern auch eine Vereinigung aus PDS und WASG darstellte. Die PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) ging aus der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) hervor. In der SED war der Marxismus zu einer Legitimationsdoktrin des ostdeutschen Staatssozialismus erstarrt. Wenn heute junge MarxistInnen die Lehrbücher des so genannten »Marxismus-Leninismus« lesen, haben sie schnell den Eindruck, in einer Karikatur zu blättern.

Die PDS wollte sich nach 1989/1990 irreversibel und glaubwürdig entstalinisieren. Zwar wurde der Marxismus nicht aus der Partei verbannt. Aber man beseitigte alle Strukturen, die auch nur entfernt so interpretiert werden konnte, dass damit die Mitgliedschaft indoktriniert werden sollte. Deswegen gab keine systematischen Schulungen mehr.

Der größte Kontakt mit Marxismus kam durch undogmatische Intellektuelle aus der ehemaligen DDR oder marxistische Professoren an westdeutschen Universitäten. Unter den Gründern der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit) fanden sich durchaus MarxistInnen, etwa aus dem marginalisierten marxistischen Flügel der Jusos. Viele andere kamen aber eher aus den sozialen Bewegungen gegen neoliberale Politik, Attac, Antikriegsbewegung usw. und waren nur selten mit Marxismus in Berührung gekommen. Bei den neu beigetreten Mitgliedern nach der Fusion zu DIE LINKE war eine marxistische Vorbildung noch seltener.

In der Folge gab es in der neuen Partei keine systematische marxistische Schulung, sondern unterschiedliche Initiativen, die untereinander nicht abgestimmt waren. Als erster startete der Studierendenverband der Partei (SDS) das Projekt, an den Hochschulen Lesekurse zu Marx »Das Kapital« zu etablieren. In manchen Kreisverbänden der Linkspartei konnte man auch das Glück haben, dass es einen marxistischen Dozenten an der Uni gab oder jemanden, der aus SPD-, DKP- oder SED-Zeiten eine richtige Schule bekommen hatte und das Wissen weitergeben wollte.

Damit aber war die Rezeption und Verbreitung des Marxismus abhängig von Traditionen, die der Linkspartei vorhergingen, oder von glücklichen Zufällen, die regional sehr unterschiedlich vorkamen.

Eine weitere Ursache dieser »verstreuten« Rezeption war, dass es bis heute kein publizistisches »Zentralorgan« gibt. Bei den Tageszeitungen teilen sich linke Leserschaften auf das »neue deutschland«, die »tageszeitung« und die »junge Welt« auf. Auch bei den Zeitschriften gibt es kein dominantes Format wie »New Left Review« oder früher »Marxism Today« in Großbritannien. Die vielen Publikationen wie »Sozialismus«, »Prokla«, »Z« stammen meistens aus der Zeit nach 1968 (mit Ausnahme des noch älteren »Das Argument«) und erreichen nur überschaubare Leserschaften.

So ergibt sich, dass es in der Linkspartei heute verschiedene Typen von Marxismus gibt: Auf unterschiedlichen Positionen, mit größerer oder geringerer Nähe zur Partei, mit permanenter oder episodischer Beschäftigung mit dem Marxismus, mit kleinem oder größerem Publikum.

Zu den professionellen Intellektuellen gehören die (nicht allzu vielen) ProfessorInnen an den Hochschulen, die sich nicht immer explizit als MarxistInnen identifizieren. Ihre Popularität in den Feuilletons deutscher Tages- und Wochenzeitungen des Mainstreams ist aber oft weit größer als die Reputation in ihren eigenen Fachkollegien.

Bei den kollektiven Intellektuellen finden wir die Autoren und Herausgeber linker Zeitschriften und immer häufiger auch der Online-Portale. Die Marx-Renaissance nach der Finanzkrise wurde von der der jüngere Generation oft über Online-Medien erschlossen. Zu den wichtigsten, leider nicht überall bekannten marxistischen Kollektivprojekten zählt das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus. Seit Gründung der Linkspartei wurde auch eine Abteilung zur politischen Bildung aufgebaut, in deren Seminare auch marxistische Inhalte einfließen.

Interessanterweise spielt Marxismus in allen Strömungen der Partei eine Rolle, aber ihre Funktionäre sind nie einheitlich marxistisch geschult. In der Partei und in Bewegungen trifft man auch intellektuell offene linke AktivistInnen, die nicht nur bzw. nicht in erster Linie, aber auch Marx und den Marxismus rezipieren. Wie offen sie dafür sind, liegt meist an ihrer politischen Sozialisation und daran, wie leicht sich ihre Themen mit Marx in Verbindung bringen lassen.

Auf den unterschiedlichen Ebene der Partei begegnet man immer wieder mal einem »anekdotischen« Marxismus, das heißt Marx wird zitiert, wenn man den Finanzmarktkapitalismus, Krisen oder Prekarisierung kritisieren will. Aber hinter dem Zitat steht selten eine fundierte Marx-Rezeption. Che Guevara paraphrasierend könnte man sagen, die Linkspartei schafft nicht eine, sondern zwei, drei, viele Marx-Rezeptionen – und sie sind in Tiefe und Reichweite sehr verschieden.

Alban Werner ist 1982 in Aachen geboren und war von 1999 bis 2004 Mitglied bei der SPD. Seit 2005 ist er bei der Linkspartei auf verschiedenen Ebenen aktiv. Der Politikwissenschaftler schreibt unter anderem in »Sozialismus« und »Das Argument«.

Geschrieben von:

Alban Werner