Wirtschaft
anders denken.

Deutsche Erben haben es gut. Kaum Steuern, keiner ist neidisch.

11.04.2017
Goldener HimmelFoto: Moyan Brenn / Flickr CC-BY 2.0 LizenzMehr Schein als Erbe: Gold als Inbegriff von Reichtum und Luxus.

Wenn es um die Ungleichheit geht, ist Deutschland unter den Industrienationen führend. Aufstiegschancen und Reichtum konzentrieren sich auf eine kleine, elitäre Gruppe. Der Rest sieht zu, wo er bleibt oder bleiben kann. Etwa drei Billionen Euro werden in den kommenden zehn Jahren vererbt. Wer nichts davon abbekommt, schaut dennoch fasziniert auf.

Die Reichen sind faszinierend, ich kenne das. Wie oft bin ich in ihren Häusern gewesen, in ihren Schulen, bei ihren Festen? Ich saß mit ihnen in Bars an warmen Abenden in der Karibik. Auf Inseln, die als Steueroasen Weltruhm erlangten und ließ mir erklären, warum es notwendig sei, dass ihr vieles Geld hier Zuflucht vor dem Finanzamt findet. Ich besichtigte mit ihnen die Schlösser, in denen ihre Kinder unterrichtet werden. Und ließ mir erläutern, warum ihr Nachwuchs eines Tages ganz selbstverständlich einen Platz an der Spitze beanspruchen wird. Ich stand in ihren Boutiquen, hielt in meinen Händen weiße Baumwollbabyunterwäsche für 145 Euro oder ein beiges Strickset für Krabbelkinder für 275 Euro und staunte, wie man so viel Geld für solche Dinge ausgeben kann.

Und neulich erst saß ich in der Lobby eines sehr, sehr teuren Hotels und beobachtete zwei Frauen, die sich kannten und dort zufällig trafen. Die eine zwei Kinder neben sich und die Leine zweier Hunde an der Hand. »Das ist die Mama von Kaspar und Amalia«, stellte sie ihren Kindern die Bekannte vor. »Und wer ist das?«, fragte die mit Blick auf die Hunde. »Lotte und Frida«, antwortete das Frauchen und ich dachte: Schau an. Die Reichen taufen ihre Hunde so wie die Mittelschicht ihre Kinder.

Wie werden Vermögen und Chancen ungleich verteilt?

Ein Blick ins Leben reicher Menschen ist für mich Reporterarbeit; oft ein voyeuristisches Vergnügen, aber natürlich immer auch, wie für fast alle, eine Art Druckbetankung in punkto Bedürfnisse: Wer ihre Inseln bereist, ihre Schulen besichtigt, ihre Häuser sieht, ihr Kaufverhalten studiert, den packt automatisch etwas, das oft als Neid diffamiert wird.

Ein, wie ich finde, unangebrachtes Label, das eine Frage disqualifizieren soll, die zu den ganz Wesentlichen einer jeden Gesellschaft gehört: Wer besitzt warum wie viel? Oder anders formuliert: In welchem Ausmaß und mit welcher Begründung werden Vermögen und Chancen ungleich verteilt?

Im Moment hat das Thema Ungleichheit wieder Konjunktur. 82 Prozent der Deutschen sagten in einer repräsentativen Studie, dass die soziale Ungleichheit in diesem Land zu groß sei. Drei Richter des Verfassungsgerichts appellierten in einem Sondervotum angesichts des Urteils zur Erbschaftssteuer an die Politik, diese möge über Instrumente nachdenken, die verhindern, »dass Reichtum in der Folge der Generationen in den Händen weniger kumuliert und allein aufgrund von Herkunft oder persönlicher Verbundenheit unverhältnismäßig anwächst.« Marcel Fratzscher, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hat dem Thema im Frühjahr 2016 ein Buch mit dem Titel Verteilungskampf gewidmet. Darin stellt er als einer der führenden Ökonomen des Landes noch einmal klar: »Deutschland ist heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt.« Insbesondere Aufstiegschancen und Vermögen seien in dieser boomenden, auf den ersten Blick kerngesunden Volkswirtschaft so ungleich verteilt wie nirgendwo sonst in der Eurozone.

Deutsche Erben haben es gut: Wenig Steuern, kein Neid. Ist das gerecht?

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Meiner Ansicht nach ist es richtig und notwendig, dass dieses Thema endlich wieder Debatten entfacht. Allerdings wage ich eine Prognose: Diese Diskussionen werden auch wieder verblassen, ohne dass sich an den Fakten etwas geändert haben wird.

Die Faszination der Vermögenden

Gerade habe ich das Buch »Listen, Liberal« des US-Autors Thomas Frank gelesen. Darin analysiert er, wie die Demokratische Partei der USA die einstmals natürliche Komplizenschaft mit den arbeitenden, den einfachen Leuten aufkündigte. Ein Buch, das man mit dem Wissen von heute nicht anders lesen kann, als eine Prophezeiung des Trump-Sieges.

Thomas Frank zitiert eine Rede von Bill Clinton aus dem Jahr 1992, als dieser noch nicht Präsident, sondern aufstrebender Kandidat aus einem ärmlichen Elternhaus in Arkansas war. Clinton sagte damals, es sei nicht hinnehmbar, dass die amerikanische Mittelschicht heutzutage mehr arbeiten müsse, am Ende aber weniger habe. Es sei nicht akzeptabel, dass das reichste eine Prozent der Amerikaner mehr besäße als 90 Prozent der Bevölkerung. Er beobachte mit Sorge das – wie er sagte – größte Ungleichgewicht der Vermögensverteilung seit der Großen Depression der 1920er-Jahre.

Es ist eine Rede, die er heute genauso halten könnte. Eine Rede, die heute genauso gehalten wird. Denn seit 1992 ist, auch den Präsidentschaften zweier Demokraten zum Trotz – oder, um den Blick zurück nach Deutschland zu wenden: obwohl es seit Ende der 1990er-Jahre eine fast ununterbrochene Regierungsbeteiligung von Sozialdemokraten gab – die Ungleichheit der Vermögen in den USA und in Deutschland keineswegs geschrumpft, sondern noch gewachsen.

Ich glaube, dass das, neben vielem anderen, auch mit unserem bewundernden Blick auf die Reichen zusammenhängt. Denn obwohl viele zu wissen behaupten, dass letztendlich strukturelle Bedingungen oder schlicht Glück zu Reichtum führt, erliegen sie doch oft der Faszination der Vermögenden. Gerade wird viel über ein Sample von »Millionärs-Charakterzügen«, gar ein »Millionärs-Gen« spekuliert, das ein Reichtumsforscher entdeckt zu haben meint. Demnach seien Superreiche selbstbewusster, risikofreudiger, extrovertierter, nervenstärker und konfliktfreudiger als der Durchschnitt. Viele Nicht-Reiche bewundern diesen vielfach offen zur Schau getragenen Drive und fragen sich: Haben die Reichen ihr Geld nicht doch verdient (obwohl 60 Prozent der Hochvermögenden Erben sind)? Müsste ich nicht einfach mehr sein wie sie, um Erfolg zu haben?

Das Geld sammelt sich immer oben

An den Fliesen in der Gästetoilette meines Elternhauses pappte ein Aufkleber mit einem Ausspruch von Bertolt Brecht: »Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.« In diesem banal klingenden Vers, stellt er eine Frage, die uns abtrainiert wurde: Wie hängt der Reichtum der einen mit der Armut der anderen zusammen?

Lange haben wir vor allem eine Antwort gehört: gar nicht. Es wurde gelehrt, dass Reichtum kein Nullsummenspiel sei, sondern, dass wir auf den Trickle-down-Effekt vertrauen sollten, also darauf, dass der Wohlstand der Reichen automatisch nach unten durchsickert und am Ende alle profitieren. Die Trickle-down-Theorie konnte man, wie die ZEIT zutreffend schreibt, vortrefflich dazu nutzen, um »das Anhäufen individueller Reichtümer zur guten Tat« zu verklären. So verteidigte zum Beispiel der frühere britische Handelsminister Peter Mandelson, der einst zusammen mit Bodo Hombach die vermeintlich neue Sozialdemokratie erfand, die finanziellen Exzesse der Londoner Banker mit den Worten: Er habe gar nichts dagegen, wenn in seinem Land Leute stinkreich würden. Sie sind stinkreich geworden. Und geben sich seither alle Mühe, dies auch zu bleiben. Nach unten durchgesickert ist wenig.

Stattdessen erleben wir eine weitere Polarisierung: Vor allem die oberen Einkommen wachsen stark. Vor allem die, die über Vermögen verfügen, konnten dieses vermehren. Wohlstand neu aufzubauen gelingt den wenigsten.

Um sich diese abstrakten Fakten klarer zu machen, hilft es, sich die Gesellschaft wie eine dreispurige Autobahn vorzustellen, auf der die Mittelschicht seit Jahren brav mit hundert Kilometern pro Stunde dahinrollt, die auf der Überholspur aber von 110 auf fast 200 beschleunigt haben. Da fühlt sich das eigene gleichbleibende Tempo dann eben so an, als bliebe man stehen. Und das ist ja auch das Gefühl vieler aus der Mitte, wenn sie, wie ich, auf die Reichen blicken: Man kann sich noch so mühen, mit noch so viel Energie das Gaspedal des eigenen Lebens treten; die, die schneller und schneller dahinrasen, wird man nie erreichen.

Vor allem die oberen Einkommen wachsen stark. Vor allem die, die über Vermögen verfügen, konnten dieses vermehren.

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Nun aber kommen wir zu dem Punkt, der mich über die Natur des Menschen rätseln lässt. Denn, bleiben wir im Bild: Was macht unser Durchschnittsfahrer angesichts dieser Lage? Protestiert er gegen die Raser? Kämpft er für ein Tempolimit? Nein, er schimpft auf die armen Schleicher auf der rechten Spur, die sich in ihren alten Wagen dahinquälen. Oder, wie es der Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Band Die Abstiegsgesellschaft formuliert. »Die Mitte kündigt die Solidarität mit den Schwächeren auf; indem sie sich abgrenzt, vergewissert sie sich ihrer selbst.«

Deutsche Erben leben in einem Steuerparadies

Ein Beispiel: Seit fast fünf Jahren recherchiere ich zur Bedeutung von Erbschaften in Deutschland. Ich habe mich durch das magere Datenmaterial gearbeitet, Studien ausgewertet, Experten gesprochen und – die größte Hürde – zahlreiche Erben interviewt. Geschätzte 250 Milliarden Euro werden in Deutschland Jahr für Jahr vererbt. Der Staat hält sich, anders als bei der Besteuerung von Arbeit, vornehm zurück. Gut fünf Milliarden Euro betrugen zuletzt die Einnahmen aus Erbschaftssteuer, das entspricht einer durchschnittlichen Steuerquote von zwei Prozent. Deutschland ist eine Steueroase für reiche Erben.

Gleichzeitig fällt es denen, deren Vorfahren ihnen kein Vermögen hinterlassen, sehr viel schwerer, aus eigener Kraft Wohlstand zu erarbeiten als den Generationen vor ihnen. Laut Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat die Lohnungleichheit zwischen Jung und Alt zwischen 1984 und 2008 zugenommen. In vielen Branchen hat sich ein Zwei-Klassensystem etabliert: Ältere Arbeitnehmer haben gute Verträge mit gutem Lohn, jüngere haben prekarisierte Jobs, weniger Geld und weniger Sicherheit. Wer dennoch etwas erspart, kann es in Zeiten dauerhafter Niedrigzinsen kaum vermehren. Schon heute müssen jüngere Arbeitnehmer einen sehr viel höheren Beitrag in die Renten- und Krankenkassen zahlen.

Wir beobachten also, wie sich in Deutschland zunehmend eine Kluft auftut. Zwischen denen, die in vermögende Elternhäuser hineingeboren wurden und denen, die aus eigener Anstrengung heraus bestehen müssen. Seit Jahren vergrößert sich der Abstand der ersten Gruppe zur zweiten. Statt Talent und Fleiß des Einzelnen entscheiden vermehrt Geburt und Vermögen der Familie darüber, wer in Deutschland zu den Wohlhabenden gehört. Eine Entwicklung, die die Vermögensungleichheit zementiert. Und damit doch auch, sollte man meinen, eine Entwicklung, die den oben zitierten 82 Prozent der Deutschen, die eben diese Ungleichheit beklagen, gegen den Strich gehen müsste.

Wie gesagt: Das sollte man meinen. Doch an diesem Punkt endet der Auftritt des gesunden Menschenverstands. Denn obwohl die Mehrheit der Deutschen selbst gar nichts oder sogar Schulden erbt, obwohl der Großteil der Erben mittlerer Vermögen durch die großzügigen Freibeträge von jeglicher Steuer befreit sind, sind je nach Umfrage zwischen 50 und 70 Prozent der Deutschen gegen jede Besteuerung von Erbschaften, also dagegen, dass die Nachkommen reicher Menschen im Erbfall einen Teil ihres Geldes an die Gemeinschaft abgeben.

Erbschaften dürfen nicht tabu bleiben

Im Frühjahr 2015 erschien mein Buch Wir Erben, seitdem las ich viele wütende Briefe und Mails. Viele schrieben aufgebracht. Ich sei unverschämt; nur, weil ich in meinem Leben versagt hätte (oder – noch ein wenig härter – nur, weil meine Eltern in ihrem Leben nichts auf die Reihe gekriegt hätten), würde ich nun anderen das wohlverdiente Erbe neiden und entreißen wollen. »Sie nerven!«, schrieben andere. »Wie dämlich sind Sie eigentlich?« Oder, immer wieder: »Sie treibt ja nur der Neid!«

Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, das schon lange versucht, Erklärungen für dieses vermeintlich widersprüchliche Verhalten zu finden – dass die breite Mehrheit Ungleichheit beklagt, steuerfreie Erbschaften aber, die diese Ungleichheit zementieren, mit Inbrunst verteidigt – untersuchte 350 Online-Kommentare, die binnen zweier Tage zu einem Interview einliefen, das ich Spiegel online anlässlich des Erscheinens meines Buches gegeben hatte. Auch hier waren 60 Prozent gegen eine Besteuerung von Erbschaften und brachten ihre Argumente mit, wie es die Wissenschaftler formulierten, »hoher Emotionalität zum Ausdruck«.

Kommentar 201: »Das übliche Umverteilungsgerede jener, die meinen, vom Leben benachteiligt zu sein«.

Kommentar 9: »Sorry – alle, die ständig nach dem Geld anderer schreien, sollten zuerst einmal einen Beruf erlernen, mit dem sich Geld verdienen lässt, und dann 10–20 Jahre 70–80 Stunden die Woche arbeiten.«

Oder, knapper, Kommentar 134: »Es ist eine Frechheit, es allen Ernstes für fair zu finden, dass der Staat nach meinem Tod mein Vermögen krallt.«

Steuern sind, wie könnte es anders sein, unbeliebt. Die wenigsten geben gerne ab. Viele treibt die Sorge, dass das, was sie dem Staat überweisen, versickert. Trotzdem nehmen die meisten Menschen Lohnsteuer, Umsatzsteuer, Grunderwerbsteuer oder KFZ-Steuer hin, wohl auch, weil sie eigentlich wissen, dass eine Gesellschaft ohne gemeinsame Kasse kaum funktioniert.

Solidarität mit reichen Erben?

Die Ablehnung der Erbschaftssteuer aber ist anders, radikaler, emotionaler, absolut. Und sie offenbart, darum ging es ja, eine schiefe Solidarisierung. Acht Prozent der Erben erhalten Schätzungen zufolge knapp 50 Prozent des vermachten Vermögens, also mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr. Ist es eine Frechheit, darüber nachzudenken, ob sie davon nicht mehr an die Allgemeinheit abgeben sollten, ob sich also der Staat nicht einen Teil des Vermögens »krallen« dürfte?

Um mehr für Schulen zu haben? Um diejenigen, die arbeiten, entlasten zu können? Um, wie es die Richter des Bundesverfassungsgerichts formulierten, zu verhindern »dass Reichtum in der Folge der Generationen in den Händen weniger kumuliert und allein aufgrund von Herkunft oder persönlicher Verbundenheit unverhältnismäßig anwächst«?

Kehren wir ein letztes Mal auf die Autobahn zurück: Vermögende Erben sitzen in vielen der Wagen, die in sich stetig steigernder Geschwindigkeit auf der Überholspur fahren. Wer Ungleichheit beklagt, sollte nicht der verständlichen Faszination für den Porsche, der auf der linken Spur vorbeirauscht, erliegen. Wer Ungleichheit beklagt, muss über eine Politik nachdenken, die geeignet wäre, Ungleichheit zu beseitigen.

Dieser Essay erschien in der Printausgabe 4/2017.

Literatur zum Weiterlesen:

Julia Friedrichs: Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht. Berlin Verlag, Berlin 2015, 320 Seiten, auch als E-Book

Marcel Fratzscher: Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird. Hanser Verlag, München 2016, 264 Seiten, auch als E-Book

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 263 Seiten

Thomas Frank: Listen, Liberal. What ever happened tot he Party oft he people? (engl.) Henry Holt & Co, New York City 2016, 320 Seiten,  auch als E-Book

Geschrieben von:

Julia Friedrichs

Autorin