Wirtschaft
anders denken.

Deutungshoheit und Definitionsmacht

05.10.2018
OXI

Die Debatte um die Nominierung von Achim Truger als kommender Wirtschaftsweiser zeigt: Die Mehrheit im Sachverständigenrat will ein Monopol auf Wissenschaftlichkeit des ökonomischen Denkens durchsetzen. Ein Gastbeitrag von Michael Wendl.

Die Kritik an Achim Truger ist ein Kampf um Deutungshoheit und Definitionsmacht. Die Mehrheit des Sachverständigenrates will ein Monopol auf Wissenschaftlichkeit des ökonomischen Denkens durchsetzen. Die Frage der Publikationen ist dabei nur vorgeschoben. Achim Truger  hat viel publiziert. In Zeitschriften, Sammelbänden, Forschungsberichten. 

Zuletzt hat er in einem Sammelband die Abschnitte Internationaler Handel, Globalisierung und Wechselkurstheorie in vier Standardlehrbüchern kritisiert (siehe  Till van Treeck/ Janina Urban (Hg.) Wirtschaft neu denken – Blinde Flecken der Lehrbuchökonomie, Berlin 2016). Dieses Buch gehört zu einer langen Reihe von Texten, die aus volkswirtschaftlicher, aber auch aus soziologischer oder wissenschaftstheoretischer Sicht die Wissenschaftlichkeit  des Mainstreams der deutschen Volkswirtschaftslehre in Frage stellen. 

Insofern sind viele der Standard-Ökonomen irritiert, dass sie dabei sind, die Deutungshoheit über ihr Fach zu verlieren. Hier ist die deutsche Volkswirtschaftslehre in einer international  einmaligen Position. Es gibt in den Institutionen dieser Disziplin kaum abweichende Sichtweisen zur Einheitsreligion der Neoklassik, außer einigen ordoliberalen Schrullen, die die Wissenschaft sich in der Tradition von Eucken und Erhard als typisch deutsche Volkswirtschaftslehre leistet. Mit dem Ausscheiden einer Reihe von Keynesianern, die in den 1960/70er Jahren berufen wurden, gibt es nur noch drei oder vier Keynesianer auf den Lehrstühlen der Universitäten. 

Eine ganze Generation von Keynesianern lehrt, wie Truger an Hochschulen oder wenn sie an Universitäten sind, lehren sie politische Ökonomie oder Sozioökonomie in politikwissenschaftlichen oder soziologischen Fachbereichen. Einige lehren in England, Kanada und den USA. Die meisten von ihnen sind fachlich besser, als ihre neoklassischen Kollegen, weil ihr Wissen viel breiter ist. Sie müssen sich erstens mit den verschiedenen Varianten der neoklassischen Lehre auseinandersetzen, die sie selbst auch lehren müssen, damit ihre Studenten wissen, was als die herrschende Sicht, die jeder Ökonom kennen muss, gilt. Dann haben sie einen Überblick über die theoretische Strömung, aus der sie selbst kommen, also aus einer nicht orthodoxen Sicht, die an Keynes, manchmal auch an Marx oder einen wichtigen Institutionalisten, wie Thorstein Veblen anknüpft. Dazu kommt, dass die meisten von ihnen empirisch arbeiten, weil die formalen Modelle der Neoklassik als unbrauchbar abgelehnt werden.

Die meisten neoklassisch orientierten Ökonomen nehmen die Forschung aus keynesianischer oder gar marxistischer Sicht nicht wahr, weil sie das in ihrem Machtbereich nicht brauchen. Weil sie meinen, die Deutungshoheit darüber zu haben, was ökonomische Wissenschaft ist, interessiert sie eine von ihren Ergebnissen abweichende oder diese sogar kritisierende Sicht nicht. Sie wollen sich damit auch nicht auseinandersetzen. Das zeigen die Jahresgutachten der vergangenen 30 Jahre. Jedes Jahr gab es abweichende andere Meinungen, zuletzt die von Peter Bofinger. Sie zu lesen, war für ökonomie-theoretisch Interessierte ein Vergnügen, weil er auf die Denkfehler der Mehrheit ständig hingewiesen hat.  Darüber hat es aber keine Debatte gegeben, weil sich die Mehrheit mit Kritik an ihrer Position nicht beschäftigen will. Sie hat das nicht nötig. Sie hat die institutionelle Macht in der akademischen Volkswirtschaftslehre in Deutschland. Dass Bofinger irgendwann ausscheiden wird, war abzusehen.

Jetzt kommt ein Neuer. Das Problem der Mehrheit des Sachverständigenrates damit ist ganz einfach: Die neoklassischen/ordoliberalen Sachverständigen sehen in Truger keinen der ihren. Das soll er auch nicht sein. Deshalb haben die Gewerkschaften hier ein Vorschlagsrecht.  Auch der Verweis auf internationale Fachzeitschriften, die alle eine eine neoklassische Ausrichtung haben ist absurd. Es gibt andere Fachzeitschriften für ökonomische Fragen, die eine keynesianische, institutionalistische, feministische oder sogar marxistische Ausrichtung haben oder einfach pluralistisch sind. Aus der neoklassischen Sicht zählen diese Zeitschriften einfach nicht. 

Es ist ein einfacher Trick. Die Volkswirtschaftslehre wird auseinandergeschnitten: In einen Teil der den neoklassischen Dogmen entspricht und in einen anderen Teil, den es nicht gibt und der deshalb nicht beachtet werden muss. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist das mehr als absurd. Dabei ist die Volkswirtschaftslehre ein Sonderfall der Sozialwissenschaften, eine Soziologie der kommerziellen Beziehungen (Hans Albert) oder die Wirtschaft der Gesellschaft als Subsystem einer Gesellschaft (Niklas Luhmann). Wenn wir das deutschen Ökonomen sagen, lässt sie das kalt. Sie sind überzeugt, dass Soziologie und Wissenschaftstheorie keine Wissenschaften in ihren Sinn sind. Wer eine Religion vertritt, hat damit sogar Recht.«

Michael Wendl ist Ökonom, Soziologe, Gewerkschafter und Mitherausgeber der Zeitschrift »Sozialismus«, er war Mitglied der SPD, trat dann zur Linkspartei über – und ist inzwischen wieder bei den Sozialdemokraten organisiert. Von ihm erschien unter anderem: »Machttheorie oder Werttheorie. Die Wiederkehr eines einfachen Marxismus« (bei VSA Hamburg).

Geschrieben von:

Michael Wendl
Michael Wendl

Mitherausgeber von »Sozialismus«