Wirtschaft
anders denken.

Die Erfindung der sozialen Marktwirtschaft

03.09.2016
Produktion des VW Käfers in Wolfsburg 1960Credit: Roger W / Flickr CC-BY-SA 2.0 LizenzDer Klebstoff, der Freiheit und Sozialismus verbinden sollte: Autos für jedermann.

In ihrer Reihe zum Diskurs über politische Ökonomie beschäftigten sich Hans-Jürgen Arlt und Kathrin Gerlof jüngst mit »Marktwirtschaft« und »Kapitalismus«. Eine historische Einordnung.

Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft ist das Ergebnis einer Krise, und deren PropagandistInnen erinnern sich in Krisen und Wahlkampfzeiten gerne dieser Idee und rühmen sie. Auch Angela Merkel tut das sehr gern. Die »Ahnenforschung« der neueren deutschen Ideologie von der sozialen Marktwirtschaft ist eine kerndeutsche Angelegenheit.

Diese Ideologie verdankt ihre Erfindung der katastrophalen Krise nach 1945. An die »Laissez-faire«-Ideologie konnte damals aus einsichtigen Gründen so wenig angeknüpft werden wie an die nationalsozialistisch-privatkapitalistische Kommando-, Zwangsarbeiter- und Annexionswirtschaft. Der urliberale Ökonom Wilhelm Röpke plädierte deshalb 1947 für eine Synthese jenseits von »wirtschaftlichem Liberalismus« und »Zentralverwaltungswirtschaft«. Darin stimmten ihm auch andere WirtschaftswissenschaftlerInnen zu.

Zwischending zwischen Liberalismus und Sozialismus?

Wie jedoch die neue Synthese zwischen staatlich gelenkter und freier Wirtschaft zu konzipieren sei, blieb strittig. Die meisten sprachen zunächst von »Verkehrswirtschaft« oder von »Marktwirtschaft«. Der Freiburger Ökonom Walter Eucken entwickelte den für das neue Konzept zentralen, hochspekulativen Begriff des »Ordo«.

Darunter verstand er nicht nur eine »konkrete, positive, gegebene Tatsache«, sondern »eine Ordnung, die dem Wesen des Menschen und der Seele entspricht, … in der Maß und Gleichgewicht« herrschen und die sich als »sinnvolle Zusammenführung des Mannigfaltigen zu einem Ganzen« begreifen ließ. Der Begriff »Ordo« verbreitete sich schnell, aber über die Strukturen, Institutionen, Maßnahmen und Kompetenzverteilungen im herzustellenden Ganzen gingen die Ansichten auseinander.

Stichwortgeber ist ein NSDAP-Professor

In dieser Situation brachte der Ökonom Alfred Müller-Armack in einem Gutachten zu »einer neuen Marktgestaltung« im April 1947 den Begriff »soziale Marktwirtschaft« ins Gespräch. Müller-Armack war zuvor gleich im Jahr 1933 NSDAP-Mitglied geworden und erklärte in ebenjenem Jahr in seinem Buch »Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich«, was ihm das neue Regime bedeutete. Nach 1945 trat er der CDU bei und stützte so seine gesellschaftliche Position als Professor. Für den über Nacht zum CDU-Müller-Armack mutierten Autor verpuppte sich die alte »Staatsidee« zur »sozialen Marktwirtschaft« und angesichts der prekären Versorgungslage im besetzten Deutschland zur »Übergangsregelung zur freien Marktwirtschaft«, so seine Erläuterungen Ende Juli 1947.

Noch zwei Monate zuvor hatte er diesen Begriff der sozialen Marktwirtschaft nicht explizit verwendet: »Wir bedürfen einer neuartigen Synthese von Sicherheit und Freiheit, die uns … befähigt, mehr Sozialismus mit mehr Freiheit zu verbinden. Dies dürfte jedoch nur auf dem Boden einer sozial gesteuerten Marktwirtschaft möglich sein.« Noch 1959 beklagte sich Müller-Armack über die mangelnde »Beschäftigung mit den der sozialen Marktwirtschaft zugrunde liegenden theoretischen Gedankengängen«. Dabei ist es geblieben.

Wie sich die Politik das vage Konzept aneignete

Trotzdem schaffte der Begriff den Durchbruch. Wie konnte sich ein Konzept durchsetzen und über sechzig Jahre halten, das über kein theoretisches Fundament verfügt und – zunächst – über keine erfolgreiche Praxis? Antwort: Die Politik machte sich das vage Konzept entschlossen zu eigen.

Die CDU zog mit dem Slogan »soziale Marktwirtschaft« bereits 1949 in den ersten Bundestagswahlkampf und wurde stärkste Partei. In den »Düsseldorfer Leitsätzen« wurde »soziale Marktwirtschaft« als Mitte zwischen »Planwirtschaft« und »freier Wirtschaft« definiert. Die Partei distanzierte sich darin ausdrücklich von der »so genannten ›freien Wirtschaft‹ liberalistischer Prägung« und forderte ein »System von Ordnungsmitteln.«

Volkmar Muthesius, einer der rührigsten Protagonisten der sozialen Marktwirtschaft, popularisierte die »neue« Lehre: »Die Gesellschaft beruht auf der Tatsache, dass jeder verdient, was er verdient. Das ist Gerechtigkeit.« Dass der soziale Kern damit aus dem »neuen« Konzept herausdefiniert wurde, fiel in der Zeit des Wirtschaftswunders so wenig auf wie bei der sozialdemokratischen Konstruktion der Agenda 2010, deren Kern Volkmar Muthesius bereits 1948 auf den Punkt brachte.

 

Literatur: Rudolf Walther, Art. Exkurs: Wirtschaftlicher Liberalismus, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprach in Deutschland, herausgegeben von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck, Bd. 3, Stuttgart 1982, Seiten 787-815.

Geschrieben von:

Rudolf Walther

Historiker