Wirtschaft
anders denken.

Die Gnade der lokalen Geburt

16.07.2020
Ludek, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Nationalität als Rente: zum falschen Verdacht, Migration bedrohe »unseren« Reichtum. Dieser Beitrag ist in OXI 07/2020 mit dem Schwerpunkt Migration erschienen.

Gegenüber Migranten wird oft der Verdacht geäußert, sie wollten hierher, um an »unserem« Reichtum teilzuhaben – an einem Reichtum, den »wir« uns erarbeitet hätten. Aus dieser Perspektive erscheint Migration als unberechtigter Zugriff auf deutschen Wohlstand. Dahinter steht der Gedanke, dass Deutschland reich ist, weil die Deutschen so fleißig sind und daher gut verdienen. In der Armut anderer Länder und Menschen wiederum spiegele sich ein Mangel an Leistungsfähigkeit.

Dabei ist es umgekehrt: Nicht die individuelle Leistung der Deutschen macht sie wohlhabend. Sondern sie sind wohlhabend, weil sie in Deutschland geboren wurden. Sie kassieren etwas, was der Ökonom Branko Milanovic´ »citizenship rent« nennt – ein leistungsloses Einkommen dank ihrer Staatsbürgerschaft.

»Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts«, schrieb der Inhaber des Lehrstuhls für ausländisches und europäisches Privat- und Verfahrensrecht an der Universität Leipzig, Thomas Rauscher. »Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben.«

Ähnlich gebaut sind Argumentationen gegenüber Südeuropa: »Deutschland hat zwar auch hohe Schulden – aber wir können sie auch begleichen. Weil wir morgens ziemlich früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten«, schrieb die »Bild«-Zeitung im März 2010 an den griechischen Ministerpräsidenten. Und die »Neue Zürcher Zeitung« mahnte zehn Jahre später: Um ihren »riesigen Schuldenberg abzubauen, werden wohl auch die Italiener selber anpacken müssen«.

Das gezeichnete Bild ist klar: »Wir« im Norden sind fleißig und leistungsfähig, daraus entstehen »unsere« relativ hohen Einkommen, die in der Summe das hohe Bruttoinlandsprodukt ergeben, also die Gesamtheit aller Einkommen eines Landes. Gegen diese Weltanschauung lässt sich einiges vorbringen. Zum Beispiel, dass im Süden Europas länger gearbeitet wird als in Deutschland. Dass die Anstrengungen einer Flucht aus Afrika nach Europa nicht gerade dafür sprechen, dass die Geflüchteten an Phlegma leiden. Oder dass ganz allgemein zwischen Einkommen und Leistung kein Zusammenhang hergestellt werden kann, da auch die ökonomische Wissenschaft gar nicht in der Lage ist, den Wert einer individuellen Arbeitsleistung überhaupt zu berechnen.

Auf einen anderen Punkt macht der Ungleichheitsforscher Milanovic´ aufmerksam: Er zerlegt die Unterschiede bei den Einkommen weltweit in »Klassen-Ungleichheit« auf der einen Seite, also die Ungleichheit innerhalb von Ländern; und auf der anderen Seite in »Standort-Ungleichheit«, also die Ungleichheit zwischen Ländern. Sein Ergebnis: Der bei Weitem wichtigste Faktor zur Erklärung der globalen Einkommensunterschiede ist die Standort-Ungleichheit, also die Differenz zwischen den mittleren Einkommen beispielsweise in Afrika und in Nordeuropa.

So gehört ein Durchschnittsverdiener in der Schweiz zu den global reichsten 5 Prozent, ein Durchschnittsverdiener in Madagaskar dagegen zu den ärmsten 10 Prozent. Sprich: Das Einkommen richtet sich nach dem Ort, an dem man lebt. »Wenn zwei Drittel oder drei Viertel unseres Lebenseinkommens durch unsere Staatsbürgerschaft bestimmt werden«, schließt Milanovic´, »dann gibt es erstens global keine Chancengleichheit und zweitens kann man Staatsbürgerschaft als >Rente< bezeichnen, also als ein Einkommen, das unabhängig ist von den individuellen Wünschen und Bemühungen.«

Wie viel Geld ein Mensch verdient, hängt also im Wesentlichen davon ab, wo er auf die Welt kommt, denn etwa 97 Prozent der Menschen bleiben in dem Land, in dem sie geboren werden. Das ist laut Milanovic´ nicht immer so gewesen. Noch im 19. Jahrhundert sei die Klassen-Ungleichheit die dominierende gewesen.

Heute dagegen kassierten die Menschen im Norden eine hohe Staatsbürgerschafts-Prämie, im globalen Süden dagegen werde ihnen eine Staatsbürgerschafts-Strafe auferlegt. Diese Differenz treibe offensichtlich die Migration an: »Menschen aus armen Ländern können ihr Einkommen verdoppeln oder verdreifachen, indem sie in ein reiches Land ziehen.« Migration sei in dieser Hinsicht nichts weiter als der Versuch, die Staatsbürgerschafts-Prämie zu verwässern, also breiter zu verteilen.

Einige Menschen im politisch rechten Spektrum hegen den Verdacht, die Bundesregierung betreibe über eine liberale Migrationspolitik einen schrittweisen »Bevölkerungsaustausch« zwischen Deutschland und dem Ausland. Dies entspricht zwar nicht den Fakten. Klar ist aber: Selbst wenn dieser Austausch stattfände und Europa irgendwann von Afrikanern bevölkert wäre, so würden weder die Europäer ihr hohes Einkommen nach Afrika mitbringen noch die Afrikaner ihr niedriges Einkommen nach Europa. Europa bliebe so reich wie zuvor und Afrika so arm wie zuvor – obwohl dort dann lauter »fleißige« Deutsche leben würden.

Denn der größte Wille zur Arbeit nützt nichts, wenn man in einem Land lebt, das zu den Weltmarktverlierern gehört. Den Deutschen bliebe dann nichts weiter übrig als die Flucht – nach Europa.

Wie viel Geld ein Mensch verdient, hängt also im Wesentlichen davon ab, wo er auf die Welt kommt.

Geschrieben von:

Stephan Kaufmann

Journalist