Wirtschaft
anders denken.

Die Griechen provozieren!

04.11.2016
belebter Platz in AthenFoto: János Korom / Flickr CC-BY 2.0 LizenzNormaler Alltag in Athen, wie er sich darstellt und wie man ihn darstellen kann.

Die journalistische Arbeit von ARD und ZDF nimmt eine fundierte wissenschaftliche Studie am Beispiel der Griechenland-Berichterstattung des Jahres 2015 unter die Lupe. Note für die Studie: Eins minus. Note für die Berichterstattung: mangelhaft, Fünf plus.

Dass sich der deutsche Journalismus mit seiner Griechenland-Berichterstattung blamiert hat, wurde wissenschaftlich bereits aufgezeigt für das erste Halbjahr 2015 am Beispiel der Tageszeitungen Die Welt, BILD, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung und taz sowie der Onlineplattform Spiegel online. Siehe OXI Blog. Eine gesonderte Analyse der BILD-Darstellung der Griechenland- und Eurokrise 2010 kam zu dem Ergebnis »alles Meinung und Werturteil«. Und wie steht es um die öffentlich-rechtliche Berichterstattung?

»Die Griechen provozieren!« ist der Titel einer Studie der Otto Brenner Stiftung, welche Nachrichtensendungen der ARD und des ZDF aus dem Jahr 2015 auf die journalistische Qualität der Griechenland-Berichterstattung hin untersucht hat. 615 Beiträge aus Tagesschau und dem ARD-Brennpunkt sowie aus heute und dem ZDF-Spezial bilden das Untersuchungsmaterial, das ein Forscherteam um den Würzburger Professor für Wirtschaftsjournalismus, Kim Otto, nach allen Regeln einer beschreibenden Inhaltsanalyse bearbeitet hat.

Gebot fairer Berichterstattung nur teilweise erfüllt

Die Qualitätsanforderungen an den öffentlich-rechtlichen Journalismus sind gesetzlich festgehalten. Ausgewogenheit, das Gebot einer fairen und unabhängigen Berichterstattung und die Verpflichtung zur Überparteilichkeit lauten die Ankerpunkte. Das Fazit der Analyse: Die Qualitätsanforderungen wurden nur teilweise erfüllt. »Die festgestellten Verletzungen zentraler Qualitätskriterien wie Neutralität, Ausgewogenheit und Hintergrundberichterstattung (…) weisen auf Mängel in der journalistischen Professionalität hin.« Die Studie rechnet ihre Kritik im Detail vor und belegt sie statistisch in zahlreichen Tabellen und Abbildungen.

Insgesamt schneiden die Sondersendungen Brennpunkt und ZDF-Spezial schlechter ab als die klassischen Nachrichtensendungen.

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Insgesamt schneiden die Sondersendungen Brennpunkt und ZDF-Spezial schlechter ab als die klassischen Nachrichtensendungen. Die Sondersendungen haben nicht nur die Kriterien der Ausgewogenheit und der Neutralität stärker verletzt, sie haben zudem den Anspruch an Hintergrundgrundberichterstattung gerade nicht erfüllt. Thematisch waren die Sendungen zu eng angelegt, es ging fast nur um Haushaltspolitik. Die vielen anderen Felder der griechischen Reformpolitik wie Tarif- und Lohnpolitik, Sozial- und Rechtspolitik blieben marginal. Dass die griechische Regierung insgesamt weniger zu Wort kam und negativer beurteilt wurde als die deutsche, ist ein Befund, auf den man auch ohne Wissenschaft kommen kann – aber es mit Zahlen und Daten nachgerechnet zu bekommen, hat doch ein anderes Gewicht.

Kim Otto, Andreas Köhler, Kristin Baars: Die Griechen provozieren! Die öffentlich-rechtliche Berichterstattung über die griechische Staatsschuldenkrise. Eine Studie der Otto Brenner Stiftung. Frankfurt/M. 2016, 126 Seiten.

Geschrieben von:

Hans-Jürgen Arlt

Professor für strategische Organisationskommunikation