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Die große Wanderung

22.03.2017
Foto: Zlatko Vickovic Die Städte in Südosteuropa werden immer leerer.

Aus Südosteuropa geht eine ganze Generation nach Westen, um dort zu arbeiten. Es bleiben zurück: die Alten und Städte, die immer leerer werden.

Wie man einen Businessplan macht, weiß Ornela schon. Bald will sie dann ein »successful and innovative entrepreneur« sein, sagt die 23-Jährige in flüssigem Englisch und streicht ihr faltenlos glattes Courrèges-Kleidchen noch ein bisschen glatter. Erst einmal will sie aber ihren Master in Betriebswirtschaft machen, sagt die zierliche Businessfrau der Zukunft, »am liebsten in Deutschland“, schlägt gemessen die Beine übereinander und reckt selbstbewusst das Kinn.

Wer glaubt, er wüsste etwas über den Balkan, war noch nicht in Bucimas. Am Rande des armseligen Dorfes im wilden Westen Albaniens steht die private Nehemiah Gateway University. Den Campus würde man eher in Kalifornien erwarten: Moderne Gebäude mit strahlend hellen Unterrichtsräumen und ebenso lässigen wie ambitionierten Studenten, Security an der Pforte, ein Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten. Ornela Corbaxhi, die hier demnächst ihren Bachelor macht, kommt aus Pogradec, der nahen Kleinstadt mit ihren bröckelnden sozialistischen Wohnblöcken und metertiefen Schlaglöchern. Die Welt, die sie im Studium kennengelernt hat, wird sie kaum so leicht wieder verlassen.

Dass Ornela bald in Deutschland arbeitet, ist nach der Statistik sehr wahrscheinlich. Dass sie irgendwann zurückkehrt, dagegen nicht. Aus Albanien sind seit 1990 geschätzte 45 Prozent der Hochschulabsolventen ins Ausland gegangen und 65 Prozent der Promovierten. Wer ihnen nachfolgen will, tut gut daran, sich frühzeitig vorzubereiten.

Es sind vor allem Hochschulabsolventen

Alle Länder in Südosteuropa, ob EU-Mitglied oder nicht, kämpfen gegen einen gewaltigen Braindrain an. Englisch- und Deutschkurse sind überfüllt. Aus Serbien, so der Belgrader Bevölkerungsforscher Vladimir Greić, sind in den letzten zwei Jahrzehnten 300.000 frisch ausgebildete junge Leute, darunter 40.000 Hochschulabsolventen, ins Ausland abgewandert – unter Mitnahme einer Qualifikation, die das verarmte Land rund 12 Milliarden Euro gekostet hat. In Kroatien hat der Bildungsminister vorgeschlagen, von auswandernden Medizinern einen Teil der Studienkosten zurückzuverlangen.

Die Hoffnung, dass die gebildeten Emigranten irgendwann »remigrieren« und ihr Wissen und ihre Erfahrung zurück in die Heimat tragen, hat sich nicht erfüllt. »Sie kommen zurück und merken: Ich bin dreimal so gut wie mein Chef«, beobachtet Frank Hantke, der sich für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Tirana mit Arbeitskräften und Berufsausbildung beschäftigt. »Und dann gehen sie wieder.«

»Später«, sagt Ornela, ganz die künftige Unternehmerin, »will ich dann auch in mein eigenes Land investieren.« Aber ihr Bildungsplan macht eine mögliche Rückkehr unwahrscheinlich. Schon bei der Wahl des Studienfachs orientieren sich junge Leute vom Balkan von vornherein an einem tatsächlichen oder bloß imaginierten deutschen oder sonstigen westeuropäischen, aber nicht am heimischen Arbeitsmarkt. So führte der Run auf das Medizinstudium im bosnischen Tuzla zur Einrichtung dreier neuer Klassen. Die anglistischen, selbst die germanistischen Seminare sind voll – und das, obwohl der deutsche Bedarf an Deutschlehrern mit serbischer oder albanischer Muttersprache gegen null geht.

Während im Westen, in Ländern wie Frankreich und Deutschland die Armutsmigration aus Roma-Slums die Gemüter erregt, ist im Osten und vor allem im Südosten des Kontinents die massenhafte Auswanderung der Jungen und der gut Ausgebildeten das Thema.

Die Bevölkerung schrumpft

Tatsächlich geht nicht nur eine Bildungsschicht, es geht eher eine ganze Generation. Zurück bleiben die Alten. Kroatien mit seinen 1,2 Millionen Arbeitsplätzen verliert seit dem EU-Beitritt 2013 jährlich rund 25.000 Einwohner, immer häufiger ganze Familien. Dabei schwindet in allen Ländern der Region schon seit der Wende um das Jahr 1990 die Bevölkerung, zum kleineren Teil wegen der sinkenden Geburtenrate. Zum größeren Teil wegen der Emigration: Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung von Rumänien und Mazedonien leben dauerhaft im Ausland; Rumänen lassen sich vor allem in Italien, Spanien und Frankreich nieder. Von den Kosovaren lebt jeder zehnte allein in Deutschland – das, obwohl sie als Einzige schon für eine Reise in den Schengen-Raum ein Visum brauchen.

Die Regierungen halten sich mit der Klage über den Exodus zurück. Sie denken, anders als die Auswanderer, an den heutigen Tag, höchstens an morgen statt an die fernere Zukunft: Eher heimlich freuen sie sich über die Entlastung für den Arbeitsmarkt und auf die Rücküberweisungen der Ausgewanderten nach Hause – in den Balkanländern machen sie zwischen 20 und 50 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts aus. Laute Klage gegen die »weiße Pest«, wie der Bevölkerungsrückgang genannt wird, führen dagegen nationalistische Parteien und Organisationen – und neuerdings auch die kroatische Handelskammer, deren Mitglieder vergeblich nach qualifiziertem Personal im Tourismus suchen. Trotz der vielen Wegzüge bleibt die Arbeitslosigkeit in fast allen Ländern der Region hoch: Um die 25 Prozent liegt sie in Bosnien und Mazedonien, de facto bei mehr als 50 Prozent im Kosovo und bei immer noch 15 Prozent in Serbien und Albanien. Auswanderung und Arbeitslosigkeit verhalten sich nicht wie in kommunizierenden Röhren. Sie sind vielmehr zwei Übel – mit derselben Ursache.

Krieg und Sanktionen haben in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens die Industrie nachhaltig zerstört – direkt oder durch den Wegfall der Märkte und Handelsbeziehungen. Selbst im EU-Land Kroatien hat die Industrieproduktion noch nicht einmal das Vorkriegsniveau wieder erreicht. In Serbien sind seit den 1990er-Jahren etwa eine Million Industriearbeitsplätze weggefallen – bei sieben Millionen Einwohnern. Entsprechend schwach fällt die Qualifikation der nachwachsenden Arbeitnehmer aus. Eine duale Berufsausbildung gibt es nicht, schon mangels geeigneter Betriebe. Das Lehrpersonal in den Fachschulen ist überaltert, schlecht bezahlt und ohne eigene praktische Erfahrung. So bleibt für viele Junge aus den ärmeren Balkanländern nur der Niedriglohnsektor in Deutschland als Alternative zur Arbeitslosigkeit zu Hause. Einen Weg dorthin gibt es immer: Für Bulgaren, Rumänen, Kroaten gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Mazedonier, die in den Westen gehen, besorgen sich bulgarische, Bosnier kroatische und Albaner griechische Pässe.

Dem Kosovo, Schlusslicht unter den Balkanstaaten, haben seit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 etwa eine Million Menschen den Rücken gekehrt – 1,7 Millionen leben noch dort. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei weniger als einem Zehntel des EU-Schnitts. Jeder zweite Kosovare lebt von weniger als 1,40 Euro am Tag, jedes sechste Kind ist unterernährt. Nach Zahlen der Weltbank besuchen 35 Prozent der 15- bis 24-Jährigen weder eine Schule oder Universität, noch gehen sie einer Beschäftigung nach. Dabei hat das Land, ganz im Kontrast zu seinen vergreisenden Nachbarn, die jüngste Bevölkerung Europas. Jedes Jahr kommen 30.000 Kinder zur Welt, und bis zu 50.000 junge Schulabgänger drängen auf einen kaum wahrnehmbaren Arbeitsmarkt.

Wenn der Euro nicht zu den Menschen kommt, gehen die Menschen eben zum Euro.

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Die Löhne sind zu niedrig

Aber nicht nur Arbeitslose aus den ärmsten Gebieten der Region wandern aus. »Die jungen Leute haben begriffen, dass ihre Arbeitskraft auf dem Balkan nicht geschätzt wird«, so die kroatische Migrationsforscherin Silva Mežnari. »Deshalb organisieren sie sich ihr Leben woanders.« Wie in allen Balkanländern gelten auch in Kroatien als wichtigste Qualifikationen Verwandtschaft und Parteibuch.

Dušan Reljič, Balkanexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, bietet für die Auswanderung auch der Bessergestellten eine grundsätzliche Erklärung an: Die Osteuropäer befänden sich in der »Einkommensfalle«. Selbst in EU-Ländern mit ansehnlicher Industrie, etwa der Slowakei, komme man über 600 Euro im Monat kaum hinaus – für jemanden, der für das Auto oder das Handy Preise auf deutschem Niveau zahlt, ein trauriger Lohn. Besserung ist nicht in Sicht. »Und«, folgert Reljić, »wenn der Euro nicht zu den Menschen kommt, gehen die Menschen eben zum Euro.«

Anders als die EU-Staaten haben die sechs armen Balkanländer, die der Union erst noch beitreten wollen, keinen Zugang zu den großen EU-Strukturfonds, die das Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern in Europa ausgleichen sollen. Zölle auf Waren aus der EU dürfen sie im Vorgriff auf den Beitritt keine erheben. So häufen sie gegenüber dem Westen, besonders gegenüber Deutschland, ein enormes Leistungsdefizit an, denn sie importieren mangels eigener Produktion Waren so gut wie aller Art: von Autos und Handys bis hin zu Tomaten und Streichhölzern. Selbst haben sie aber kaum Güter und Dienstleistungen anzubieten, die sie in die reicheren EU-Staaten verkaufen, also exportieren könnten. Das Defizit wiederum können sie nur mit Krediten kompensieren. Kredite sind teuer, weil die Banken, zu 90 Prozent Tochterinstitute von EU-Banken, nicht über die gleichen Absicherungen verfügen wie die Mütter im Westen. Für Investitionen, mit denen die Balkanstaaten eines Tages konkurrenzfähig werden könnten, bleibt nichts übrig. Der Balkan sei »längst Teil des gemeinsamen Marktes«, sagt Relji, nicht nur des Arbeitsmarktes. »Er hat nur nicht die gleichen Konditionen.«

Das Ziel: billige Arbeitskräfte

Investitionen von westlichen Unternehmen in diese Billiglohnländer in oder am Rande der EU schaffen nur zeitweise Entlastung. Denn: »Die einzigen Konkurrenzvorteile der osteuropäischen Staaten im gemeinsamen Markt sind niedrige Steuern und billige Arbeitskräfte«, sagt Dušan Reljić. Wird die Arbeit zu teuer, gehen die Investoren weiter, meistens nach Asien. Damit das nicht passiert, bleiben die Löhne niedrig. Ein Teufelskreislauf.

Ein Beispiel. Anfang 2008 blühte in Rumänien, damals gerade seit einem Jahr EU-Mitglied, noch die Illusion von nachhaltiger Entwicklung: Der finnische Telekomkonzern Nokia eröffnete in Jucu im Nordwesten des Landes, nahe der Großstadt Cluj, ein Werk, das bei vollem Ausbau 7.500 Menschen beschäftigen sollte. Schon im Jahr darauf verlegte der Autokabelhersteller – und VW-Kunde – seine Produktion aus Cluj nach Marokko. Der Grund: Auch Rumänen verlangten nach dem EU-Beitritt ihres Landes angemessene Löhne. 2011 ging Nokia wieder ganz weg – nach Asien und unter Zurücklassung einer aus öffentlichen Mitteln erbauten Autobahn ins Dorf Jucu sowie Steuerschulden in Höhe von zehn Millionen Euro. Andere Staaten der Region wissen von vornherein, dass sie nur mit sehr niedrigen Löhnen und sehr niedrigen Steuern überhaupt Privatinvestoren anlocken können – und müssen Rumäniens Erfahrung mit diesem »Karawanen-Kapitalismus« selbst gar nicht erst machen.

Da sind die Europäer im Osten weiter als ihre Regierungen – sie halten es wie in den Vereinigten Staaten. Dort findet ja auch niemand etwas dabei, dass man in Kalifornien oder Colorado studiert, in Pennsylvania oder New York arbeitet und in Florida die Rente verzehrt. Und so blicken die Bevölkerungen des Balkans auch auf sich und die weite, große Europäische Union. Das zentrale Merkmal einer gemeinsamen Volkswirtschaft – die Währung – liegt ja schon vor: Kosovo und Montenegro zahlen mit Euro, in Bosnien und Bulgarien hat die D-Mark als Halb-Euro überlebt. In allen anderen Ländern der Region ist der Euro die Schattenwährung: Unternehmen wickeln ihre Geschäfte miteinander in Euro ab, selbst die Preise privater Autos werden in Euro annonciert. Entscheidungen der Europäischen Zentralbank und der Eurozone betreffen also den Südosten beinahe uneingeschränkt mit.

Wie könnte die Europäische Union diesen Exodus aufhalten? Die Reisefreiheit und die freie Berufswahl wieder einzuschränken, den Visumszwang für die »Rest-Balkanstaaten« (Serbien, Bosnien, Albanien, Mazedonien und Montenegro) wieder einzuführen – das alles würde nichts bringen. Stattdessen ginge die Spirale noch rascher abwärts: Die Rücküberweisungen der Ausgewanderten – im armen Kosovo in den besten Monaten mehr als 600 Millionen Euro – würden zumindest nach und nach weniger oder blieben ganz aus. Die Folgen: Die Haushaltsnöte der Staaten würden noch dramatischer werden, die Armut stiege, die privaten Haushalte fielen dann als Konsumenten europäischer Waren weitgehend oder vollständig aus. An den Aufbau einer eigenen Industrie, die auf Dauer ohne fremde Hilfe auskommt, ist in der globalisierten Welt nicht mehr zu denken.

Diese Reportage erschien in der Printausgabe 02/2017.

Geschrieben von:

Norbert Mappes-Niediek

Freier Journalist