Wirtschaft
anders denken.

Und Kultur im Kuhstall: die Kooperativen des Netzwerks Longo maï

16.05.2018
Longo maï

Ländlicher Raum, lokale Ökonomie und Handarbeit statt Technologisierung, globalem Wirtschaften und Massenproduktion. Im Longo m-Netwerk sind Kooperativen aus Frankreich, Österreich, Deutschland, Ukraine und Costa Rica organisiert, die Menschen lokal mit landwirtschaftlichen Produkten versorgen.

Es gibt ein großes Spektrum alternativer Wirtschaftsformen, die alle eint, dass sie menschliche Bedürfnisse ins Zentrum ihres Handelns stellen. Sie leisten einen Beitrag zum Lebensunterhalt, sind selbstverwaltet und verfügen über kollektives Eigentum, bauen auf Kooperation und solidarische Beziehung zur Gesellschaft. Manche sind eingebettet in den kapitalistischen Markt, andere grenzen sich von ihm ab und suchen eigene Wege, Produktion, Distribution und Verbrauch zu gestalten. Anderswo hat diese Art zu wirtschaften eine längere Tradition, als hierzulande, in Brasilien zum Beispiel gibt es seit 2003 ein Staatssekretariat, in Griechenland, aus der Krise geboren, ein Gesetz für Solidarische Ökonomie. oxiblog widmet eine ganze Serie einem wichtigen Bereich der solidarischen Wirtschaftsformen: dem solidarischen Handel.

Aus der Schweizer Lehrlingsbewegung entstand das Netzwerk Longo m. Der Name bedeutet auf provenzalisch – der ursprünglichen Sprache Südostfrankreichs – »Es möge lange dauern«. 1973 gingen die jungen Leute nach Frankreich und besiedelten dort im Süden einen verlassenen Hügel mit drei Hofruinen. Seither betreiben sie kleinbäuerlichen Ackerbau und Viehzucht, sowie Handwerksbetriebe wie Natursteinbau, Bäckerei und Spinnerei.

Zu Longo maï gehören heute fünf Kooperativen in Frankreich, je eine in der Schweiz, Österreich und Deutschland, sowie ein Begegnungszentrum im ukrainischen Transkarpatien und eine Finca in Costa Rica. Insgesamt leben etwa 200 Menschen in den Projekten mit gemeinsamer Ökonomie, das heißt alle Einnahmen im Netzwerk gehen in einen Topf, aus dem auch alle Ausgaben bestritten werden. Die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion dient der Versorgung der eigenen Mitglieder und der lokalen Bevölkerung über Marktstände und Hofläden.

Zweimal im Jahr schickt zum Beispiel der Hof Ulenkrug, der in Dargun in Mecklenburg-Vorpommern einen Bauernhof betreibt, eine Mail an den Kreis seiner Freund_innen und fragt, wer Fleisch haben möchte. Angeboten wird frisches Lamm- und Rindfleisch, geschlachtet wird so viel, wie bestellt wird. Darüber hinaus gibt es auch Wurst, Kartoffeln, Gemüse, Hülsenfrüchte, Schaffelle, sowie Strickwaren aus der Longo maï-Spinnerei in Frankreich und Gemüsekonserven aus der Kooperative in St. Martin de Crau. Wenn sie Zeit haben, kommen die Kommunard_innen dann nach Berlin, Rostock und Greifswald zu einer Auslieferungsveranstaltung, oder die Freund_innen müssen zum Hof Ulenkrug kommen, und sich die Produkte selbst abholen. Der Begriff Kund_innen wäre hier unpassend, denn der Kreis der Angeschriebenen ist handverlesen, und wenn es menschlich nicht passt, dann wird auch schon mal eine_r aus dem Verteiler gestrichen.

Eine andere Zivilisation

Die Longo maï Kooperativen streben eine ganz andere Zivilisation an. Statt Verstädterung, HighTech und globaler Ausbeutung soll der ländliche Raum und die lokale Ökonomie wiederbelebt werden. Dazu tragen auch Veranstaltungen bei – auf dem Ulenkrug gibt es zum Beispiel regelmäßig „Kultur im Kuhstall“. Longo maï bemüht sich um Biodiversität und traditionelle Handwerkstechniken. Der Boden wird schonend in Handarbeit und mit Pferden bearbeitet, eigenes Saatgut wird hergestellt und mit anderen getauscht. Dazu gehört auch das Engagement für den Erhalt und die Ausweitung kleinbäuerlicher Strukturen im Sinne der Ernährungssouveränität, und gegen Landgrabbing und die Vertreibung von Landbevölkerungen durch Konzerne weltweit. In Longo maï wird im Kleinen seit 45 Jahren so gewirtschaftet, dass ausbeuterische Lebensmittelgroßhändler überflüssig sind.

Unermüdlich trägt Longo maï politische Vorschläge und praktische Erfahrungen in die Öffentlichkeit, zum Beispiel mit dem eigenen Sender Radio Zinzine. Viele Hundert Menschen besuchen jedes Jahr die Kooperativen, und zur transnationalen Vernetzung haben die Kommunard_innen das Europäische BürgerInnenforum ins Leben gerufen, das die Zeitung Archipel herausgibt. Das praktische Verständnis von gelebter Solidarität zeigt sich zum Beispiel im Engagement für Geflüchtete und in der Mitwirkung an der Initiative 15th Garden, die Landwirtschafts- und Garteninitiativen in Syrien und in den Flüchtlingslagern im Libanon mit samenfestem Saatgut und Bildungsangeboten unterstützt. Weil sich das politische Engagement nicht allein aus den Erträgen der eigenen Betriebe finanzieren lässt, ist Longo maï auf zusätzliche Spenden angewiesen.

Solidarität mit Landbesetzer_innen

Die Voraussetzungen dafür, landwirtschaftliche Produkte direkt und solidarisch vertreiben zu können, sind zum einen Menschen, die bereit sind, tagein tagaus die körperlich anstrengende Arbeit auf dem Land zu machen, zum anderen muss das dafür erforderliche Land zur Verfügung stehen. In Andalusien unterstützt Longo maï die Landarbeiter_innen-Gewerkschaft SOC-SAT (Sindacato de Obreras de Campo/ Sindicato Andaluz de Trabajo), die sich nicht nur für die Rechte der Arbeitenden in den Plastikmeeren einsetzt, sondern auch Landbesetzungen organisiert. Schon seit einigen Jahren ist zum Beispiel die Finca Somonte besetzt und wird kleinbäuerlich bewirtschaftet. Auch Cerro Libertad wurde im Frühjahr 2017 besetzt und bearbeitet, allerdings räumte die Polizei das Gelände im April 2018. Die Besetzer_innen kämpfen jedoch weiterhin für ihr Land.

Aktuell setzt sich Longo maï mit dem Europäischen BürgerInnenforum für den Erhalt der La ZAD ein. Die »zu verteidigende Zone« (Zone à defendre) in Notre-Dames-des-Landes, nahe der französischen Stadt Nantes, ist seit 50 Jahren besetzt, womit erfolgreich der Bau eines Flughafens verhindert werden konnte. Die Besetzer_innen haben eine lokale Ökonomie mit landwirtschaftlicher Produktion und Direktvermarktung aufgebaut. Im April hat die Polizei begonnen, das Gelände zu räumen und einen Teil der Häuser zu zerstören. Der Staat hat den Besetzer_innen angeboten, sich individuell als Landwirt_innen registrieren zu lassen, jedoch haben die Bewohner_innen bisher kollektiv gewirtschaftet und möchten dies auch fortführen. Nun ist transnationale Solidarität mit diesem beispielgebenden Projekt gemeinschaftlichen Lebens und solidarischen Wirtschaftens gefragt.

Geschrieben von:

Elisabeth Voss

Publizistin