Wirtschaft
anders denken.

Die Macht in der Maschine: Panzieri und die operaistische Technikkritik

19.09.2018
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Liegt ein Potenzial der Befreiung in der Maschine? Ist Technik neutral und kommt es nur auf die gesellschaftliche Anwendung an? Anfang der 1960er Jahre werden die »Quaderni Rossi« in Italien zu einem wichtigen Drehpunkt linker Debatten – und der Technikkritik des Operaismus.

Teil III einer losen Serie zur Geschichte der kritischen Debatten über die Folgen der Automatisierung im Kapitalismus.

Aus der Sicht der Arbeiterbewegung war die Wende zum 20. Jahrhundert von einem Technikoptimismus erfüllt, der mehrere Gründe hatte. Einerseits versprachen Rationalisierung und Massenproduktion erschwingliche Waren des täglichen Bedarfs für neue Bevölkerungsschichten; andererseits wirkte auch eine Utopie der produktivistischen Modernisierung. In Lenins Parole vom Kommunismus, der »Sowjetmacht plus Elektrifizierung« sei, fand das seinen zugespitzten Ausdruck – Technik, Wissenschaft und Innovation wurden vor allem als Mittel zur Steigerung der Produktivität betrachtet, die dadurch Früchte hervorbringt, die im Sozialismus zum Wohle aller verteilt würden.

Teil I: Was Friedrich Pollock vor 62 Jahren über die »sprunghaft fortschreitende Automatisierung« zu sagen hatte

Teil II: »Wie ein Rettungsanker«: Linke Technikpolitik und das Projekt Automation und Qualifikation

Von diesem Denken befördert erhielten technische Innovationen im linken Denkkosmos den Charakter von Fortschrittsmotoren – man kann das nachverfolgen von der chemischen Industrie über die Atomkraft und den Kybernetik-Hype Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur elektronischen Datenverarbeitung und zur Raumfahrt. Technik wurde hier vorrangig als »neutrale« Angelegenheit betrachtet, zugleich kam es in dieser Perspektive darauf an, unter welchen Produktionsverhältnissen die Technik zum Einsatz kommt. Eine zugespitzte Form dieses Denkens war die Behauptung westdeutscher Parteikommunisten, die Atomkraft sei nur im Realsozialismus eine gute und sichere Angelegenheit.

Es gab aber auch schon früh ganz andere Sichtweisen, solche, die infrage stellten, dass Technik Befreiungspotenziale in sich trägt und die deren Behandlung als »neutral« zurückwiesen. Ein bis heute wirkmächtiges Beispiel sind Überlegungen des Italieners Raniero Panzieri, die der operaistische PCI-Politiker bereits 1961 in seinem Aufsatz »Über die kapitalistische Anwendung der Maschinerie im Spätkapitalismus« formuliert hatte.

Unauflöslich mit der Profitrationalität verbunden

Gegen die damals in der realsozialistischen und parteikommunistischen Bewegung dominante Tradition der an sich guten, in Bezug auf die Klassenverhältnisse neutralen Technologieentwicklung argumentierte Panzieri, der Maschineneinsatz in Fabriken sein eine unmittelbare Form kapitalistischer Herrschaft, unauflöslich mit der Profitrationalität des Kapitals verknüpft. Technikeinsatz schien hier als unmittelbares Instrument der Klassenherrschaft.

Gegen seinen Genossen Silvio Leonardi wandte Panzieri 1961 ein, dieser hege »nicht den leisesten Verdacht, daß der Kapitalismus die neue ›technische Basis‹, die der Übergang zum Stadium der fortgeschrittenen Mechanisierung (und der Automatisierung) ermöglicht hat, dazu ausnutzen könnte, um die autoritäre Struktur der Fabrikorganisation zu verewigen und zu konsolidieren«. Die Idee, dass der Einsatz von Technik zur Befreiung »des Menschen von den Schranken führt, die ihm seine Umwelt und seine physischen Möglichkeiten auferlegen«, nannte Panzieri »angeblich«.

Man sollte sich dazu den zeitgenössischen Rahmen vergegenwärtigen, in dem dies geschrieben wurde. Der Großkonzern Fiat, das unbestrittene Zentrum der italienischen Industrie und Fixpunkt auch der linken Bemühungen, praktische Kritik zu organisieren, hatte seit Anfang der 1950er Jahre eine durchgreifende Welle der Rationalisierung erlebt. In der Phase der Konsolidierung des italienische  Nachkriegskapitalismus entfielen zum Beispiel im Jahr 1954 über 11 Prozent aller Investitionen der Industrie auf Fiat, von 1946 bis 1955 wurden rund 250 Milliarden Lire investiert. Dies veränderte die Kapitalzusammensetzung: »Betrug der relative Anteil der »Arbeitskosten« 1946 noch 17 Prozent des Endprodukts«, heißt es rückblickend in dem 1974 erschienenen »Argument«-Sonderband »Gewerkschaften im Klassenkampf«, so fiel »dieses Verhältnis 1952 auf 11 Prozent und 1955 auf nur noch 7 Prozent bei gleichbleibendem Endpreis«. Die Produktivität explodierte förmlich, »die zur Produktion einer Produkteneinheit aufgewandte Arbeitszeit im selben Zeitraum« nahm um durchschnittlich 72 Prozent ab.

Das Montageband verändert die Arbeiter

1950 wurde das erste Montageband »1400« bei Fiat eingeführt, es wurde »zugleich zu einem mechanischen, automatischen Regulator und Organisator des Produktionsprozesses. Es bestimmt zwangsläufig sein Tempo, die Aufeinanderfolge seiner Phasen, die Schnelligkeit der Bewegungen der Arbeitenden und ihre Disziplin«. Und es veränderte die Zusammensetzung der Belegschaft bei Fiat: »Die sozialistischen und kommunistischen Militanten« seien damals »herausgesäubert« worden, »junge ungelernte Arbeiter bevölkern die Fließbänder, Streiks bleiben aus«.

In dieser Phase wurde die 1961 gegründete Zeitschrift »Quaderni Rossi« um Raniero Panzieri zu einem wichtigen Punkt kritischer Debatten – auch als Gegenmoment zu den offiziellen Politiken der PCI und der Sozialisten. Diese setzten auf eine Strategie des raschen Wirtschaftswachstums, das den Lebensstandard der proletarischen Wählerschaft heben und die Demokratisierung der italienischen Gesellschaft voranbringen sollte. Auch die nahestehenden Gewerkschaften verfolgten diesen Kurs, was sie in Widerspruch zu aufbegehrenden Beschäftigten brachte, sie wurden von links als »Ordnungsmacht im Sinne des Staates und der Unternehmer« kritisiert.

Ein wesentlicher Punkt war die Absage an eine als reformistisch kritisierte Fiktion, dass man gewissermaßen »im Schlepptau kapitalistischer Modernisierung allmählich in den Sozialismus« übergehen könnte – dabei, so Panzieri, werde »übersehen, daß gerade der kapitalistische ›Despotismus‹ die Form der technologischen Rationalität annimmt«. Und, das wird auch heute gern gegen postkapitalistische Annahmen einer emanzipatorischen Potenz technologischer Entwicklung zitiert: »Angesichts dessen versteht es sich«, so Panzieri 1961, »dass die ›Informationstechniken‹, die den Protest der Arbeiter gegen den ›totalen‹ Charakter der Entfremdungsprozesse in der rationalisierten Großfabrik neutralisieren sollen, immer größere Bedeutung gewinnen.«

Zwecke und Interessen der Herrschaft

Panzieri und der Operaismus standen nicht allein mit solchen Überlegungen. Auch bei Herbert Marcuse konnte man damals schon lesen, dass Zwecke und Interessen der Herrschaft »nicht erst ›nachträglich‹ und von außen der Technik oktroyiert« werden, sondern »schon in die Konstruktion des technischen Apparats selbst« eingehen. In den 1990er Jahren erklärte Enzo Modugno, die gesellschaftliche Macht des »general intellect«, also das allgemeine Wissen in seiner gesellschaftlichen Funktion als unmittelbare Produktivkraft, sei »bereits direkt in die Hände des postfordistischen Kapitals übergegangen«. Und später sahen auch Michael Hardt und Antonio Negri darin eine »alles überwölbende«, ja sogar »imperiale Maschine«.

Kaan Kangal hat das einmal als Tendenz beschrieben und kritisiert, »die technischen Artefakte zu dämonisieren. Dies geschieht dadurch, dass die durch die Maschinerie direkt oder indirekt verursachten sozialen Ereignisse, Verhältnisse und Strukturveränderungen im Produktionsprozess auf die Maschinerie rückübertragen werden«. Panzieri und seine Weggefährten rückten dabei von Gedanken ab, die Karl Marx in den »Grundrissen« notiert hatte, in denen die Maschinerie als »die adäquateste Form des Kapitals überhaupt« bezeichnet, in der Dynamik ihres Einsatzes aber zugleich etwas gesehen wurde, das den Kapitalismus unterwandert – nach dem Motto: »Je fortschrittlicher der Kapitalismus wird, umso weniger wird er kapitalistisch.« (Christian Lotz).

»Rückkehr zur Arbeiterklasse«

Andere sahen darin genau das Gegenteil: eine Wiederfreilegung der fundamentalen Kritik von Marx am despotischen Charakter der kapitalistischen Arbeitsorganisation, »die nach Marx vergessen und durch eine produktivistische Verherrlichung der Rationalität ersetzt worden war«, wie es vor einigen Jahren einmal in einer Veranstaltungsankündigung hieß. Praktisch lief das auf eine Radikalisierung der betrieblichen Orientierung hinaus, die berühmten »militanten Untersuchungen« entstanden – eine Methode der Erforschung betrieblicher Widersprüche und der Arbeitsbedingungen, die nicht nur Wissen produzieren, sondern zugleichTeil der politischen Bewusstseinsarbeit der Produzenten sein sollte.

Der Operaismus wurde denn auch als »Rückkehr zur Arbeiterklasse« bezeichnet (Kritisches Wörterbuch des Marxismus), in deren theoretischer Perspektive das Kapital nicht mehr im wesentlichen Privateigentum ist, sondern »vielmehr zunächst einmal eine gesellschaftliche Macht, die die Kontrolle der Klassenbewegungen anstrebt«. Hieran anschließend wurden dann auch der Keynesianismus und auf staatliche Steuerung zielende wirtschaftspolitische Strategien der Linken kritisiert.

Das verweist auf unterschiedliche Quellen dieser Richtung linker Kritik – und doch scheint aus diesen die von Panzieri formulierte generelle Kritik der Technik stets durch: Es ist nicht nur die kapitalistische Anwendung der Technologie, die »als eine Art Verdrehung eines neutralen objektiven Prozesses« gesehen werden könnte, »noch weniger möglich war es, eine demokratische Kontrolle der monopolistischen Entwicklung zu programmieren«, hieß es in einer 1972 erschienen Sammlung von Texten des Operaismus.

Geschrieben von:

Tom Strohschneider

OXI-Redakteur