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Die Mythen der Krise

09.06.2017
Ein Auto wird in einer Fabrik von Robotern produziert.Foto: Land Rover MENA / flickr CC BY 2.0 Je weniger Arbeit in einer Ware steckt, desto niedriger ihr Wert. Dieser Range Rover könnte also ein Wertproblem haben.

Wenn es schwierig wird, klingen die einfachen Erklärungen verlockend. Je einfacher, desto besser, denn dann besteht Hoffnung, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Finanzkrise, raffgierige Banker, ökologische Wende – Tomasz Konicz erklärt, warum das alles Quatsch ist.

Mythos I: Das sind die Schuldigen

Seit der Finanzmarktkrise 2007/08 wird von und in der Öffentlichkeit Schuld verteilt und werden Sündenböcke gesucht. Raffgierige Banker, korrupte Südländer, illegale Migranten, Nieten in Nadelstreifen oder faule Arbeitslose: Irgendwer muss mit seinem Fehlverhalten, mit Faulheit, Gier oder Korruption die sozioökonomischen Verwerfungen der letzten Jahre doch ausgelöst haben. Populistische Bewegungen in den USA und Europa fachen diese Personifizierung der Krisenursachen immer weiter an.

Jedoch: Niemand trägt die Schuld an der Krise. Es gibt sie, weil die Marktsubjekte genau das immer effizienter tun, was das System von ihnen verlangt: uferlose Kapitalakkumulation, also dessen Anhäufung und Reinvestition. Je effektiver dafür Lohnarbeit verwertet wird, desto größer der Druck, umso stärker zieht sich die Schlinge um den Hals aller Marktsubjekte zu.

Das ist nur scheinbar absurd. Der zentrale Widerspruch des Kapitalverhältnisses besteht darin, dass es danach trachtet, die Warenproduktion zu rationalisieren, also immer effizienter zu organisieren – damit entledigt es sich seiner eigenen Substanz, eben der Lohnarbeit. Alle Marktsubjekte streben danach, mit neuen Produktionsverfahren und Techniken Konkurrenzvorteile zu erlangen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene führt dies zum Arbeitsplatzabbau in etablierten Industriezweigen. So tritt dieser innere Widerspruch des Kapitals nach außen als eine Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft zutage. Es sei denn, es gelingt, in neuen Industriezweigen Arbeitsplätze zu schaffen, um den Abbau in alten Industrien auszugleichen. Dieser industrielle Strukturwandel scheiterte in den 1980er-Jahren mit der digitalen Revolution.

Doch auch wenn niemand »Schuld« trägt an der Systemkrise, deren Dynamik sich quasi »hinter dem Rücken der Produzenten« (Marx) entfaltet, heißt das noch lange nicht, dass im Kapitalismus niemand schuldig würde. Denn weil das System funktioniert – die marktvermittelte Unterdrückung, Ausbeutung und Ideologieproduktion –, laden all die Individuen Schuld auf sich, die als »Charaktermasken« (Marx) in ihrer jeweiligen kapitalistischen Rolle die Systemzwänge bewusst exekutieren. Mehr noch: In Wechselwirkung mit der Krisendynamik werden Ausbeutung, Unterdrückung und Lügenproduktion des Systems ins Absurde gesteigert.

Mythos II: Wir haben es mit einer Finanzkrise zu tun

Der Krisenprozess kam zuerst in der Finanzsphäre zum Ausdruck, als 2007 die Immobilienblasen in den USA und Westeuropa zu platzen begannen. Deshalb verfestigte sich in der Öffentlichkeit die irrige Ansicht, es handle sich um eine Finanzkrise, die mit Spekulationsexzessen die sogenannte reale, also Waren produzierende Wirtschaft in den Abgrund zöge.

In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt. Der aufgeblähte Finanzsektor hält die krisengeschüttelte reale Wirtschaft überhaupt am Leben. Dies tut er mit der wichtigsten Ware, die in der Finanzsphäre produziert wird: dem Kredit. Das von wuchernden Schuldenbergen gekennzeichnete Weltsystem läuft auf Pump: Der Finanzsektor schafft die kreditfinanzierte Nachfrage, die es einer äußerst produktiven Realwirtschaft ermöglicht, ihre Warenberge überhaupt noch abzusetzen. Die Absurdität der Systemkrise tritt voll zutage: Die Industrie produziert immer mehr Waren mit immer weniger Arbeitskräften in immer kürzerer Zeit und kann diese nur noch absetzen, weil der Finanzsektor abartig hohe Schulden produziert.

Deswegen steigt im Spätkapitalismus die Verschuldung von Privatpersonen und Staaten – allen politischen Sparversprechen zum Trotz – sehr viel schneller an als die Wirtschaftsleistung. Ende 2014 entsprach der globale staatliche Schuldenberg rund 286 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, während es 2007 »nur« 269 Prozent, und 2000 erst 246 Prozent waren.

Mythos III: Die Krise brach mit dem Finanzkrach von 2007 aus

Bei der gegenwärtigen Systemkrise handelt es sich nicht um ein punktuelles, kurzfristiges Ereignis, sondern um einen langfristigen, historischen Prozess, der sich schubweise von der Peripherie in die Zentren des kapitalistischen Weltsystems frisst.

Der Durchbruch des finanzmarktgetriebenen Neoliberalismus in den 1980er-Jahren war eine Reaktion des Systems auf die Krise der Warenproduktion; diese zeichnete sich bereits in den 1970er-Jahren deutlich ab, als der Nachkriegsboom, also die Wirtschaftswunderzeit, auslief. Erst die Wirtschaftskrise in den 1970er-Jahren, die mit häufigen Rezessionen, ausartender Inflation und Massenarbeitslosigkeit einherging, ermöglichte den Durchmarsch der neoliberalen Ideologie ab den 1980ern.

Vereinfacht gesagt: Es gibt die Krise, weil der industrielle Strukturwandel gescheitert ist. Der Nachkriegsboom lief aus, doch es entstand kein neues gleichwertiges Akkumulationsregime, das die freiwerdenden Arbeitskräfte in gleichem Umfang in der Warenproduktion verwertete. Deshalb kehrte ab den späten 1970ern die Massenarbeitslosigkeit in die kapitalistischen Kernländer zurück. Der Finanzsektor stieg auf und schuf jene Nachfrage und Investitionsmöglichkeiten, die der realen Wirtschaft zunehmend abhandenkamen. Ein Aufstieg, der jedoch von immer größeren Spekulationsblasen (Dotcom-Blase, Immobilienblase, gegenwärtige Liquiditätsblase) begleitet wird.

Dabei zerbrachen und zerbrechen in der Krise zuerst die schwächsten Kettenglieder des Weltsystems. Mit der Schuldenkrise der Dritten Welt in den 1980er-Jahren und den sozioökonomischen Zusammenbrüchen in den 1990ern hat sich die Krise bereits in weiten Teilen der Peripherie bis zum barbarischen Endprodukt entfaltet. Die von gescheiterten Staaten (»Failed States«), irren Selbstmordsekten und brutalen Diktaturen gekennzeichnete Peripherie erlaubt somit den Zentren bereits einen Blick in die Zukunft: nämlich auf die weitere Entfaltung der Krise, die sich irgendwo zwischen »Mad Max« und »1984« abspielen dürfte.

Mythos IV: Die Politik hat die Krise längst gemeistert

Seit dem Krisenschub von 2007/08, der auch viele Zentren des Weltsystems voll traf, tobt in der Öffentlichkeit ein steter Kampf um die richtige Krisenpolitik. Grob betrachtet stehen sich zwei Lager gegenüber: Die neoliberalen Verfechter strikter Haushaltsdisziplin wollen die Krise mit drakonischen Sparprogrammen überwinden, um so die globalen Schuldenberge abzubauen. Ihre keynesianischen Gegenspieler plädieren hingegen für eine lockere Geldpolitik sowie für umfassende Konjunkturprogramme. Die Keynesianer werfen den Neoliberalen vor, mittels Monetarismus und Spardiktat viele Krisenländer in den sozioökonomischen Kollaps zu treiben, während die Neoliberalen davor warnen, dass kreditfinanzierte Konjunkturpolitik nur ein konjunkturelles Strohfeuer entfache und die Schuldenlast des Staates vergrößere.

Das Problem besteht darin, dass beide Seiten mit ihren Diagnosen am kapitalistischen Krankenbett durchaus recht haben – ihre Therapien jedoch beide logischerweise scheitern müssen. Konjunkturprogramme verpuffen nach kurzer Zeit, während rabiate Sparprogramme zu verheerenden Wirtschaftseinbrüchen führen. Siehe Griechenland: Bundesfinanzminister Schäubles Sparpolitik hat das geschundene Mittelmeerland buchstäblich an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs getrieben, während seine Verschuldung in Relation zum schwindsüchtigen Bruttoinlandsprodukt (BIP) höher ist als vor dem akuten Krisenausbruch.

Aus dieser Falle, in der sich die kapitalistische Politik befindet, gibt es kein Entrinnen, da die Krise systemimmanent nicht überwunden werden kann. Sie kann nur jenseits der jetzigen Form der Kapitalverwertung gelöst werden. Systemimmanent ist nur eine Politik möglich, welche die Verschuldungsdynamik (privat wie staatlich) aufrechterhält, um so wirtschaftliche und soziale Einbrüche zu verhindern und die Agonie des Spätkapitalismus hinauszuschieben.

Mythos V: Am deutschen Export-Wesen wird Europa genesen

In der erodierenden Eurozone überlagern zusätzlich nationale Staatsinteressen den Streit um die Krisenpolitik. Es gelang Deutschland, mit einer Politik des rigiden Sparens, des Lohnkahlschlags und der Deflation die Last der Krise einseitig der krisengeschüttelten südlichen Peripherie aufzubürden. Die deutsche Krisenideologie sieht in der Exportwirtschaft den Schlüssel zur Überwindung der Krise. Die Eurozone soll nach deutschem Ebenbild international konkurrenzfähig gemacht werden, um mit einer starken Ausrichtung auf den Export wieder auf den Wohlstands- und Wachstumspfad zurückzukehren.

Dabei wird übersehen, dass die Handelsüberschüsse einer exportfixierten Volkswirtschaft logischerweise den Defiziten der Importländer entsprechen. Global handelt es sich um ein Nullsummenspiel. Werden alle weltweiten Überschüsse und Defizite miteinander verrechnet, ergibt dies immer null Euro. Handelsüberschüsse stellen also einen Schuldenexport dar. Damit beruht auch Deutschlands exportfixiertes Wirtschaftsmodell auf Schulden, nur werden diese vermittels der Handelsüberschüsse (inzwischen neun Prozent des BIP) exportiert; was die deutschlandweite Empörung über die Schulden der Anderen vollends ins Absurde führt.

Mythos VI: Alles nur eine Frage der Verteilung

Die ins Absurde gesteigerte Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen, die mit der neoliberalen Wende einsetzte, lässt den Eindruck aufkommen, als handle es sich bei der gegenwärtigen Krise um eine reine Verteilungsfrage. Die Reichen müssten nur stärker zur Kasse gebeten, die Massennachfrage müsse ordentlich gesteigert werden, um den Kapitalismus wieder in eine Prosperitätsperiode ähnlich der des Nachkriegsbooms zu führen.

Diese oftmals von linken Keynesianern propagierte Krisenpolitik ignoriert den inneren Antrieb der kapitalistischen »Volkswirtschaft«, bei der es gerade nicht um die Befriedigung von Bedürfnissen geht, sondern um die Erzielung höchstmöglicher Profite, also um die Verwertung des Werts als irrationalen Selbstzweck, der mit rationalen Mitteln verfolgt wird.

Überdies handelt es sich bei den Fantastzillionen, die im Finanzsektor umherschwirren, größtenteils um fiktives Kapital, das nicht durch Verwertung von Lohnarbeit, sondern allein durch die bloße Vermehrung von Wertpapiertiteln in der Finanzsphäre generiert wurde. Überdeutlich wurde dies, als 2007 die Immobilienblasen platzten: Mit realen Hypotheken hatte die Finanzbranche einen Boom neuer »innovativer Finanzprodukte« wie Hypothekenversicherungen entfacht, die auf den sich explosiv ausweitenden Finanzmärkten gehandelt wurden – und die jetzt als Finanzmarktschrott die Bilanzen von Notenbanken belasten. Ein Anzapfen dieses »Reichtums« käme schlicht einem Entwertungsschub gleich – einer Inflationswelle.

Mythos VII: Ökologie und Ökonomie sind in der Krise nicht vereinbar

Mit zunehmender Krisenintensität greift ein kruder, rückwärtsgewandter Industrialismus um sich, der eine Reindustrialisierung predigt und die ökologische Krise entweder gänzlich leugnet oder verharmlost. Dabei sind die um sich greifende Klimakrise und die offensichtlichen systemischen Verwerfungen in der Wirtschaft nur zwei Seiten einer Medaille. Ökologie und Ökonomie sind durch den Krisenprozess miteinander verwoben. Da die Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, führt ökonomische Rationalisierung zu verheerenden ökologischen Schäden.

Denn generell gilt: Je höher die Produktivität der globalen spätkapitalistischen Verwertungsmaschine, desto größer ihr Ressourcenhunger. Waren werden im Kapitalismus nicht primär zur Bedürfnisbefriedigung, sondern als Mittel zum Selbstzweck uferloser Kapitalakkumulation gefertigt, die aber wiederum nur vermittels der Verwertung von Lohnarbeit möglich ist. Je weiter konkurrenzvermittelte Produktivitätssteigerungen getrieben werden, desto niedriger ist das Quantum der in einer Ware verdinglichten Arbeit und desto niedriger ist ihr Wert. Bei einer Steigerung der Produktivität in der Autoproduktion um beispielsweise zehn Prozent muss somit der Autoausstoß um zehn Prozent erhöht werden, um dieselbe Masse an Kapital zu verwerten und Massenentlassungen zu vermeiden. Die zunehmenden Tendenzen zur geplanten Obsoleszenz (absichtliche Verringerung der Lebensdauer von Produkten) in der Warenproduktion haben in dieser absurden Krisendynamik ihre Ursache.

Mythos VIII: Eine ökologische Wende kann helfen, die Krise zu überwinden

Im Umfeld der Ökobewegung hat sich wiederum die Idee festgesetzt, dass eine umfassende ökologische Erneuerung des Kapitalismus aus der Krise führen könne. Ausgehend von der richtigen Diagnose, dass dem Kapitalismus ein neues Akkumulationsregime fehlt, soll eine massive Förderung ökologischer Industrien und der korrespondierenden Infrastruktur ein neues, grünes Wirtschaftswunder – ähnlich der Automobilmachung in den 1950er-Jahren – entfachen.

Auch hier greift der absurde innere Widerspruch des Kapitalverhältnisses, da die spätkapitalistische Wirtschaftsmaschine schlicht zu produktiv für eine notwendige radikale Ökowende ist. Windkrafträder und Solarmodule werden heute nicht so hergestellt wie einst Autos, als Hunderte ArbeiterInnen in einzelnen Handgriffen ein Fahrzeug montierten. Deswegen ist die Masse verwerteter Lohnarbeit – aus deren Steueraufkommen die ökologische Infrastruktur staatlich finanziert werden müsste – in der Ökobranche sehr niedrig, während die Kosten für den infrastrukturellen ökologischen Umbau astronomisch sind. Und darum spricht alle Welt von den Kosten der Ökowende – und nicht von deren Chancen.

Mythos IX: Der kleine Mann weiß am besten, was er will

Nein, das tut er nicht. Die Grundannahme aller populistischen Politik, wonach »das Volk« seine Lage erkennen und seine Interessen entsprechend artikulieren könne, zerschellt an der Dominanz der Massenmedien und der spätkapitalistischen Kulturindustrie, die längst den Kampf um die Köpfe gewonnen hat. Die Bevölkerung bleibt für gewöhnlich größtenteils in den massenmedial eingebrannten kapitalistischen Denkformen verfangen, was in Krisenzeiten schlimmstenfalls einen Extremismus der Mitte befeuert und bestenfalls zur Formulierung linker sozialer Forderungen führt, die kaum noch systemimmanent realisierbar sind.

Mit dieser falschen Unmittelbarkeit der Krisenpolitik verbleibt somit auch die Linke letztendlich im kapitalistischen Gedankengefängnis. In Reaktion auf die kapitalistische Systemkrise sollen die Institutionen, Vermittlungsebenen und Vergesellschaftungsformen des Kapitalismus auf Biegen und Brechen aufrechterhalten werden. Lohnarbeit, Markt und Staat sind in der Krise, sie werden jedoch von dieser letztendlich konservativen Politik nicht infrage gestellt, sondern gerade verstärkt bejaht.

Anstatt an überkommenen Vergesellschaftungsformen festzuhalten, gälte es für die Linke, ein dem Krisenprozess adäquates, radikales Krisenbewusstsein in die Bevölkerung zu tragen. Der erste Schritt besteht somit darin, den Menschen die ungeschminkte Wahrheit möglichst verständlich mitzuteilen. Zu sagen, was Sache ist, zu erklären, dass die Krise nicht überwunden werden kann, dass es schlimmer kommen wird, dass sie ihr gewohntes Leben werden aufgeben müssen, dass das Kapital in seiner Agonie die menschliche Zivilisation zu zerstören droht. Kurz: Dass nichts so bleiben wird, wie es ist. Ob wir es nun wollen oder nicht.

Der Autor bezieht sich in seinen Texten auf die Wertkritik, wie sie maßgeblich von Robert Kurz ausgearbeitet wurde, sowie die Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins. Wertkritik übernimmt von Marx die Kritik am Warenfetischismus von Ware, Wert und Geld, kritisiert aber dessen Klassentheorie und Geschichtsphilosophie. Wertkritik sieht die Arbeiterklasse als Teil des kapitalistischen Systems und spricht ihr darum ab, die Rolle als revolutionäres Subjekt zu übernehmen. Die Weltsystemtheorie, die der Historiker und Wirtschaftssoziologe Immanuel Wallerstein ab 1974 formulierte, nimmt transnationale ökonomische Interaktion und globale Wirtschaftssysteme in den Blick.

Der Artikel erschien in der Juni-Ausgabe 2017 von OXI.

Geschrieben von:

Tomasz Konicz