Wirtschaft
anders denken.

»Die Reichen sind gar nicht reich.« Wie bitte? Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland, Teil II

19.11.2018
Illustration: Marie Geißler

Sind die »Armen« in Deutschland gar nicht arm? Ist Ungleichheit »leistungsgerecht«? Fehlt es Deutschland bloß an Chancengleichheit? Dass Einkommen und Vermögen hierzulande krass ungleich verteilt sind, ist allgemein bekannt. Aber wie läuft die Debatte? Wir haben uns einige der gängigen Rechtfertigungen für die bestehende Ungleichheit und Lösungsargumente angesehen. Eine »Oxi«-Serie.


»Aber wirklich reich bin ich auf keinen Fall. Reich ist man dann, wenn man irgendwo ein Privatflugzeug rumstehen hat.« (Ein Vermögensberater, der nach eigenen Angaben monatlich rund 10.000 Euro verdient.)

Was wird gesagt?

Mit Statistik wird Stimmung gegen »die Reichen« gemacht. So behaupten Forscher_innen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, jemand sei reich, wenn er doppelt so viel Geld zur Verfügung hat als jemand mit einem mittleren Einkommen. Wer Einkünfte von rund 3.000 Euro im Monat hat, kann sich demnach in Deutschland schon zu den »Reichen« zählen. Mit einem Nettogehalt von 3.000 Euro soll man schon reich sein? Das ist »ein schlechter Witz«, findet der Vermögensforscher Thomas Druyen. Das Kalkül hinter dieser Definition ist klar: Je breiter man die Oberschicht definiert, desto mehr ist über Steuern von ihr zu holen, erläutern die Autor_innen der »Welt«.

Was ist dran?

Reich ist das Gegenteil von arm. Deswegen ist es logisch, dass in der Verteilungsforschung Menschen mit sehr niedrigen Einkommen als arm bezeichnet werden und Menschen mit sehr hohen Einkünften als reich oder einkommensreich.

Welche Grenze man dabei zugrunde legt, ist zu einem gewissen Grad willkürlich: Die Bundesregierung verwendet in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht zwei Definitionen: Einkommensreich ist demnach, wer mindestens über das Doppelte oder das Dreifache des mittleren Einkommens verfügt. Die Reichtumsschwelle liegt demnach für Alleinlebende bei gut 3.000 oder 4.600 Euro im Monat.

Auch nach der weiter gefassten 200-Prozent-Definition sind gar nicht so viele Menschen in Deutschland reich: Im Jahr 2014 waren es rund acht Prozent der Bundesbürger_innen.

Wie bei der Armut wird Reichtum hier am Normaleinkommen gemessen. Das ist keineswegs abwegig: Ein Single mit einem mittleren Einkommen kann 1.500 Euro im Monat ausgeben, danach hat er oder sie kein Geld mehr übrig. Ein reicher Single kann auch 1.500 Euro ausgeben – und hat dann immer noch mindestens 1.500 Euro übrig.

Doch derartige relative Definitionen gefallen den Kritiker_innen nicht. »Reich im landläufigen Sinne ist man erst, wenn das Vermögen so groß ist, dass man unabhängig vom Erwerbseinkommen leben kann«, zitiert »Die Welt« den Soziologen Thomas Druyen von der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität. Erst oberhalb von 30 Millionen Euro Vermögen beginne wirklicher Reichtum.

Dieser Definition zufolge hat Reichtum erstens mit der Verteilung der laufenden Einkommen nichts zu tun. Zweitens schmilzt die Zahl der Reichen dahin. Am Ende bleibt dann kaum jemand übrig, von dem man höhere Steuern verlangen könnte, um die Ungleichheit zu verringern.

Diese Serie behandelt Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland. Sie basiert auf der Publikation »luxemburg argumente«, die 2016 von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde. Wo es möglich war, wurden Daten aktualisiert. Illustration Marie Geißler, www.mariegeissler.de. Die Broschüre ist derzeit nur online bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhältlich.

Geschrieben von:

Eva Roth

Stephan Kaufmann

Journalist