Wirtschaft
anders denken.

Die solidarische Bewegung

16.03.2017
Graffittikünstler in Exarchia kniet vor seinem BildFoto: Sascha Kohlmann/ flickr CC BY-SA 2.0Kunst als Widerstand im traditionell linken Viertel Exarchia.

Die rigide Sparpolitik von Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds (IWF) hat Griechenland in eine humanitäre Krise gestürzt: Zwei Drittel der Menschen leben am Rand und 30 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Gegen diese Verheerungen der Troika stellt sich eine wachsende solidarische und emanzipatorische Graswurzelbewegung. Kathrin Hartmann hat kürzlich Athen im siebten Jahr der Krise besucht und schreibt in einem dreiteiligen Tagebuch, was sie dort erlebt hat. Teil 3: Die solidarische Bewegung.

»Hier probier, schmeckt toll«, sagt Sotiris. Er hat gerade gekocht und hält mir eine Gabel mit Brei hin, gelbe Linsen mit Zitrone, Olivenöl und Frühlingszwiebeln. »Ja, schmeckt wirklich super!« Sotiris strahlt. Denn der kleine Laden im Athener Viertel Exarchia am Fuß des Strefi-Hügels ist mehr als nur ein Lebensmittelgeschäft, er ist ein politisches und soziales Projekt. Vor knapp drei Jahren wurde die Kooperative Sesoula als Alternative zum Supermarkt gegründet. Darin bekommen Produzenten ohne den teuren Zwischenhandel höhere Preise für ihre Produkte, für Konsumenten wiederum wird es dadurch günstiger. Die Idee ist aber größer: Die Marktmacht der Supermarktketten und der Lebensmittelindustrie, die nicht nur Preise, sondern auch Marktzugang, Auswahl und Qualität bestimmen, soll gebrochen und der Handel demokratisiert werden.

Das meiste von dem, was in den Holzregalen oder im Kühlschrank steht, kommt von Kooperativen und lokalen kleinen Produzenten, so auch die gelben Linsen – aber auch Gemüse und Obst, Oliven, Olivenöl, Käse, Kräuter, Pilze, Tomatensoße, Marmelade, Tee, Reis, Süßigkeiten, Wein, Kaffee, Kakao und Schokolade aus Kooperativen im Süden, Pralinen von einer belgischen Kooperative – ja sogar Seife, Wasch- und Putzmittel. Mein Blick fällt auf eine Reihe von Plastikflaschen mit bunter Flüssigkeit, auf dem Label steht »Revolution«. Eine Marke, die man in keinem Supermarkt finden würde. Es sind Putz- und Waschmittel, die ein Ingenieur selbst herstellt, nachdem er von einem großen Konsumgüterkonzern gekündigt wurde. Darunter stehen die Produkte von VIOME, einer besetzten Fabrik in Thessaloniki. Diese stellte einst Bau- und Klebstoffe her, bis die Besitzer Konkurs anmeldeten und die Fabrik verließen. Die 22 Arbeiterinnen und Arbeiter, die ein Jahr lang keinen Lohn mehr bekommen hatten, besetzten daraufhin die Fabrik und betreiben sie seither basisdemokratisch. Sie vertreiben ihre Waschmittel und Seifen (ohne chemische Zusätze) innerhalb dieser solidarischen Strukturen in Griechenland.

Solidarische Bewegung: Die Marktmacht der Supermarktketten soll gebrochen, der Handel demokratisiert werden.

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»Die Produzenten sind glücklich«, sagt Sotiri, »und für mich ist der Laden eine gute Gelegenheit, etwas neues auszuprobieren und Alternativen zu testen.« Die Sesoula-Produkte seien 20 Prozent günstiger als im Supermarkt. Manche stellt Sotiri selbst her, Käse, Pesto und Marmelade, oder er bringt Sachen aus seinem Garten. Seit zwei Jahren arbeitet er hier, zuvor war er Koch und wurde, wie so viele, arbeitslos. »Viele Leute haben Probleme, wir helfen vielen von ihnen in der Gegend.« Wer gerade knapp bei Kasse ist, darf anschreiben lassen. Darüber hinaus versorgt der Laden drei Familien in der Nachbarschaft mit Lebensmitteln, die wegen der Krise ihre Existenz verloren haben.

Solidarische Bewegung für viele

Im traditionell linken Viertel Exarchia leben viele Intellektuelle, Künstler, Studenten, Ärzte, Alternative, Anarchisten, Migranten und Familien. Es gibt kaum ein Haus, dessen Fassade ohne Grafitti wäre, die Balkone und Straßen sind üppig begrünt. Mitten im Viertel liegt der Navarino-Park, ein Gemeinschaftsgarten, den Aktivisten auf einer Brache anlegten, die einst ein Parkplatz werden sollte. Politischer Widerstand hat Tradition in Exarchia – der schwarz-rote Anarchisten-Stern prangt an jeder Ecke und ziert eine der Treppen, die auf den Strefi-Hügel führt. 1944 verschanzte sich in Exarchia die kommunistische griechische Befreiungsarmee. 1973 führten die Studentenproteste, die von hier gegen die griechische Militärdiktatur ausgingen, zu deren Sturz. So ist es auch nicht überraschend, dass es gerade hier viele solcher selbstverwalteten Initiativen gibt, Kooperativen und Geschäfte wie das Sesoula, Cafés, Gemeinschaftsküchen, Zentren für Migranten, Geflüchtete und Obdachlose.

Solidarische Strukturen wurden von Betroffen gegründet, wuchsen rund um die existentiellen Alltagsbedürfnisse von allen.

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Aber die Solidarische Bewegung in Griechenland ist nicht auf derlei Nischen beschränkt. In Folge der Proteste auf dem Syntagma-Platz sind unter dem Motto »Niemand ist allein in der Krise« insgesamt 400 Verbünde solidarischer Ökonomie und Selbstorganisation entstanden. Die Solidarischen Strukturen wurden von Betroffen der Krise, von Arbeitslosen, Armen, Unversicherten und Migranten selbst gegründet, sie wuchsen rund um die existentiellen Alltagsbedürfnisse von allen. Mit diesen Strukturen wird heute mindestens ein Drittel der Bevölkerung erreicht. Dazu gehören die Solidarische Kliniken und Apotheken (Teil 1 des griechischen Tagebuchs), Märkte ohne Mittelsmänner, Essens-Kooperativen, Tauschbörsen, Solidarische Schulen, Juristischer Beistand, selbstverwaltete Fabriken wie VIOME und Unterkünfte für Geflüchtete wie das City Plaza (Teil 2 des griechischen Tagebuchs).

Mit Solidarischen Strukturen wird heute mindestens ein Drittel der greichischen Bevölkerung erreicht

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Widerstand organisieren und Infrastruktur schaffen

Christos Giovanopoulos war von Anfang an Teil der Proteste und der Solidarischen Bewegung. Ich treffe den Sozialwissenschaftler an einem Samstagnachmittag, unser Gespräch endet nach Mitternacht bei griechischem Bier in einer der letzten traditionellen Tavernen im Stadtteil Plaka. Ich bin überzeugt davon, dass nur eine starke soziale und solidarische Bewegung eine gerechte Gesellschaft und ein gutes Leben für alle auf der ganzen Welt erreichen kann. Auf meinen Recherchereisen in die Länder des Südens, sei es in Brasilien, Bangladesch, Indonesien oder El Salvador, haben mich die Indigenen-, Kleinbauern- sowie Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegungen immer fasziniert. Ihr Intellekt, ihr Mut, ihre Entschlossenheit, ihre Herzlichkeit und ihr Kampf um Gerechtigkeit haben mir oft Mut und Hoffnung gemacht. In solchen Momenten und Begegnungen wird für mich die Vorstellung einer Welt jenseits des Kapitalismus greifbar. So ging es mir auch bei der Begegnung mit der Solidarischen Bewegung in Griechenland. Ich werde in Diskussionsrunden und nach Lesungen zu meinen Büchern oft gefragt, was denn »die Lösung« sei – aber gesellschaftliche Änderung erfolgt nicht nach einem Reißbrett- oder Zehn-Punkte-Plan.

Griechenland: Gesellschaftliche Änderung erfolgt nicht nach einem Reißbrett- oder Zehn-Punkte-Plan.

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Giovanopoulos erzählt: »Es ging von Anfang an darum, zeitgleich den Widerstand zu organisieren, Infrastrukturen zu schaffen und Erfahrungen und Material zu sammeln, um ein anderes Konzept von Gesellschaft und Ökonomie zu entwickeln.« Die Solidaritätsnetzwerke, die in und wegen der Krise entstanden sind, hätten den Widerstand gestärkt und erweitert: es gebe Demonstrationen und Besetzungen, neue Formen der sozialen und ökonomischen Selbstorganisation seien entstanden. Es gehe darum, den Ausnahmezustand zu überwinden, den die Troika Griechenland auferlegt habe. »Wir wollen mit der Solidaritätsarbeit die Widerstandsfähigkeit der Menschen stärken«, sagt Giovanopoulos, »unser Ansatz verbindet den Aufbau von Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit mit dem Aufbau politischer und materieller Macht von unten.«

Es geht darum, den Ausnahmezustand zu überwinden, den die Troika Griechenland auferlegt hat.

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Ein gutes Beispiel dafür sind die Märkte ohne Mittelsmänner, die Produzenten und Konsumenten ohne Zwischenhändler und Supermärkte zusammenbringen und so bessere Preise für beide sowie den Zugang zu gutem Essen für alle ermöglichen. Jeder daran beteiligte Produzent spendet darüber hinaus einen Teil seiner Produkte an solidarische Strukturen, welche die Lebensmittel wiederum an Mittellose verteilen. 45 solcher selbstorganisierter Gruppen gibt es davon in Griechenland; die Preise werden im Kollektiv verhandelt. Die Märkte ohne Mittelsmänner versorgen so bereits ein Viertel der Haushalte mit mehreren Tausend Tonnen Nahrung pro Jahr. Hier hat sich eine solidarische Ökonomie in großem Stil etabliert – und sie wächst.

Das Wesen der Macht verändern

Giovanopoulos hat 2012 das Syriza-nahe Solidaritätsnetzwerk Solidarity4all mitbegründet. Solidarty4all wiederum hat viele der solidarischen Initiativen angeschoben und unterstützt. Doch nach dem dritten Memorandum, in dem die linke Hoffnungsregierung, die aus dem Widerstand gegen die Troika hervorging, die Strukturanpassungen selbst durchsetzte, waren viele enttäuscht und verließen das Netzwerk. Giovanopoulos ist heute beim Zentrum für Soziale Ökonomie, Empowerment und Innovation KOMVOS aktiv. Der Solidarischen Bewegung hat das keinen Abbruch getan. Dennoch müsse man sich fragen: »Wie treiben wir die Bewegung voran? Mit welchem Ziel? Wie verallgemeinern wir das, was wir im Alltag gelernt haben? Welche konkrete Politik formulieren wir daraus, welche transformatorischen Konzepte? Wie gelangen wir zu einem Prozess, der nicht die Machthabenden austauscht, sondern das Wesen der Macht selbst verändert?«

Fragen der Solidarischen Bewegung: Wie verallgemeinern wir das, was wir im Alltag gelernt haben?

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Große Erfolge sieht Giovanopoulos auch bei den Solidarischen Kliniken. »Sie haben einen Zugang für alle geschaffen und ein ganzheitliches Konzept von Gesundheitsversorgung geschaffen. Und mit der kostenlosen Verteilung und dem Tausch von Medikamenten ist ihnen eine Transformation gelungen, die auch Besitzverhältnisse in Frage stellt.« Medikamente seien so zu Gemeingütern geworden. Weitere Fortentwicklungen müssten folgen: Von der öffentlichen Dienstleistung zum Gemeingut. Von der Umverteilung zur Produktion. Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft. »Wir dürfen nicht nur für universelle Rechte kämpfen, sondern auch konkret für andere Institutionen.«

Der Kampf hat längst begonnen. Weg von jenem neoliberalen Projekt Europa, das das Kapital und seine Institutionen schützt und dafür Staaten zwingt, ihrem eigenen Volk zum Feind zu werden. Weg von der Festung Europa, die den Besitz der Wenigen aggressiv gegen die Mehrheit der Nicht-Besitzenden verteidigt. Hin zu einer solidarischen Gemeinschaft, die ökologisch, ökonomisch und sozial gerecht ist. Nicht nur in Griechenland, sondern auch in anderen Ländern Südeuropas, in Italien, Portugal und Spanien, gibt es solche Solidarischen Bewegungen, die den Alltag der Menschen mit politischem Widerstand verknüpfen. Sie alle zeigen, wie Alternativen zum herrschenden System aussehen können und dass sie funktionieren. Deshalb haben sie die Kraft, Europa zu verändern. Wir können uns anschließen. Jederzeit.

Unter dem Titel Ende der Märchenstunde betreibt die Autorin ihren Blog.

Geschrieben von:

Kathrin Hartmann

Freie Journalistin