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Solidarität auf Ruinen

14.03.2017
Skulptur eines Läufers im Vordergrund, im Hintergrund sitzende Menschen einer StraßenversammlungFoto: Konstantinos Koukopoulos / flickr CC BY 2.0Anfänge der Graswurzelbewegung in Athen

Die rigide Sparpolitik von Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds (IWF) hat Griechenland in eine humanitäre Krise gestürzt: Zwei Drittel der Menschen leben am Rand und 30 Prozent unterhalb der Armutsgrenze. Gegen diese Verheerungen der Troika stellt sich eine wachsende solidarische und emanzipatorische Graswurzelbewegung. Kathrin Hartmann hat kürzlich Athen im siebten Jahr der Krise besucht und schreibt in einem dreiteiligen Tagebuch, was sie dort erlebt hat.

Teil I: Die Solidarischen Kliniken

Griechenlands Hoffnung befindet sich in einem schmucklosen Zweckbau aus den 1980er-Jahren im Zentrum von Korydallos – eine Gemeinde in einem westlichen Vorort von Athen. Hier steht eine von rund 50 Solidarischen Kliniken, die griechische Bürger gegründet haben, weil die Sparauflagen das Gesundheitssystem zum Kollabieren brachten. Ärzte behandeln dort, neben ihrem Dienst in Krankenhäusern, kostenlos Patienten, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben.

Auf der kleinen Terrasse treffe ich Quin Minassian. Es ist Januar. Sie fröstelt, obwohl sie zwei Pullis übereinander trägt und eine Tasse heißen Mokka in der Hand hält. Die 55-Jährige hat die Solidarische Klinik von Korydallos vor vier Jahren mitbegründet – auch aus persönlicher Not heraus. Die Krise traf die heute frühpensionierte Lehrerin hart: Zwei Jahre lang hatte das Bildungsministerium ihr und ihren Kollegen weder Gehalt noch Versicherung bezahlt. »Da habe ich Panik bekommen«, sagt sie, »was, wenn ich krank werde?« Sie wurde krank. Und hatte Glück: Ihr Arzt behandelte sie unbürokratisch und kostenlos. Und er wollte auch anderen helfen. Sie taten sich zusammen und fanden Freunde und Bekannte, die in Projekten für Geflüchtete aktiv waren, politisch Engagierte, aber auch Menschen, die wie Minassian ihre Arbeit verloren hatten. »Erst waren wir zu fünft – aber es hat sich verbreitet wie Feuer.« Die Aktivisten überredeten den Bürgermeister von Korydallos dazu, ihnen die leerstehenden Räume des Gesundheitszentrums der Bezirksverwaltung zu überlassen, das in der Krise schließen musste. »Es war noch ein Teil der Einrichtung da, allerdings ziemlich kaputt«, erzählt Minassian, »aber wir haben die Klinik gemeinsam in Schuss gebracht, fast ohne einen Pfennig dafür auszugeben.« Die Bürger halfen: Ein arbeitsloser Klempner hat die Wasserleitungen in der Zahnarztpraxis repariert, andere haben Fenster, Wände und Türen gestrichen. Ein Schreiner, der Holz, aber keine Kunden mehr hatte, zimmerte Regale, eine Apotheke spendete Schränke. Zwölf aktive Leute, beinahe alle ohne medizinische Erfahrung, eröffneten die Klinik.

Die Barbarei der Austeritätspolitik

Nirgends wird die Barbarei der Austeritätspolitik so deutlich wie im griechischen Gesundheitssystem. Die Regierung musste auf Druck der Troika das Gesundheitsbudget von 24 Milliarden auf 9,5 Milliarden Euro kürzen. Viele Krankenhäuser und städtische Gesundheitszentren mussten schließen, 30 000 Stellen wurden abgebaut, davon fast ein Drittel Ärzte. Das Budget für öffentliche Krankenhäuser wurde auf eine Milliarde gekürzt. Bis heute müssen Patienten Bettwäsche, Verbandszeug und Klopapier mitbringen. Weil es zu wenig Geld für Desinfektionsmittel gibt, sind auch die Infektionen mit Krankenhauskeimen gestiegen. Drei Millionen Griechen sind nicht krankenversichert und hatten jahrelang keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Die HIV-Infektionen haben sich verdreißigfacht, die Kindersterblichkeit ist um 40 Prozent gestiegen, die Zahl der unbehandelt gebliebenen Krankheiten um rund 50 Prozent. Die griechische Sektion der Organisation »Ärzte der Welt« hat zeitweise sogar Mediziner aus Afghanistan oder Uganda zurückgeholt. Tausende starben elend, weil sie sich ihre Krebs- oder Diabetesbehandlung nicht mehr leisten konnten. Es gibt Schätzungen, dass dieser Sparzwang bisher bis zu 50 000 Todesopfer forderte – Selbstmorde nicht eingerechnet.

Nirgends wird die Barbarei der Austeritätspolitik so deutlich wie im griechischen Gesundheitssystem.

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Versuchslabor für ein gerechtes Gesundheitssystem

Als die Klinik in Korydallos am 4. Februar 2013 um 9.30 Uhr öffnet, klingelt das Telefon bereits Sturm. Der erste Anruf, den Quin Minassian entgegen nimmt, zeigt schon das ganze Ausmaß des Wahnsinns: »Eine verzweifelte Frau war dran, deren Schwester Krebs hatte. Sie war arbeitslos und unversichert und musste ihre Chemotherapie abbrechen, sie konnte sich die Behandlung im Krankenhaus nicht mehr leisten und auch nicht das 1.500 Euro teure Medikament. Eine ganz schön harte Nuss.« Die Freiwilligen telefonierten mit Onkologen, Krankenhäusern, Krebs-Organisationen und anderen Solidarischen Kliniken, sie machten den Fall öffentlich. Drei Tage später hatten sie das Medikament und einen Onkologen gefunden, der die Frau behandelte. Ein Erfolg. »Doch uns wurde klar, dass wir uns angesichts der vielen Tausend unversicherten Krebspatienten nicht auf Glück oder den guten Willen einzelner Ärzte verlassen können.« Also bereiteten sie mit den anderen 48 Solidarischen Praxen einen landesweiten Protest vor: Im Januar 2014 demonstrierten sie gemeinsam vor griechischen Krankenhäusern und Krebs-Kliniken. »Viele Ärzte sind zu uns gekommen und haben gesagt, wir wollen das auch. So haben wir neue Verbündete in den Kliniken bekommen«, erinnert sich Minassian. Kurz darauf gab das Krebskrankenhaus Metaxa in der Hafenstadt Piräus bekannt, dass es unversicherte Krebspatienten wieder aufnehmen werde. Von Anfang an waren die Solidarischen Kliniken nicht als reine Nothilfe gedacht, sondern auch als ein Versuchslabor für ein neues, gerechtes und demokratisches Gesundheitssystem.

Solidarität im Alltag

Insgesamt 4.300 Patienten, meist mehrfach, behandelte die Solidarische Klinik in Korydallos in den vergangenen vier Jahren. Rund 70 Ärzte konnten sie mobilisieren, Allgemeinärzte, Augenärzte, Dermatologen, Chirurgen, Gastroenterologen, Gynäkologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Kinderärzte, Zahnärzte. Die meisten kamen zu Terminen in die Klinik, viele leisteten auch in ihren Krankenhäusern Hilfe – illegal. An der Rezeption neben der Terrasse klingelt das Telefon, ein Kollege von Minassian hängt am Handy, er versucht, einen Elektro-Ofen für eine Familie ohne Heizung zu organisieren. »Die Leute sind nicht einfach krank, sie haben viele existenzielle Sorgen gleichzeitig«, sagt Minassian. Sie erzählt von Damaris*, die an einem Märzmorgen völlig entkräftet mit Lungenentzündung vor der Tür steht. Ihre Mutter war vor kurzem an Krebs gestorben und der Vater pleite. Die 16-Jährige lebte mit ihm und ihren Geschwistern in einem leeren Laden ohne Heizung und Strom, sie waren auf Essensspenden von Freunden angewiesen. Von Urania*, aus deren Brust schwarze Flüssigkeit floss, weil die arbeitslose 40-Jährige Brustkrebs hatte und trotzdem ihre Behandlung abbrechen musste, weil sie sie nicht mehr bezahlen konnte. Oder Kumar*, der Inder ohne Papiere, Arbeit und Geld, der Diabetes in einem lebensgefährlichen Stadium hatte: »Ihn haben wir zwar in einem Krankenhaus unterbekommen – aber das war zu spät, er ist gestorben.«

Verheerungen der Sparprogramme

Während meiner Recherche in den Solidarischen Kliniken habe ich unzählige solcher Geschichten gehört. Von halb verhungerten Babys, deren Eltern das Milchpulver wie in Entwicklungsländern mit zu viel Wasser strecken. Von Säuglingen, die gestorben sind, weil die Klinik keine Nabelschnurklemmen hatte. Von Leuten, denen Gefängnis drohte, weil sie eine überlebenswichtige Behandlung nicht zahlen konnten. Von Menschen, die ihre Möbel verbrennen, weil ihnen Strom und Heizung abgestellt wurden. Sie machen mir Angst davor, zu welchen menschenverachtenden Methoden kapitalistische Institutionen fähig sind, wenn Banken Geld zurück haben wollen. Obwohl seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich belegt ist, welche sozialen und ökonomischen Verheerungen Spar-, Strukturanpassungs- und Privatisierungsprogramme anrichten.

Solidarische Kliniken in Griechenland sind keine Charity, sondern praktischer Widerstand.

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Der Flur der Klinik in Korydallos dient als Wartezimmer, alle Stühle sind besetzt. An den Wänden hängen Fotos und Plakate von Demonstrationen, Solidaritätsaufrufe für Geflüchtete und Landschaftsgemälden. Als mich Minassian als deutsche Journalistin vorstellt, geht ein Raunen durch die Reihen. Eine ältere Dame steht auf: »Schreib, wie es hier aussieht, wie die Leute für Medizin Schlange stehen, was Herr Schäuble uns angetan hat. Warum sagen die Deutschen, dass wir faul sind? Die haben nie gesehen, wie viel wir arbeiten. Jetzt arbeiten wir noch mehr und das Geld wird immer weniger.« Solche Worte höre ich immer wieder. Sie erfüllen mich mit Scham und Wut. Es waren ja nicht zuletzt die deutschen Medien, die gegen angeblich faule Griechen hetzten, um mitleidlose Zustimmung für Schäubles mörderischen Sparkurs zu erlangen. Schulden sind Machtinstrumente. Um ihre Brutalität zu rechtfertigen, müsse man sie moralisch aufladen, damit es gelingt, »Dinge zu rechtfertigen, die ansonsten empörend und obszön erscheinen würden«, schreibt der Antropologe David Graeber in seinem Buch »Schulden«.

Praktischer Widerstand

500 Meter Luftlinie entfernt füllt sich auch das Wartezimmer der Solidarischen Klinik von Piräus.»Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, die Kliniken so schnell wie möglich wieder zu schließen«, sagt Elena Chatzimichali, »aber der Bedarf war so riesig, wir sind regelrecht überrannt worden.« Die 40-Jährige hat die Klinik mitbegründet, sie wurde 2015 eröffnet. Chatzimichali führt mich in eines der beiden Behandlungszimmer. Darin stehen ein Ultraschallgerät und Kisten mit medizinischen Geräten, Spenden aus Frankreich und Deutschland. Ein EKG-Gerät ist in Luftpolsterfolie gewickelt. »Das geben wir an eine andere Praxis, weil wir das gerade nicht brauchen«, sagt sie. Denn im Moment behandeln hier keine Ärzte mehr. Im Februar 2016 hat der neue Gesundheitsminister von Syriza, Andreas Xanthos, das Gesetz geändert, so dass Unversicherte seit Juni 2016 wieder Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben. Das ist der bislang größte politische Erfolg der Solidarischen Kliniken: »Das ist ein wichtiges Ziel, das wir erreichen wollten. Wir sind ein Schritt weiter als vor der Krise: zum ersten Mal gibt es eine Trennung von Arbeit, Versicherung und Gesundheit. Jetzt haben per Gesetz alle das Recht auf Zugang zu Gesundheit.« Aber damit ist die Arbeit der Solidarischen Kliniken lange noch nicht zu Ende. »Sie hat sich nur verändert«, sagt Chatzimikali. Genutzt werden die Räume von Psychologen, die dort kostenlos Therapien anbieten. Auch die Zahnarztpraxis im Raum nebenan bleibt, in der eine Zahnärztin kostenlos behandelt. Solidarische Kliniken verfolgen kein starres Konzept, ihre Arbeit ändert sich mit den Bedürfnissen. »Weil uns die Leute viel erzählen, haben wir zu verschiedenen Zeiten immer verschiedene Probleme kennengelernt. So haben wir die Lücken des Gesundheitssystems verstanden und gelernt, was sich ändern muss. Diese Erfahrungen haben wir in unsere Arbeit und in den Protest getragen«, sagt Chatzimichali. »Wir sind keine Charity, sondern praktischer Widerstand. Wir wollen die Menschen nicht alleine lassen, aber auch die Politik ändern.«

Solidarische Kliniken sind das Herzstück der greichischen Graswurzelbewegung.

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Im Moment kommen die Leute vor allem, um sich Medikamente zu holen. Die sind für die meisten Patienten nach wie vor unerschwinglich, weil sie 25 Prozent des Arzneimittelpreises zahlen müssen. Die Apotheken sind das Kernstück der Solidarischen Kliniken: bis an die Decke stapeln sich in Piräus die Medikamente. Sie sind gespendet: von solidarischen Initiativen aus ganz Europa, aber auch von Bürgern, die Arzneien, die sie nicht mehr brauchen, dort abgeben. Heute hat der Apotheker Boukas Dimosthenis Dienst. »Wir decken den Bedarf zu 80 Prozent«, sagt er, »was wir nicht haben, besorgen wir in ein, zwei Tagen.« Er nimmt Rezepte entgegen, ein alter Mann, wohnsitzlos, legt ihm als Dank Bonbons auf die Theke. Die Solidarischen Apotheken tauschen Medikamente, in einem Computersystem sind alle erfasst. Sie versorgen damit auch Einrichtungen für Geflüchtete – und sogar öffentliche Krankenhäuser. Mit der Weitergabe und dem Tausch von Arzneimitteln ist den Solidarischen Kliniken sogar eine strukturelle Umgestaltung gelungen: Medikamente sind nicht mehr Privatbesitz, sondern Gemeingüter.

Das Herzstück der Graswurzelbewegung

Die Solidarischen Kliniken sind das Herzstück der Graswurzelbewegung, die unter dem Motto »Niemand ist allein in der Krise« aus den Protesten am Syntagma-Platz entstanden ist. Sie hat in ganz Griechenland insgesamt 400 verschiedene Formen von Selbstorganisation hervorgebracht: »Märkte ohne Mittelsmänner«, in denen Produzenten direkt an Konsumenten verkaufen, Essens-Kooperativen, Bildungsinitiativen, Gemeinschaftsgärten, Juristischer Beistand, Energie-Strukturen, selbstverwaltete Fabriken. Die Solidarischen Kliniken haben die Leute, die zu ihnen gekommen sind, nie nur als Patienten betrachtet, sondern immer versucht, ganzheitlich zu helfen. So haben sie Menschen, die ohne Heizung, Strom und Essen waren, die Schulden hatten und mit Räumungsklagen konfrontiert waren, in den jeweils zuständigen Initiativen untergebracht.

Linke Ideen, existenzielle Alltagsbedürfnisse

Bei allem Entsetzen über das Elend, das ich mitten in Europa gesehen habe, macht mir die Solidarische Bewegung Mut und Hoffnung: Hier treffen linke Ideen von Gerechtigkeit auf existentielle Alltagsbedürfnisse. Es handelt sich bei den Solidarischen Initiativen nicht um Nischenprojekte oder hierarchische Strukturen wie etwa die hiesigen »Tafeln«, die mit Unterstützung von Wirtschaft und Politik Krisenverwaltung und Systemerhalt betreiben. Mit ihren offenen Strukturen erreicht diese Graswurzelbewegung inzwischen mindestens ein Drittel der griechischen Bevölkerung. Diese zahllosen Initiativen haben einen Raum für soziale Beziehungen erschaffen, der für alle zugänglich ist. Ein Raum, in dem auch politischer Widerstand wächst und Ideen einer gesellschaftlichen Umgestaltung gedeihen. Und sie haben es sogar geschafft, die Rechten zu schwächen: Die neofaschistische Partei »Goldene Morgenröte« hat versucht, die solidarischen Strukturen zu kopieren – allerdings nur für Griechen. Ohne Erfolg.

In der März-Ausgabe des Enorm Magazins ist Kathrin Hartmanns Reportage »Widerstand in Weiß« zu lesen.

Kathrin Hartmann (1972) wurde mit dem erstmals verliehenen Siegfried-Pater-Preis ausgezeichnet. Unter dem Titel Ende der Märchenstunde betreibt die Autorin ihren Blog.

 

Geschrieben von:

Kathrin Hartmann

freie Journalistin