Wirtschaft
anders denken.

»Die steigenden Ansprüche niederzuschmettern«: Amazon und die »algorithmischen Streikbrecher«

23.12.2018
ArbeitÁlvaro Ibáñez, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Bei Amazon wird weiter für einen Tarifvertrag mit besseren Löhnen gestreikt. Der Konzern zeigt sich unbeeindruckt. Über die Rolle, die immer leistungsfähigere informationsverarbeitende Systeme als »algorithmische Streikbrecher« dabei spielen.

Wenn bei Amazon gestreikt wird, gibt das zwar immer noch Schlagzeilen, aber die Debatte tritt auf dem Fleck: die einen sorgen sich um die pünktliche Zustellung von Geschenken, die anderen sagen noch einmal pflichtschuldig ihre Kritik an den Arbeitsbedingungen beim Onlineriesen auf, die nächsten appellieren an die Macht der Verbraucher, was mitunter so weit geht, eine völlig Rückkehr des Einkaufens zu lokalen Ladengeschäften zu fordern, wovon die Beschäftigten beim Versandkonzern im Erfolgsfalle auch nicht gerade viel hätten. 

Ein Punkt ist in der aktuellen Streikbewegung hier und da immerhin hervorgehoben worden: die Rolle, die immer leistungsfähigerer informationsverarbeitender Systeme als »algorithmische Streikbrecher« spielen. »Künstliche Intelligenz kalkuliert Streiks ein«, heißt es da unter anderem. Oder auch: »Warum Amazon immun gegen Streiks ist«. Die »Welt« zitierte eine Konzernsprecherin mit den Worten: »Der Streik hat keinen Einfluss auf die Einhaltung unseres Lieferversprechens.« Und das ist offenbar nicht nur ein Schuss im Kampf um die kommunikative Hoheit während des Arbeitskampfes. 

»Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr«

Die immer komplexere Infrastruktur und leistungsfähige Datenverarbeitung bilden »ein raffiniertes logistisches System, das die Firma weitgehend immun gegen physische Störungen macht«, so die »Welt«, die den Experten Patrick Palombo mit den Worten zitiert: »Wenn es in einem Lager ein Problem geben sollte – aus welchem Grund auch immer –, schaltet das System automatisch zur Lieferung aus einem anderen Lager um.« Bei den Kunden seien auch daher kaum Auswirkungen von Streiks zu erwarten. 

Man erinnert sich an den Ausspruch von Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber, dessen schon ein paar Jahre alte Worte ein Sender jetzt noch einmal zitiert hat: »Wenn Glatteis ist, juckt uns das weit mehr, als wenn Verdi zum Arbeitskampf aufruft.« Per Datenverarbeitung – hier ist dann in den Berichten gern von Künstlicher Intelligenz die Rede, aber wie »intelligent« ist schon ein System, das sich zum Streikbrecher macht? – werden Lieferströme und erwartete Auslastungen erkannt. »Amazon arbeitet mit Algorithmen, die bei der Prognose für zukünftige Nachfragen helfen«, wird Ralf Herbrich zitiert, ein Entwickler des Konzerns. So würden auch Lagerbestand und die Personalausstattung gesteuert. 

Dies wird durch die dezentrale Infrastruktur des Konzerns noch perfektioniert: 30 Standorte hierzulande, elf Logistikzentren, vier Entwicklungszentren, 18.000 Beschäftigte, Tausende Saisonkräfte. Aus welchem Lager eine Bestellung losgeschickt wird, »entscheidet« Software unter Berücksichtigung von so genannten Störfaktoren, das reicht von Wetterbedingungen über Maschinenprobleme bis hin zu Arbeitsniederlegungen. Gegebenenfalls wird Ware aus einem anderen der 40 europäischen Logistikzentren versandt. 

Wie das Portal t3n.de berichtet, spielt hier auch die Kooperation von Amazon mit so genannten Marktplatzhändlern eine Rolle. Die können per »Versand durch Amazon« gegen Prozente von den Logistikressourcen profitieren und werden durch das Preissystem dazu angehalten, Artikel auch außerhalb von Deutschland zu lagern – was dann wiederum die Flexibilität im Falle eines Streiks erhöht. Laut t3n.de berechnet der Konzern »Händlern für jeden durch Amazon gelieferten Artikel kategorisch 0,50 Euro mehr, wenn dieser nicht zusätzlich zu den deutschen Standorten auch gleichzeitig in Polen und Tschechien eingelagert wird«. Wird dann in Leipzig gestreikt, kommt die Lieferung gegebenenfalls aus Polen oder Tschechien.

»Kampf zwischen Arbeiter und Maschine«

Was den Streik und die Rolle immer leistungsfähigerer informationsverarbeitender Systeme als »algorithmische Streikbrecher« angeht, kann man schon bei Karl Marx einiges nachlesen. Der hatte sich im ersten Band von »Das Kapital« unter anderem für den »Kampf zwischen Arbeiter und Maschine« interessiert und geschrieben: »Die Maschinerie wirkt jedoch nicht nur als übermächtiger Konkurrent, stets auf dem Sprung, den Lohnarbeiter ›überflüssig‹ zu machen«, sie werde auch »das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, Strikes usw. wider die Autokratie des Kapitals«. 

Marx hatte das unter anderem bei Peter Gaskell und Andrew Ure studiert. Gaskell hatte – in den 1830er Jahren mit Blick auf die gerade ihren Siegeszug in der Industrie beginnenden Dampfkraft – die Maschinerie als Antagonist der Menschenkraft bezeichnet, die den Kapitalisten auch befähige, »die steigenden Ansprüche der Arbeiter niederzuschmettern«. Marx meinte, man »könnte eine ganze Geschichte der Erfindungen seit 1830 schreiben, die bloß als Kriegsmittel des Kapitals wider Arbeiteremeuten ins Leben traten«. Und Ure hatte auch schon 1835 gewarnt, dass in dem immer massenhafteren Einsatz von »selbstthätigen Maschinen« auch ein Motiv der Beherrschung liege. Es zeige sich, »dass das Kapital, indem es die Wissenschaft in seinen Dienst presst, stets die rebellische Hand der Arbeit zur Gelehrigkeit zwingt«. 

Lässt man sich vom Anschein nicht täuschen und nimmt die »Maschine« als das was sie ist, die Materialisierung des jeweiligen Standes des technologischen Fortschritts, ist die Parallele zum »algorithmischen Streikbrecher« offensichtlich. In der operaistischen Tradition spielte eine Sichtweise, die Maschineneinsatz als Form kapitalistischer Herrschaft verstand, eine wichtige Rolle. 

Technik und die Autorität des Kapitalisten

Raniero Panzieris berühmter Aufsatz aus der ersten Ausgabe der »Quaderni Rossi« von 1961 umriss diese Perspektive, die Technikeinsatz als unmittelbares Instrument der Klassenherrschaft kritisierte: »Je höher das Niveau des technologischen Fortschritts des Industrialisierungsprozesses ist, desto mehr verstärkt sich die Autorität des Kapitalisten«, heißt es da unter anderem. Die kapitalistische Entwicklung der Technologie bringe auch »eine ständig wachsende kapitalistische Kontrolle mit sich«, die als »neue Möglichkeiten der Konsolidierung« der Macht der Kapitalseite wirkten. Neue »Informationstechniken« würden zum Einsatz kommen, um »den Protest der Arbeiter gegen den ›totalen‹ Charakter der Entfremdungsprozesse in der rationalisierten Großfabrik« zu »neutralisieren«.

Für die Gewerkschaft ist das ein Problem, weil ein Streik umso größere Chancen auf Erfolg hat, desto stärker er auf die unternehmerischen Abläufe einwirkt. In der »Mitteldeutschen Zeitung« hat vor einigen Monaten ein Fachsekretär von ver.di, Thomas Schneider, erklärt, »Amazon hat einen Computer-Algorithmus für die Logistik entwickelt, der auf die Streiks sofort reagiert«. Seit 2013 seien drei Lager in Polen und zwei in Tschechien entstanden, »die fast ausschließlich nach Deutschland liefern«, schreibt die Zeitung unter Berufung auf die Gewerkschaft. »Laut polnischen Medien verdienen die dortigen Lagerarbeiter vier Euro die Stunde.«

Der entscheidende Faktor ist hier aber dennoch, die informationelle Steuerung über viele Standorte hinweg. Der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung, Kai Hudetz, nennt im MDR die beiden Hebel: »Sie haben immer mehr Logistikzentren, sie haben eine ausgefeilte IT.« Und weil der Konzern immer »neu optimiert, neu berechnet« und »eine wahnsinnige Datenflut« sehr gut beherrsche, sei der Konzern trotz Arbeitskampf in der Lage, »doch noch sehr hohe Liefergeschwindigkeiten zu realisieren«.

Geschrieben von:

Vincent Körner