Wirtschaft
anders denken.

Die unsichtbare Hand am Arbeitsmarkt

12.07.2020
Gemeinfrei

Auch im England des frühen 19. Jahrhunderts musste der Arbeitsmarkt vom Staat erst hergestellt und reguliert werden: durch das Kombilohnmodell des Speenhamland-Systems. Ein Artikel aus OXI 06/2020.

Nur wenige Monate währte das erste Experiment eines weitgehend unregulierten nationalen Arbeitsmarkts. Inspiriert von den Ideen Adam Smiths hatte die englische Regierung unter William Pitt, als dessen Berater Smith bis zu seinem Tod tätig war, zu Beginn des Jahres 1795 die Gemeindebindung aus dem Niederlassungsgesetz von 1662 aufgelöst.

Für den Begründer der klassischen Politischen Ökonomie war diese »Sprengel-Leibeigenschaft« die »offenbarste Verletzung der natürlichen Freiheit und Gerechtigkeit«, die »die Entfaltung des Wirtschaftens in nationalem Rahmen« und nach »Marktregeln« nachhaltig verhindere, wie er schon fast 20 Jahre zuvor in seiner »Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker« geschrieben hatte.

Die nun gewährte Freizügigkeit innerhalb des gesamten Landes schuf allerdings nicht nur den heiß ersehnten Markt für Arbeitskraft. Sie stellte zudem die bereits in weiten Teilen des Landes gelockerte Armengesetzgebung vollends in Frage, nach der in ihrer Heimatgemeinde lebende Mittellose im Gegenzug zu ihrer Stigmatisierung – Listen mit ihren Namen wurden an öffentlichen Wänden angeschlagen und sie selbst mussten für jeden sichtbare Zeichen an ihrer Kleidung tragen – in den Armen- und Arbeitshäusern mit dem Allernötigsten versorgt wurden. Und auch die regional sehr unterschiedlich festgesetzten Mindestlöhne für Handwerksberufe, die zudem schon seit längerer Zeit immer weniger Anwendung gefunden hatten und gerade für die Baumwollspinnerei keine Geltung besaßen, waren damit praktisch weitgehend suspendiert worden.

Die in der Folge auf der Suche nach Arbeit durch die Lande ziehenden, ihrer letzten Sicherheiten des hergebrachten, paternalistisch organisierten physischen Überlebens Beraubten müssen ein schreckliches Bild abgegeben haben. So fürchterlich, dass selbst die für die öffentliche Wohlfahrt zuständigen Friedensrichter aus dem westlich von London gelegenen Berkshire, wo sich große Massen der Elenden sammelten, schon bald ein Einsehen hatten.

Konfrontiert »mit einem Pauperismus größten Ausmaßes« – der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi hat ihren Anteil in seiner Studie »The Great Transformation« zu diesem Zeitpunkt auf bis zu 40 Prozent der Gesamtbevölkerung geschätzt – schrieben sie im »Pelican Inn«, einem Pub in Speenhamland bei Newbury, am 6. Mai noch desselben Jahres Rechtsgeschichte: Jedem »arbeitsamen Mann« wurde ein Wochenlohn zugestanden, der dem Dreifachen des Preises eines Laibes Brot entsprach, jedem weiteren Familienmitglied der Gegenwert eines weiteren Laibes. Nicht aber die Arbeitgeber sollten auf die Zahlung dieses staatlich fixierten Mindestlohns verpflichtet werden, sondern im Falle eines geringeren Lohnes sollte ein Zuschuss aus dem öffentlichen Armenfonds für die Differenz aufkommen.

Die Botschaft aus Berkshire verbreitete sich blitzartig im ganzen Land und das Speenhamland-System, obwohl als regionale Maßnahme konzipiert, setzte sich innerhalb kürzester Zeit in allen Grafschaften des Königreiches durch. Bis zu einem Drittel aller arbeitsfähigen Briten nahm in den folgenden Jahren die Zuschüsse in Anspruch.

Vermutlich dürften die braven Richter aus der Provinz aber nicht nur von dem Ausmaß überrascht gewesen sein, sondern auch den tiefgreifenden wirtschaftlichen Folgen. Hatte sich der Staat bisher nur für diejenigen zuständig gefühlt, die entweder für den Arbeitsmarkt gänzlich untauglich waren oder aber als Reservearmee gerade nicht benötigt wurden, so musste er nun auch für das Überleben der »arbeitenden Klasse« sorgen. Noch nie habe sich ein Gesetz zumindest in den ersten Jahren »ähnlich hoher Beliebtheit« erfreut, folgerte der britische Nationalökonom Hugh Owen Meredith. Denn dieses frühkapitalistische Kombilohnmodell stellte in den Worten Polanyis nicht weniger als das erstmalig kodifizierte »Recht auf einen Lebensunterhalt« gegen einen sich selbst regulierenden Arbeitsmarkt und seine Gefahren dar – und dies kaum ein halbes Jahr nach seiner Gründung.

Die Motive dieser doch sehr erstaunlichen Entwicklung haben sowohl Polanyi als auch der große britische Sozialhistoriker Edward P. Thompson zunächst in der gegen die Modernisierung gerichteten »Vorherrschaft der Gutsherren« (Polanyi) gesucht, für die das neue Armenrecht die staatlich bezuschussten billigen Arbeitskräfte massenhaft auf dem Land band, weil ein Recht auf die Zahlungen nur in den Heimatgemeinden bestand. Und tatsächlich sprechen auch einige der Berichte, die von der Kommission zur Überprüfung der Armengesetze 1836 vorgelegt wurden, für diese These einer »totale(n) Klassenabhängigkeit (der Besitzlosen, A. B.) von den Grundherren« (Thompson); auch wenn diese mit einiger Vorsicht zu lesen sind, war diese Kommission doch explizit eingesetzt worden, um die Abschaffung auch des Speenhamland-Systems im Jahr 1834 zu rechtfertigen. »Die Farmer bewahren uns mithilfe der Armensteuern wie Kartoffeln in einer Grube auf und holen uns nur heraus«, heißt es etwa in der Aussage eines anonymen Landarbeiters, »wenn sie es ohne uns nicht mehr schaffen.«

Vor allem aber war die Gesetzgebung eine Reaktion auf die völlig fehlenden Grundlagen eines Arbeitsmarktes im England des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Jobs waren rar, obwohl das Bevölkerungswachstum gerade erst einzusetzen begann. Auf dem Land setzte die seit 1750 durch die Einhegungen des Gemeindelandes in Gang gesetzte Agrarrevolution Millionen ehemaliger Bauern frei.

Eric Hobsbawm hat in seiner monumentalen britischen Wirtschaftsgeschichte darauf hingewiesen, dass anders als in allen anderen europäischen Ländern, in denen mindestens vier Fünftel der Menschen noch traditionell bäuerlich lebten, in England um 1800 nur noch ein Drittel der Arbeitskräfte in der weitgehend kommerzialisierten Landwirtschaft beschäftigt gewesen sei, »während es eine ›Bauernschaft‹ im üblichen Sinn des Wortes gar nicht mehr gab«, wie es in »Industrie und Empire« heißt.

Aber ein Fabriksystem, das diese Heere der nun doppelt frei gewordenen Lohnarbeiter massenhaft hätte einsaugen können, begann sich erst ab 1815 langsam und dann zehn Jahre später mit immenser Geschwindigkeit auszubreiten. So diente die neue Armengesetzgebung, wie auch die bis 1833 viermal veränderten Vorschriften über die Einschränkungen der Kinderarbeit, der Erhaltung der Arbeitskraft über diese schweren Jahrzehnte des Übergangs zur Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise hinweg – wenn auch auf allergeringstem Niveau. Schon Smith hatte darauf verwiesen, dass es bei der Herstellung von Marktbeziehungen für begrenzte Zeiten nötig werden könnte, »öffentliche Aufgaben durchzuführen (…), um den Lebensunterhalt für die Bevölkerung zu verbessern«, wenn dies auf dem Markt nicht möglich wäre.

Funktional waren diese Bestimmungen auch, weil der chronische Kapitalmangel der englischen Unternehmer in diesem ersten Akkumulationszyklus – Hobsbawm gibt für die Kapitalbildung in dieser Zeit lediglich 7 Prozent an, während normalerweise für schnelle erste Zyklen ein Stock von 30 Prozent als notwendig angesehen wird – diesen durch die Lohnzuschüsse ausgesprochen billige Arbeitskräfte zuführte. Denn das Existenzminimum kehrte sich rasch in einen Höchstlohn um.

War es schon vorher kaum möglich gewesen, für einfache Arbeitstätigkeiten Entgelte zu erhalten, die eine Existenz ermöglichten, so sanken die Löhne über die Jahrzehnte auch für die besser bezahlten Stellen ab. Gerade weil die Subventionierung an die Arbeit gebunden war, also praktisch Arbeitspflicht bestand, und die um die Jahrhundertwende nochmals verschärften Antikoalitionsgesetze kollektive Lohnverhandlungen unter Androhung härtester Strafen verhinderten, erhöhte sich die Konkurrenz um die Jobs noch weiter.

Polanyis Fazit, dass allen Intentionen der Friedensrichter zum Trotz »in Wirklichkeit öffentliche Mittel zur Subventionierung der Arbeitgeber« benutzt worden seien und der Haupteffekt langfristig darin bestanden habe, »die Löhne unter das Existenzminimum zu drücken«, wird man angesichts des stetig sinkenden Lohnniveaus kaum widersprechen können.

1834 schlug dann allerdings doch die Stunde, die schon hätte 1795 schlagen sollen. Das durch die Wahlrechtsreform zwei Jahre zuvor zu Macht gekommene englische Bürgertum sah sich nun in die Lage versetzt, das akkumulierte Kapital in die Ausdehnung der Produktion und die Erhöhung des »relativen Mehrwerts« (Marx), also die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, zu investieren, ohne dabei eine völlige Destabilisierung der Gesellschaft herbeizuführen, wie sie sich in den großen Revolten der ludditischen Maschinenstürmer seit 1811 angedeutet hatte.

Diese weitgehende Liberalisierung des Arbeitsmarktes, theoretisch angetrieben durch Ökonomen wie Thomas Malthus oder David Ricardo, hatte aber erst erfolgen können, als die erste Welle der Akkumulation abgeschlossen war. Eines blieb aber: die Armut der Arbeiter. Ein aufmerksamer Beobachter wie Alexis de Tocqueville etwa wunderte sich auch in den 1830er Jahren über die Paradoxie, dass es im reichsten Land der damaligen Welt auch die meisten Armen gab. Die Friedensrichter aus Berkshire waren da aber längst im Ruhestand.

Geschrieben von:

Axel Berger

Historiker