Wirtschaft
anders denken.

Die Vielfalt, die keine ist

31.10.2016
Eine Wand in der einige Steine ausgetauscht wurden.Foto: kallejipp / photocase.deDie Neoklassik hat erfolgreich die keynesianische Makroökonomie integriert.

Acht Jahre nach der Finanzmarktkrise ist die Arroganz und Macht der Neoklassiker ungebrochen. Ein Grund: Die Kritik der Linken an der Neoklassik ist nicht auf der Höhe der Zeit.

Wir erinnern uns: In der großen Finanzmarktkrise 2008/09 war von den neoklassischen Ökonomen – wegen ihrer herrschenden Position in der Volkswirtschaftslehre auch als Mainstream-Ökonomen bezeichnet – nichts zu hören und fast nichts zu lesen. Neoklassisch heißt diese Theorie, weil ihre Anhänger sich selbst als Nachfolger der klassischen Lehre von Adam Smith, David Ricardo und anderen verstehen, obwohl sie deren Arbeitswerttheorie ablehnen und durch die sogenannte Grenznutzentheorie ersetzt haben; die erste Theorie geht davon aus, dass der Wert der Produkte von der zur Herstellung notwendigen Arbeitszeit bestimmt wird, während die zweite sagt, der Nutzen der Konsumenten sei für den Wert bestimmend.

Diesen Mainstream-Ökonomen wurde damals vorgeworfen, dass sie mit ihrer wirklichkeitsfernen Modell-Ökonomie die Finanzkrise nicht vorhersehen konnten; in ihren Modellen kommen die Bereiche Geld, Kredit und damit die Finanzmärkte gar nicht vor. So gerieten sie zunächst einmal in die Defensive. Acht Jahre später – und trotz der erst sehr lauten Rufe nach einer pluralistischeren Wissenschaft – hat sich wider Erwarten der Status der damals grundsätzlich kritisierten Wissenschaft wieder gefestigt. Das zeigen nicht nur mehrere Bücher, wie das Befremdliche Überleben des Neoliberalismus des britischen Soziologen Colin Crouch oder Untote leben länger des amerikanischen Wissenschaftsphilosophen Philip Mirowski.

Acht Jahre später

Der österreichische Ökonom Jakob Kapeller hat 2012 mit seinem Werk Modell-Platonismus in der Ökonomie eine bereits in den 1960er-Jahren aus wissenschaftstheoretischer Sicht formulierte Kritik an wirklichkeitsfernen Modellen neu begründet. Aber: Diese Kritik wird von den Mainstream-Ökonomen nicht einmal wahrgenommen, sie immunisieren sich. Und den kritischen Studierenden, die mehr Pluralität wollen, wird gesagt, sie sollen erst ihr Studium mit Erfolg abschließen, bevor sie mitreden dürfen.

Diese Haltung ist dreist. Der neoklassische Makroökonom Rüdiger Bachmann lieferte dafür jüngst auf dem Kongress des Berufsverbandes der deutschsprachigen Ökonomen, des Vereins für Socialpolitik, ein markantes Beispiel; der Name des Vereins stammt aus dem 19. Jahrhundert, als viele Ökonomen noch als »Kathedersozialisten« bezeichnet wurden, die im Deutschen Reich, im Gegensatz zu heute, auf Sozialreformen drängten. Auf dem jüngsten Kongress des Verbandes also reagierte Bachmann auf die Kritik von Jakob Kapeller, »nur ein Blickwinkel der Theorie« reiche nicht mehr aus, um die komplexer werdende Weltwirtschaft angemessen zu analysieren, mit den Worten, er verstehe nicht, was Kapeller gesagt habe. Hier sitzen Mainstream-Ökonomen in ihrer künstlichen Welt, hermetisch abgeriegelt und luftdicht verschlossen gegen Kritik.

Die neue neoklassische Vielfalt, die keine ist

Bachmann – er lehrt an der US-Universität, an welcher der prominente Neoliberalismus-Kritiker Mirowski auch lehrt – verteidigte auf der Tagung die herrschende Lehre gegen die Kritik, sie sei nicht pluralistisch. In der Tat ist es so, dass auch die Mainstream-Ökonomen an der primitiven Vorstellung, Menschen handelten grundsätzlich als homines oeconomici, als nutzenmaximierende Individuen, in dieser reinen Form nicht mehr wie bisher festhalten. Die Gründe dafür: Die sogenannte Verhaltensökonomie und die Spieltheorie haben dieses simple Bild des ökonomischen Akteurs als einseitig korrigiert und mit realistischeren Modellen des individuellen wirtschaftlichen Handelns ersetzt. Die Verhaltensökonomie untersucht im Einzelnen, wie sich die Wirtschaftsakteure tatsächlich verhalten und das weicht dann oft von diesem Kunstmodell des homo oeconomicus ab. Die Spieltheorie analysiert komplexe Entscheidungssituationen mit dem Blick auf Vorteile und Risiken von Entscheidungen. Dabei registriert sie auch Fehlentscheidungen, die darauf beruhen, dass die Akteure unvollständig oder falsch informiert sind. Vor allem diese Befunde stehen im Gegensatz zu der Annahme der Neoklassiker, die Marktakteure seien vollständig informiert. Diesen weithin respektierten und gut belegten neuen Erkenntnissen konnten sich nicht einmal die Neoklassiker komplett verschließen; sie nahmen sie also teilweise (und vor allem widerwillig) auf. Zweitens habe die neoklassische Ökonomie, so führte Bachmann weiter aus, mit dem Begriff der rationalen Erwartungen bereits in den 1970er-Jahren eine Brücke geschlagen: von ihren mikroökonomischen Modellen zu den makroökonomischen, also zu volks- und gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen. Damit habe die Neoklassik folgendes geleistet: Sie habe der keynesianischen Makroökonomie eine mikroökonomische Basis verschafft, diese damit entscheidend korrigiert und zugleich diese stark korrigierte Form des Keynesianismus in die eigene neoklassische Lehre integriert.

Keynesianismus vereinnahmt

Seit dieser Zeit werde daher, behauptet Bachmann, im Kern zwischen zwei makroökonomischen Schulen unterschieden: einer neuen neoklassischen Makroökonomie, zu der auch neue Varianten des alten Monetarismus eines Milton Friedman gezählt werden, und einem neuen oder auch neoklassischen, weil mikroökonomisch fundierten Keynesianismus. Diese auch als neuklassisch bezeichnete Theorie bezieht den Arbeitsmarkt, den Gütermarkt und den Kapitalmarkt in ihre Modelle ein und kommt dadurch zu einer Sicht, die der keynesianischen Makroökonomie ähnlich sei. Diese neuen Varianten und Erweiterungen der neoklassischen Lehre um das mikroökonomisch fundierte keynesianische Modell seien der Beweis für den faktischen Pluralismus der Volkswirtschaftslehre. Es komme hinzu, dass ein neues makroökonomisches Modell, namens DSGE (engl.: dynamic stochastic general equilibrium), entwickelt worden sei, das auch von Keynesianern angewandt werde; dieses Modell, das im Kern unverändert von neoklassischen Annahmen ausgeht, wird unter anderem von Forschungsinstituten angewandt, um die Wirkung von politischen Entscheidungen auf wirtschaftliche Prozesse einzufangen. Radikal andere Sichtweisen wie der traditionelle Keynesianismus und seine Weiterentwicklung zum Postkeynesianismus sind deshalb, so die Meinung von Bachmann und seinen Neoklassikern, mit diesem Prozess der Ausdifferenzierung der Neoklassik wissenschaftlich überholt und damit überflüssig geworden. Die Politische Ökonomie von Karl Marx, eine feministische oder eine ökologische Ökonomie werden von den herrschenden Neoklassikern nicht als Wissenschaft verstanden und akzeptiert. Die Kritiken, die aus wissenschaftstheoretischer Sicht wiederum der Neoklassik die Kennzeichen von Wissenschaft absprechen, werden von den Kritisierten überwiegend nicht einmal zur Kenntnis, gleich gar nicht ernst genommen. Die etablierte neoklassische Volkswirtschaftslehre versteht sich selbst als »Königsdisziplin« der Sozialwissenschaft und fühlt sich über sozialwissenschaftliche Kritik erhaben

Modernisiert, mächtig, als Sekte organisiert

Auf diesen Elementen basiert also der unverändert große, dominierende Einfluss der Neoklassiker auf Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit: Mit diesen hier dargestellten und zugleich kritisierten Anpassungen und der geschickten Integration ursprünglich abweichender (keynesianischer) Sichtweisen gelingt es den Vertretern der neoklassischen Doktrin, sich erfolgreich gegen Kritik zu immunisieren. Zudem sind sie unangefochten »im Geschäft«: Sie dominieren unverändert die Lehrstühle an Universitäten und die Arbeit der Wirtschaftsforschungsinstitute. Ein wichtiges »Auslese«-Instrument sind dabei die Ökonomen-Rankings, wie sie in Deutschland vom Handelsblatt veröffentlicht werden. Diese werden nach der Menge ihrer Zitierungen in den einschlägigen Fachblättern gereiht und erzeugen dadurch ein selbstreferentielles System, das diejenigen ausgrenzt, die von der Zunft als Außenseiter ignoriert werden. Die Fachzeitschriften (Journals) definieren wiederum mit ihren Beiräten: Was gilt als wissenschaftlich und was nicht? Die neoklassische Zunft dominiert auch über ihre in Postgraduierten-Kollegs getrimmten Ökonomen die Bürokratien in den zuständigen Ministerien. Nur im Arbeits- und Sozialministerium haben sich Vertreter der keynesianischen Schule und der katholischen Soziallehren behaupten können. Die neoklassischen Ökonomen beeinflussen wesentlich auch, an wen Studienaufträge von Ministerien und unternehmensnahen Stiftungen vergeben werden. Es handelt sich zugespitzt formuliert: um eine quasi-religiöse Sekte mit eng regulierten Zugang und hoher Gefolgschaftstreue. Deren Einfluss wird auch gestützt, weil die unter Linken verbreitete Kritik an den einfachen und realitätsfremden Modellen der neoklassischen Volkswirtschaftslehre den aktuellen akademischen Status dieser Disziplin nur unzureichend analysiert. Denn die neoklassische Lehre und Forschung hat sich weiterentwickelt, siehe oben. Dies muss auch die Linke um ihrer Glaubwürdigkeit willen zur Kenntnis nehmen. Entscheidend bleibt unverändert: Die Neoklassik ist allen »Modernisierungen en detail« zum Trotz ihren alten Dogmen treu geblieben. Auf wissenschaftliche Kritik reagiert diese Schule nicht. Sie verweigert die Auseinandersetzung. So wird sich nur etwas ändern, wenn die Politik mit einer gezielten anderen Vergabe ihrer Forschungsmittel dafür sorgt, dass die Schule der Neoklassik geschwächt und etwa die Schulen der Keynesianer, der feministischen Ökonomie, der politischen Ökonomie, der Institutionenlehre, der Verhaltensökonomie, … entscheidend gestärkt werden – und damit endlich Pluralismus hergestellt wird.

Im Text erwähnte Literatur:

Colin Crouch: Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Edition Suhrkamp, Frankfurt/M. 2011.

Jakob Kapeller: Modell-Platonismus in der Ökonomie. Verlag Peter Lang, Frankfurt/M. 2012.

Philip Mirowski: Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist. Matthes & Seitz, Berlin 2015.

Geschrieben von:

Michael Wendl
Michael Wendl

Mitherausgeber von »Sozialismus«