Wirtschaft
anders denken.

Die Wende von 1973

04.08.2018

Ölkrise, Neoliberalismus, Ende des Booms: Warum wir zurückblicken müssen, um die Gegenwart zu verstehen. Progressive Antworten auf die Herausforderungen von heute sind nicht im Gestern zu finden, wohl aber liegt dort der Stoff für nützliche Erkenntnis. Ein Beitrag aus der gedruckten Juli-Ausgabe von OXI.

Einigermaßen unheimlich waren die Zeiten »im Zeichen der Dollar-Krise« Mitte 1973 auch der Verbraucherzeitschrift »test«. Selbst wer keine Ahnung von Währungspolitik hat, »ahnte zumindest, dass die Situation ernst war«. Die Zeitform, in der ein Editorial dies anmerkte, zeugte von einer damals noch existierenden Zuversicht: »Inzwischen hat sich die Situation an der Währungsfront beruhigt.« 

Der Optimismus, der darin steckte, war durchaus typisch für jene Zeit, die vom »Goldenen Zeitalter des Nachkriegskapitalismus« (Oliver Nachtwey) geprägt war und die Welt also aus dieser Erfahrung heraus betrachtete: einer Periode bis dahin nicht gekannter Prosperität. Hohe Wachstumsraten bildeten »die zentrale Ressource für eine Moderation struktureller Ungleichheiten, indem bei steigender Produktivität Beschäftigung und gesellschaftliche Integration durch sozialen Aufstieg ermöglicht wurden«. Wohlstand, Lohnerhöhungen, Bildungsexpansion. 

Die Sache mit dem Wachstum hatte aber einen Haken: Es ließ nach. Begegnete man dem zunächst mit keynesianischer Nachfragesteuerung, brachte dies aber bald schon nicht mehr die erhofften Ergebnisse. »We’re all Keynesians now!«, hatte US-Präsident Richard Nixon 1971 noch ausgerufen. Da lief die Revolte des Kapitals gegen eine leidlich erfolgreiche soziale und demokratische Einhegung des Kapitalismus aber schon. 

Und eben dieser Kapitalismus veränderte sich und mit ihm die soziale Wirklichkeit: 1973 lag die Zahl der Erwerbslosen in der Bundesrepublik bei 0,27 Millionen, 1982 waren es schon über zwei Millionen. Der Wandel der Indus­triegesellschaft kehrte regionale Disparitäten um. Erstmals übertraf 1973 der tertiäre Sektor den sekundären an Bedeutung, Dienstleistungen waren nun zahlenmäßig wichtiger als das produzierende Gewerbe. Solche Entwicklungen korrespondierten mit globalen Schüben, Krisen, Annäherungen: 1973 startete der KSZE-Prozess zwischen den Blöcken in Europa, es scheiterte zugleich das Währungssystem von Bretton Woods endgültig, die erste Ölkrise fegte Autobahnen leer, beide deutschen Staaten wurden Mitglied der UNO. 

Mit anderen Worten: Die Welt wandelte sich und das blieb nicht ohne Wirkung auf das ökonomische Denken – zumal hier auch schon zuvor Probleme existierten. Die große Wirtschaftswissenschaftlerin Joan Robinson hatte bereits im Jahr davor von einer »Krise der Wirtschaftstheorie« gesprochen. Es war nicht die erste, aber es war eine, die tiefere Spuren hinterließ, Furchen, die bis heute die Felder der politischen und ökonomischen Auseinandersetzung durchziehen. 

Was heute Neoliberalismus genannt wird, konnte sich damals auch deshalb durchsetzen, weil eine zuvor breit akzeptierte Kritik an einer »naturalistischen Fiktion der Wirtschaftstheorie« (Jan-Otmar Hesse) wieder ins Wanken gebracht worden war: die Ablehnung einer Weltsicht, nach der es »eine überzeitlich, gleichsam naturgesetzlich funktionierende Wirtschaft gebe«, geriet in die Defensive. Parallel verlor linke Wirtschaftspolitik ebenso wie die keynesianische oder an Marx orientierte akademische Ökonomie an Boden, die Neoklassik feierte ihre neue Hegemonie. 

Das alles ist mit dem Jahr 1973 verbunden. »Man kann es heute nur als großen strategischen Fehler des Keynesianismus ansehen«, haben die beiden Ökonomen Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt in ihrem jüngsten Buch geschrieben, »die Neoklassik als satisfaktionsfähigen wissenschaftlichen Counterpart akzeptiert zu haben, statt sie von Anfang an als ein normatives Gebilde zu charakterisieren, das keinem sinnvollen gesellschaftlichen Zweck dient.« Die Neoklassik mit ihrem Modelldenken und ihrem Marktaberglauben .hätte viel früher als ideologisch getränktes Konzept des Interessenlobbyismus kritisiert werden müssen. 

Auch hier gilt freilich: Einfach zurückzuspringen an jene Stelle der Geschichte, an der falsch abgebogen wurde, wird nicht funktionieren. Zumal »der Keynesianismus« auch und ganz zu Recht Kritik auf sich zieht. Das geht bei den ökologischen blinden Flecken los und hört bei der von weiter links formulierten Absage an Wirtschaftspolitiken, die wie »Pflegekräfte am Krankenbett der kapitalistischen Funktionsfähigkeit wirken und sich den Kopf der herrschenden Unordnung zerbrechen«, wie der Ökonom Robert Kurz einmal schrieb, noch lange nicht auf. Und was wir als Neoliberalismus bezeichnen, war in vielem auch »keynesianischer«, als es nach außen hin schien – die staatlichen Interventionen gingen allerdings in die andere Richtung.

Wenn in unseren Zeiten über die Möglichkeiten der Korrektur dieses neoliberalen Wegs diskutiert wird, klingt mitunter die Hoffnung an, es könne ein Zurück zu jenen Zeiten geben, in denen eine »soziale Moderne« deshalb politisch durchgesetzt werden konnte, weil es einen breiten Konsens der Einhegung und Einbettung des Marktes gab. »Erst später wurde klar, welche historische Ausnahmekonstellation diese Phase auszeichnete«, so hat es Nachtwey in seiner »Abstiegsgesellschaft« formuliert. 

Wer also über eine andere Zukunft weiterhin und möglichst nicht nur reden will, muss beides können: zurückblicken, um die Gründe zu verstehen, warum es heute so ist, wie es ist; und akzeptieren, dass die ja in Wahrheit auch nur vermeintlich gute alte Zeit nicht wiederkehren wird. 

Progressive Antworten auf die Herausforderungen von heute sind nicht im Gestern zu finden, wohl aber liegt dort der Stoff für nützliche Erkenntnis. Zum Beispiel das empirische Anschauungsmaterial dafür, »dass die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist« (Karl Marx). Davon, also von der kritisch analysierten Wirklichkeit, wird auch heute jede an sozialen, ökologischen und internationalistischen Normativen ausgerichtete Veränderung ausgehen müssen. 

Geschrieben von:

Vincent Körner