Wirtschaft
anders denken.

Die Zukunft der Arbeit als Schicksal

28.04.2017
Mehrere Stapel Zeitungen nebeneinander.Foto: / flickr CC BY-ND 2.0 Die Digitalisierung erscheint in den Zeitungen als Schicksal.

Wissenschaft kann, wenn sie nicht dressiert im akademischen Zirkus auftreten muss, ein Abenteuer sein. Zu analysieren, was sieben führende deutsche Tages- und vier Wochenzeitungen in 360 Artikeln mit rund 350.000 Wörtern zur Zukunft der Arbeit zu sagen haben, war aufregend. Ein Werkstattbericht.

Die Digitalisierung gleicht einer Operation am offenen Herzen der Arbeitsgesellschaft. Welche Ängste und Hoffnungen, welche Drohungen und Verheißungen in der öffentlichen Debatte über die Zukunft der Arbeit vorherrschen, das ist die Frage, mit der wir, die drei Autoren, die Untersuchung der Presseberichterstattung anhand der beiden Jahrgänge 2014 und 2015 in Angriff genommen haben. Wer sich für Einzelheiten der Zeitungs- und der Artikelauswahl interessiert, kann dazu im Kapitel zwei der Studie Das Forschungskonzept alles nachlesen. Natürlich sind die bekannten überregionalen Zeitungen wie SZ und FAZ, Handelsblatt und taz, Zeit und Spiegel dabei.

Wir leben in Zeiten von Big Data. 360 meist längere Zeitungsartikel sind für Softwareprogramme mit Algorithmus-basierten Analyseverfahren ein Klacks. Ohne dass die Wissenschaftler einen einzigen Artikel selbst gelesen haben müssen, legen schon allererste Computerleistungen wichtige Eindrücke offen. So spuckt der Computer nach entsprechenden Vorarbeiten auf Mausklick aus, welche die häufigsten Hauptwörter sind, die in den Zeitungsbeiträgen vorkommen. In unserem Fall: Unternehmen, Menschen, Arbeit, Digitalisierung, Welt, Industrie, Deutschland, Zukunft, Prozent, Jahren.

Schon anhand dieser zehn häufigsten Nomen lässt sich eine erste Hypothese bilden: Es geht in der journalistischen Darstellung wahrscheinlich um eine globale und epochale Problematik mit einem starken Bezug zu deutschen Industrieunternehmen. Am Ende zeigt sich zum Beispiel, dass die Redaktionen immer dann besonders wenige Probleme mit der Digitalisierung haben, wenn es den deutschen Unternehmen dabei gut geht, solange also die Verlierer irgendwo im Ausland leben und leiden.

Vergleichbare erste Befunde lassen sich auch anhand der häufigsten Eigenschaftswörter (neu und digital) und der Tätigkeitswörter ermitteln. »Können« und »müssen« stehen ganz weit vorne. Ein Indiz dafür, dass Möglichkeiten und Notwendigkeiten eine besonders große Rolle spielen. Die spätere Lektüre der Texte zeigt dann, wie sehr einerseits die technischen Phantasien in den Himmel wachsen, wie sehr aber andererseits darauf gedrungen wird, dass sich niemand der Digitalisierung entziehen dürfe: Alle müssen mitmachen, dabei sein ist alles, wo es her kommt und wo es hinführt, ist nicht so wichtig.

Alle müssen mitmachen, dabei sein ist alles, wo es her kommt und wo es hinführt, ist nicht so wichtig.

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Die Softwareprogramme des sogenannten »Text Mining« gehen über solche ersten Fingerübungen weit hinaus. Mining meint tatsächlich wie im Bergbau das Schürfen und Freilegen. Sowohl die Computeranalysen als auch die eigene Lektüre der Texte zielten bei unserer Studie nicht auf Unterschiede zwischen den Medien. Wir haben die Zeitungen nicht miteinander verglichen. Uns interessierten vielmehr die übergreifenden Erzählungen, die großen Linien, die sich aus ihrer Berichterstattung ergeben. Welches (Welt)Bild wird dem Publikum vermittelt? Dabei war in Anbetracht der prinzipiellen Pluralität der Medien nicht als selbstverständlich vorauszusetzen, dass so unterschiedliche Publikationen wie die von uns untersuchten, »unabgesprochen« an gemeinsamen Bildern malen und nicht an sehr verschiedenen. Aber es hat sich – bei durchaus pluralen Ausflügen im Detail – doch gezeigt, dass es durchgehende sogenannte Narrative gibt.

Vier Punkte seien hervorgehoben

  1. Die Zukunft der Arbeit wird weitgehend als unpolitisches Thema behandelt. Die Medien berichten durchaus und sogar ausführlich über Gefährdungen und Risiken des digitalen Umbruchs für die Arbeit, über stärkeren Konkurrenzdruck zwischen Arbeitsuchenden, schärfere Kontrollen der Arbeitsleistungen, die Entgrenzung der Arbeit, wachsende soziale Unsicherheiten für die Beschäftigten. Aber der Tenor ist, das wird schon nicht alle treffen, einigen wird es auch besser gehen, dagegen unternehmen kann man jedenfalls nichts.
  2. Die Digitalisierung erscheint als Schicksal. Gott und die Natur bauen keine Pflüge, auch keine Nähmaschinen und keine Backöfen, sie konstruieren weder Eisenbahnen noch Computer, das machen wir Menschen alles selbst. Aber die Zeitungen schreiben über die Digitalisierung, als handle es sich um eine Sturmflut, die über uns kommt. Die Geschichte, welche die Artikel in der Summe erzählen, lautet: Es war einmal die Digitalisierung, die zog über das Land und den ganzen Erdball. Ihr den Weg frei zu machen, war das Einzige, das wir Menschen machen konnten.
  3. An der Zukunft der Arbeit interessiert ihre wirtschaftliche Seite, sonst wenig bis nichts. In der Mediendarstellung hat die Digitalisierung erstens einen wirtschaftlichen Sinn und dann kommt lange nichts mehr. Kosten zu senken und Einnahmen zu erhöhen, diese unternehmerische Zielvorgabe ist Ausgangspunkt und konstante Größe. Andere Zwecke, Absichten und Wünsche, wie Vorstellungen von gutem Leben, Interessen der Beschäftigten, kulturelle Werte und Normen, politische Ambitionen, werden als Variablen behandelt, die sich dem ökonomischen Effizienzanspruch anzupassen haben.
  4. Es fehlt eine humane Fortschrittsidee. Die Vorstellung, dass mit den neuen technischen Potenzialen der Mensch von Arbeit stärker befreit werden könnte, hat so gut wie keinen Platz in der Berichterstattung. Alternative Ansätze, anders zu arbeiten und anders zu wirtschaften, die den Digitalisierungsprozess begleiten, bleiben weitgehend unbeachtet. Gemeinsam und auf Augenhöhe, bedarfsorientiert und ökologisch wie es in der Open-Source-Bewegung, in den Creative-Commons und im sogenannten Peer-to-Peer-Sektor zugeht, das sind Entwicklungen, die den Journalismus nicht wirklich interessieren.

»Zurück bleibt der Eindruck von einer Republik, die jedenfalls in der großen Frage der Zukunft der Arbeit eher schlecht informiert ist über ihre eigene Vielgestaltigkeit und Vielstimmigkeit«, lautet mit Blick auf die Presseberichterstattung unser Schlusssatz.

Arlt, Hans-Jürgen/ Kempe, Martin/ Osterberg, Sven: Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema. Presseberichterstattung zwischen Mainstream und blinden Flecken. OBS Arbeitsheft 90, Frankfurt/Main 2017, 110 Seiten. Kostenlos zu beziehen über www.otto-brenner-stiftung.de

Geschrieben von:

Hans-Jürgen Arlt

Professor für strategische Organisationskommunikation